Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 38 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 151 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- 151 - _. [fm Israel» eingetreten ist und zu jeder Stunde unbe- , «och immer eintrit». Wa« Zunz durch kort und Schrift ptrcbt hat: der jüdischen Wissenschaft den ihr gebührenden i) anzuweisen und die Jtraeliten selbst zu verbessern und ,veredeln, da» hat Lazaru« durch Wort und That angestrebt zum guten Theil auch erreicht. «oll ich trockene Daten, ermüdende Jahreszahlen und graphische Notizen aufzählen und zusammenlrsen. um dem ildelc» Leser ein Bild vo» Moritz Lazarn» zu entwerfen? vzu au« dem Grippe dürrer Zahlen und Daten un« erst ein zuiammenstelle». wo die volle Persönlichkeit de» Manne» l, Gebildeten ohnehin klar und deutlich vor Augen steht? die Geschichte und Geschicke der Juden in den letzten obrplniten aufmerksam verfolgt hat — und da» kann man id) von jedem gebildeten Juden mit Fug verlangen — der irb den Namen Lazaru» in allen bedeutung»vollrn Phasen ■Ofltvn mit goldenen Lettern verzeichnet finden, und namentisi dieser Name mit der inneren und äußeren Entwickelung deutschen Jude,,«hum» in den legten Jahrzehnten »zerirennlich vrnvachsen. Auch voi, Lazaru»' bahnbrechenden Leistungen in der iWeuschast will ich an dieser Stelle nicht sprechen, denn Idvniber hat die berufene Kritik längst ihr Votum abgegeben. Ibidem sie ihn nebst seinem ebenbürtigen Schwager, Professor iLttinthal, al» die Pfadfinder auf dem von ihnen neu Imchlossrnen Gebiet der .VNterpsychologie" einstinunig b«. Izachvct. Darüber braucht man ja nur eine beliebige neuere I Literaturgeschichte oder irgend ein Konversation««Lexikon Iwchzuschlagen. Au« der wunderbaren Bielseitigkeit diese» I Harnte« leuchtet aber namentlich eine Seite hell und strahlend hervor. die man vergeblich in ei»em Eonversatiyn»-Lexikon «ifsuchen wird, die aber für un» J«raeliten von »vesentlichster «d durchschlagender Bedeutung ist: sein mannhafte», beispielvedende» Eintreten für da« Judenthum nach Außen wie Md) Innen! Sein rastloser Eifer al« Präsident der Synoden a Leipzig und Aug»burg. seine opferfreudige Thätigkcit im Deuisch-I-raelitischen Gemeindebunde, sein selbstlose» Wirken sir die jüdische Wissenschaft und deren Jünger, sein hinzedung-voller Opsermuth während der russtsch-jüdischen Be« »eguiig. seine hervorragende Mitwirkung in sämmtlichen jvdischen Bereine», ivelche Bildung. Gesittung und Auf« kliruug unter den Juden verbreiten — da« sind THalen, die vielleicht nur ein versteckte« Plätzchen in seinem Ruhme«» Kauz einnehmrn. die aber »»verweltlich sortblühe» werden. vr. Ludwig S t e i n»Berlin. «Möge den, Sechzigjährigen die Kraft verliehe» sein, »och fort und fort zu wirten und zu lehren zur Edrr Itrael«. daß ihm am siebzigstm Grburi»«ag der Dankr«jubel der ganzen deutschen Judenhnt verdientermaßen zu Theil iverde! — —— Die Redaktion.) Dr. Abraham Steia. Wenn dir Gewichte unserer Leben»uhr niedergesunken ß»d, der Mensch aufhvn ein Glied in der continuirlichen der Menschheit d. i. der Geschichte zu sein, da» Grab- Heit den geistigen Werdeproeeß beendet, uni den Kvrper der chemischen Zersetzung anheimzustellrn, dann erst können wir «» Werden und Streben de« Dahingegangrnrn intuitiv erichaum und erfassen, dann erkennen wir auch da» treibende >0fli», die geheime Triebfeder, die den geistigen Apparat in «wegung setzte und Manche«, wa« un« al« Räthsel erschien, m>drt seine Erklärung, wenn wir auf den letzten Grund der v»udlung«weise zurückgehen. Haben wir die logische Aufnuandersolge von Ursache und Wirkung erfaßt und vergleichen Resultat de« Denken« mit dem »n der Praxi« durchge» mhnrn. dann müssen wir ob der Kühnheit solcher Au«füh» J*"0 staunen und die Energie und den Mutb bewundern. solche« au»zuführen sich getraute. »Wenn die Eiche ge- >En. erlenneu wir erst »bre Größt". Und eine mächtige Eiche ist gefallen, deren Wurzel weit bnrnchte und sich tief eiugegraben hatte im Boden der Wissenschaft. Die hiesige Gelehrtenwrlt. die jüdische Wissenschaft hat einen großen Verlust erlitten. Da« Alte stürzt, aber kein neue« Leben blüht au» den Ruinen empor. An der Seite de« Baker» der jüdische» Wissenschaft, de» Altmeister- Rapoport. erhebt sich ein neuer Grabhügel, der die entseelte Hülle eine» Manne» birgt, würdig der Nachbarschaft eine« Rapaport, dessen Schüler. Freund und Amt»» college der Berstorbrne war, der Grabhügel de» vr. Abraham Stein. Stein, der ein immense- Wissen auf dem Gebiete der jüdischen Alterthum-kunde, Philosophie. Litteratur und Sprache besaß, dessen Eharakter tad.llo» rein, dessen Thun der Ausdruck seiner edlen selbstlosen, nur da« Wahre anstrebrnde» Denkweise ivar, au« innerster Ueberzeugung ein Borkäinpser und Bertheidiger der Aufklärung und de» Licht», war geboren zu Wanfried in Hessen im Jahre 1818. Im zarte» Kinde verrieth sich schon die Lernbegier; denn zu 3 Jahren lernte der kleine Abraham schon, um zu 13 Jahren zu lehren! In diesem Alter hielt er bereit» eine Leichenrede! Er studitte in Bonn und Marburg, war einige Zeit tosmeister in Fulda und envarb sich da wie überall eine chaar auftichtiger Freunde wie z. B. Löw in Szcgedin, Kirchenrath Goldschmidt, Laiidrabbiner Meier u. v. A. Sein erste» Rabbinat war da» zu F i l e h n e; dann kam er »ach Danzig und seit zwanzig Jahren wirkte er al« Prediger der Meisrlsh»agoge»>Gcmci»de zu Prag. Uebcrall vo» dem Streben »ach Bervollkommnung beicelt, war die Studirstube sein liebster Aufenthalt, da« Bcrbreite» und Fördern der jüdischen Wissenschaft sein größte» Vergnügen. Die Resultate seiner geistigen Arbeiten venverthete der Verstorbene i» seinen philosophisch durchhauchten, tief durchdachten Predigten und wissenschaftliche» Vorträgen, deren er viele im .Vereine zur Verbreitung der jüdischen Wissenschaft" und im .Deutsche» pädagogischen Vereine", dessen Borstand«- mitglied er ivar, bi» der am 30. August — S. Ellul — erfolgte frühe Tod seinem Strebe» und Forsche», Lehre» und Lernen ein Ende machte. Seit zwei Jahren hielt er für Eandidate» der Theologie Vorträge über »euhebräische Litteratur. in denen vorzüglich Juda Halevi'» Eosare und Maimonide» Morr Rebnchim behandelt wurde». Die vollständige Anerkennung seine» Streben» und Mühen» ward ihm bei der am 1. September stattgcsundenen Begräbnißfeier zu »eil, an ivelcher sich die ganze gebildete jüdische Welt betheiligte. Herr Obrrrabbiner Hirfch al» erster Redner betrauerte in seiner Rede den unersetzlichen Verlust, den die jüd. Wissenschaft erlitte», er feierte de» großen Gelehrten, den treuen Vater, den liebenden Gatten und Bruder. Hierauf sprach Herr vr. Tauber, Gymnasiallehrer und Prediger der Nrusynagogr, in Vertretung de» Verein» zur Verbreitung jüdischer Wissenschaft »Afike Jehuda". Der selbst empfundene und mit ivarmen Worten wlkdergegebene Schmerz, mit welchen derselbe den treuen AmtSbruder, den gelehrten Eolleaen betrauerte, wirtte so tief, daß kein Auge trocken blieb. In formvollendeter, inhaltreichcr Rede vertheidigtr hierauf Herr vr. S. Back, Rabbiner i» Smichow, den oft und vielfach augegriffrnrn Verstorbenen, der zumeist nicht verstanden und daher mißverstanden wurde. Seine, manche Neuerungen anstrebende Handlungsweise ver« theidigte er al« dir io praxi übertragene Eonsrquenz seiner wissenschaftlichen Denkweise; für die Eonsrquenz seiner Ueberzeuguna und Denkweise rinzustehen sei da« Kriterium eine» wahrhaftigen Eharakter«. Zum Schlüsse sprach Herr vr. Grün. Gymnasiallehrer und Bibliothekar, sowie auch der Vorsteher der Meisrlsynaaogr, dessen geistige« Oberhaupt der verstorbene war. Die Traurrfeier wähne nahezu vier Stunden. Man schied mit dem Bewußtsein, einen bedeutenden GelehNen. einen erleuchtNen charakterfesten, überzeugung-treuen Rabbiner zu Grabe getragen zu haben, der werth und würdig sei, neben einem der Meister und Mitbegründer der jüdischen Wissenschaft grbNtN zu sein. Sein Andenken wird gesegnet bleiben I , —«a.