Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 39 (1884) · p. Seite 154

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
39 (1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 154 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/6492351-8722841-5938243--0193-5377734
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 154 — Krauen und Linder. Mädchen in weißen Gewändern. mit Kränzen geschmückt und Blumen in den Händen zogen hinan» vor'« Thor und stellten sich dort läng« der Kaiserstraße, wie man damal« die breite Heerstraße nannte, in zwei Reihen aus. Di« stet« frühliche Bassenjugend, der grüßte Theil davon barfuß und barhaupt, lief hinterher, Lust und Neugierde in den lachenden Gesichtern. .Komm mit-, schrie Mathie«, der Schneiherjunge. seinem Freunde, dem Schusterhannet. zu. der, ein Paar glänzend gewichste, neue Stiefel in der Hand, auf dem Platze erschien. „Kann nicht", klagte dieser iveinerlich, „muß bringen erst Keinem Pän Rath Kratochwil neue Stiefel seine". „Kannst'« später thun, versäumst sonst da« Spektakel draußen!" rief der jugendliche Verführer. Hannes, kurz entschlossen, hängte die zusammengebundenen Stieseln über die Achsel, daß sie ihm zu beiden Seiten baumelten, und rannte mit Mathie« zum Spekiakel, da« beißt zum Empfange de« Erzherzog« Karl, der von Olmütz kommend, einige Tage in Proßnitz zu verweilen beabsichtigte. Der Gemeinderach hatte den solennen Empfang vorbereitet, um dem großen Feldherrn seine Huldigung zu bezeugen. Pan Rath Kratochwil, ein dünne» Männchen, stand indeß fix und fertig im langen, schwarzen Rock und mit der weißen Halsbinde angethan, in seiner Stube und nur für seine mxh nackten Füßchen harrte er ungeduldig der neuen Fuß-Bekleidung, um sich an die Seite seiner College». der Rathsherren, zu begeben. Rervüs kaute er an den Rägeln, trampelte und trippelte hin und her; endlich, des vergeblichen Warten» müde, in Wuth geratbend, stampfte er aus den Boden und schrie nach Josefka. daß sie, die schon drei Mal bei Meister Schuster gewesen, nochmal« hinlaufe. Aber Josefka Hütte ihn nicht mehr, sie war vor'« Thor geeilt, wie alle Welt. E» blieb ihm nun nicht« übrig, als die allen Stiefeln, die an einem unverschämten Loch zu leiden hatten, anzuziehen und, trotz seiner RathSwürde hinauSzurenne», wie Alle« rannte. * Glücklicher Weife kam er gerade an, da die Böllerschüsse zu donnern begannen und jubelnde Hochrufe den gefeierten Gast brwillkommten. Langsam fuhr dieser durch die festlich« Menge, nickte dankend bei de« Bürgermeister« Red« und nahm huldvoll von einem schönen Mädchen einen riesigen Blumenstrauß entgegen. Weiter vorwärts standen die Vertreter der jüdischen Gemeinde. Bei diesen angelangt, ließ der Erzherzog seinen Wagen halten, und al« LSw an der Spitz« de« Vorstände«, sich tief verneigend vortrat, sprach er freundlich zu ihm: .Wie geht e« Dir, Lüw? Du warst oft bei mir in Wien, heute will ich D i ch einmal besuchen. Ich will Dir dadurch zeigen, daß ich Dich a>« wackeren Mann schätze. Heute Nachmittag komme ich zu Dir".*) Man kann sich denken, welchen Eindruck diese Worte nicht nur auf Lüw, sondern auf Alle, die sie hörten, machten. Die ganze Gemeinde fühlte sich in ihrem Vorsteher geehrt. Mit Stolz und in freudiger Bestürzung eilte dieser nach Haus«, um den Seinen den hohen Besuch zu verkünden. (gvrtfetzung folgt.» Noch «twas vo« L«b»oer Maggid. Von vlorltz Gcherbel, Prediger tn flhuabiniwit. „Man braucht nur zuzugreifen,* ward jüngst an -dieser Stelle geäußert, mit Bezug auf da« Treffende, lieberzeugende, Packend« und Humoristische, da« in den Gleichnissen liegt, in welchen der populärste und beliebteste der Magidim, der „Dubner", un» die Heilige Schrift Nar zu machen versteht. Und in der That, e« sind die Werk« diese« Manne« wabre «ruben religiöser Belehrung, und mögen auch seine ntsf« mitunter recht sonderlich sein, so treffen sie doch *) De« Erzherzog» «lge« vor«. immer den Nagel in der Weise auf den Kopf, daß jefttkk Nacherklärung überflüssig wird, wie solche« auch folget, zwei Gleichnisse von ihm erweisen werden. Zur Erklärung der Schriftsteller »Füget zu dem Won», da« ich euch beschle nicht« hinzu, und nehmet nicht« da»«,' hinweg* — hat er da« Gleichniß: »Ein Mann — wir wollen ihn hier B. nennen - ging zu seinem Nachbar und lieh sich eine Schüssel von ,h», und am andern Tage bringt er ihm zwei hierfür zurück. Selbstverständliche« Verwundern de« Nachbar. »Wie kommst du dazu, mir zwei Schüsseln zurückzubringen, da ich dir j» doch nur eine geliehen habe?* — fragt er den B. »Rim, hin* — erwiderte dieser, — »nimm hm und freue dich drt dir gewordenen Segen«, denn dein günstige« Geschick Hot et gewollt, daß deine Schüssel heute in der Rächt bei mir — geboren hat, und der junge Sprüßling der Schüssel ko», also nur al« dein Eigenchum gelte».* — Darob großes Erstaunen und grenzenloie Unbegreiflichkeit de» Nachbarn, ioa< ihn indeß nicht abhält, den gewonnenen Segen einzuheims», und dem B. da» freundliche Anerbieten zu machen, sich vo, seinem HauSgeräth so viel er nur wolle zu jeder Zeit z, leihen. B. macht Gebrauch von dieser sicherlich nicht u». eigennützigen Bereitwilligkeit, und leiht sich bald Töpfe, bald Schüsseln und Löffel, welche er dann immer in doppelter Zail, in Folge stattgehabter nächtlicher Bermchrung zurückbrachte. Eine« Tage« nun kommt B. und bittet den Nachbar» ihm zu einem bei ihm bevorstehenden Familienfeste eine, silbernen Leuchter zu borgen. Freudigen Eifers eilt der Nachbar an den SÜberschrank. Den größten, ja allergrößt« der Leuchter sucht er hervor, um ihn dem B. zu leihen, denn er calculirt also: j: werthvollcr er ist, desto größer ist bei der sicher eintrrtenden Geburt auch der Gewinn. — Vertrauensvoll übergiebt er dem B. da« Prachtstück und schwelgt schon in der Freude de» Kindersegen«. Allein der anden Tag kommt, und der B. zeigt sich nicht, e« gehen gar zchn Tage hin, und der Rachbar wartet noch vergeben» aus da« Leuchterpaar. Aengstlich geworden geht er hin zum V. »Was tff« mit dem Leuchter?* sagt er zu ihm, »Aar ist« mit dem Leuchter, den ich dir geliehen und den du mir nicht zurückbringst?* ,O, jammrr und traure* — erwiderte der Andere — jammre und traure, über da» Unglück, da« deinem Leuchter widerfahren, denn er ist in der Nacht, in welcher ich ihn bei mir hatte, plötzlich gestorben.' — Ein selbstoerständliche« Auffahren de» Nachbar». »Wie, wa«?* schreit er — «Gestoroen ist der Leuchter? ha. wem vermagst du so was einzureden, Betrüger, Lügner, — kann denn rin Leuchter sterben?* — »Pah,* erwiderte Jener, »wenn eine Schüssel gebäre» kann, warum soll nicht auch ein Leuchter sterben können?* — Man siebt gar oft, wie die u »wissende Masse sich bestrebt, ihre Frömmigkeit in Handlungen darzulegen, und zu vermehren, die absolut nicht« mit der Frömmigkeit gemein haben, während sie auf der anderen Seite den werthvollsten Vrstandtheil der Frömmigkeit denselben entfremdet und entwendet. — Zur Stelle: »E« sollen di« Worte, die ich dir Heu« beschle, dir stet» auf dem Herzen bleiben* — führt er an: .Ein Bauer tritt in einen Kleiderladen und verlang einen Rock zu kaufen. Der vchtzer de« Geschäft« sicht sich den Mann an. betrachtet seine Größe und Stärke, und reicht ihm dann einen Rock, von dem er sagt, daß er ihm passt» müßte. Run aber versucht der Bauer den Rock über Ja« Pelz und die sonstigen Kteidung«stücke, die er trägt, hinweg j« ziehen, wodurch er denn, al» er mit Mühe den Rock angezogen bat, wie in einer Zwang«jacke in demselben steckt. Aergerltch spricht er zum Kaufmann: »Du verstchst de» Geschäft schlecht. Du sagtest, daß mir dieser Stock passe» müßte, und nun sich her» wie er mich zusammrnpreßr uut zusammenschnüret.*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.