Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 37 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/6492351-8722841-5938239--0183-5377726- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
nachfolgenden Tanz', bcm fic sich dann auch lebhaft hingab. Der ander« Morgen bracht« unser«» Rabbinat« - Eandidaten seine erste Funktion, da« „Bedecken". Mitten im Saale. umgeben von zahlreichen Frauen, in feierlicher Stille, sab die Braut auf einem buntgeblümten Lehnstuhle. Urber ihr. hoch bi« zu« Halse geschloffene« Seidenkleid hingen. schlicht herabfallend! ihre langen Haare. Da öffnete sich die Thür, und e« erschien der junge Sunktionär, begleitet von den männlichen Gästen. Er trat ngsamen Schritte» auf die Braut zu und sie segnend, bedeckte er mit einem dichten, goldenen Schleier ihr Haupt und - Antlitz. Dem reichen Frühstück, da« nun folgte, entzogen sich nur zwei; die beiden Hauptbetheiligten, Braut und Bräutigam fasteten, wie an einem BersöhnungStage. Sollte doch auch mit dem Hochzeitstage die alte Zeit sich abschließen und ein neue« Leben beginnen, in welche« da« junge Paar gern geheiligten Gemüthe« eintritt. Der Bräutigam muhte heute fern von der Braut weilen. Bei dem Trauungöakte erst durste er sie Wiedersehen. Mit der ersten Nachmittagsstund« wurde der Trauhimmrl im Hofraume de« Brauhause« aufgestellt. Die Personen, die sich damit befaßten, hatten zuvor einen Kampf aufzunehmen gegen die sonst hier berechtigten und sich breitmachenden Jnsaflrn, gegen die Gänse. Enten, Hühner und Hühnchen, die schnatternd, schreiend, die Flügel spreizend sich dagegen wehrten, daß man sie ihrer Freiheit berauben, sie von ihrem Platze hier verdrängen, in eine Kammer sperren wollte. Sie dursten, so mochten die Widerspänstigen denken, wohl auch da bleiben, mit der lustigen Jugend de« Städtchen« um die Wette, welche sich lachend und lärmend herum postirte und zur befferen Besichtigung auch wohl die niedrigen Dächer ringsum erklomm. War doch eine Judenhochzeit da» allerseltenste im Orte, wo damal« kaum zwei Judenfamilien ihren Wohnsitz fanden. _ (Fortsetzung folgt.) Der Talmud i» Japa». Giebt ti int Reiche de« Mikado auch solche große Gelehrte wie Rohling, Justus und Gildemeister, die den Talmud nicht verstehen und ihn al« ein gefährliche« Werk denunciren? Expertsten europäische Antisemiten vielleicht ihre faule und schofle Waare nach Aeddo. der Hauptstadt der japanesischen Intelligenz, um sie von dort au» über ganz Japan zu verbreiten'? Rein! Den» wenn auch Rohling, anstatt an den Ufern der Moldau an der Universität zu Yokohama hebräische Alterthümer vortragen und „Rauch (trara,) in „wir haben gelernt" (tenin,) verioandeln oder au« „den himmlischen Schutzaristern der Nationen" (rar« h»-ammot), selbst dem edlen Eisenmenger zum Hohne, „Regenten au« Fleisch und Blut" machen würde, welche die Juden zu tödten nach jüdischer Lehre verpflichtet seien, so würden alle seine frommen Anstrengungen. — um nicht seine Brüder, die Ehristen — sondern die Juden zu beffern und zwar durch da« originelle Mittel, die Leidenschaften gegen sie anzufachrn, Haß gegen sie zu schüren und Verfolgungen zu veranlaffen. nicht einmal einen raooä» d’estim« dort haben, da e« in Japan weder Ezechen noch japanesische Gemeinden giebt. die mandelförmigen Augen der Japanesen für fanatische Blicke nicht geschaffen sind und die jüdische Sprach« kein Wort für religiöse Intoleranz besitzt. Ein Mitglied der japanesischen Gesandtschaft in Wien da« bei^meinem Sohne Prof. Georg Jellinek juridische Vorlesungen an der Wiener Utitversität hörte, besprach einst mit einem feinen ironischen Lächeln die Aufllärung und die Bildung der Europäer in religiösen Angelegenheiten und äußerte, dag ein Sohn Japan« absolut unfähig sei. sich in die Seele -.derer zu vettetzen. welch« Menschen deshalb bedrücken oder verfolgen, weil sie ihre eigenen BorstÄungen über da« Göttlich« und den 2o«mo« haben und durch besondere Feste und Eerrmonien von Anderen sich unterscheiden. E« dürste daher gerathen sein, nicht blo« Schirme zum Schutz« gegm dt« sengende« Sonnenstrahlen, sondern auch etwa« Toleranz au« Jap« »u beziehet,, wenn nicht zu befürchten wäre, daß sie »ata den von Nächstenliebe triefenden Völkern wenig Absatz stade Die Ehinesen kennen lest Jahrtausenden da« Gebot: „Sich Deinen Nächsten, wie Dich selbst-* Vielleicht fühlt sich uasa verehrter Freund, Herr Professor Strack in Berlin, veranlaßt, in der Peckinger Kreuzzeituna nachzuweisen, daß nicht bto« die Juden die allgemeine Nächstenliebe erst au« Ehrhsostomo« liebevollen Reden gegen die Juden, von der mittelalterliche, Inquisition und von dem modernen Antisemiti«mu« gelernt haben, sondern auch die Bewohner de« Reiche« der Min, und wenn der Satz: „War Dir unlieb ist, thur nicht Deine, Nrbenmenschen" dem weisen Eonfutse in den Mund gelegt wird, so ist da« ebensogut ein chinesischer AnachroniSmu«. wie die Behauptung, daß Hillel bereit« 30 Jahre vor der gewöhnlichen Zeitrechnung die allgemeine Menschenliebe al« den Mittelpunkt der Thora erklan hat. ein rabbinischer Kunstgriff ist. Warum sollten nicht die Ehristen über Eonfutse wie die Rabbiner über Hillel von einem Bettina Profeflor, der weder rin Mandarin noch ein Rabbi ist. sich belchren lassen? Unbescheidenheit ist nicht blo« eine jüdische, besonder« unter den Eantoren heimische Untugend. sondern soll auch unter Profefforrn hie und da gefunden werden. Herrn Professor Stark, der „die Sprüche der Väter" edin und mit erläuternden Noten versehen hat, wird der Spruch bekannt sein, daß nicht die Forschung, sondern die That, nicht die schöne Throne, sondern die edle Praxi« auf dem Gebiete der Religion die Hauptsache ist und wenn man diesem Spruche folgend, die geschichtliche Praxi« fest Jahrhunderten befragt, so antwortet sie, daß die Juden da» Gebot der allgemeinen Menschenliebe im praktischen Leben befolgt, während Millionen, die sich Ehristen nennen, e« blo« im Munde gefühtt haben. Faota loqauntar! Doch lassen wir da« Reich der Zöpfe und die Professoren-Debatte in Berlin und wenden wir un« unseren: Gegenstände wieder zu. „Der Talmud in Japan" bestätigt einen geiswoll durchgesühtten Essay meine« Studiengenossen von Leipzig her. de« Professor« Max Müller in Oxford, über die Wanderung von Fabeln durch alle Länder und Rationen der Erde. E« giebt Märchen. Fabeln, Parabeln, Sprüche in Bildern, welche mit geringen Veränderungen, Erweiterungen und Verkürzungen bei den entlegensten Völkern gefunden werden, ohne daß ein Volk sie von einem andern direkt entlehnt hat. Sie haben im Laufe von Jahttausenden eine Reise um die Welt getnacht, ohne daß man im Stande wäre, die Menschen zu nennen, die sie hinausgetragen haben Die« bewähtt sieh im folgenden talmudischen bilderreichen Sinnspruch, der bald in eine ethische und bald in eine religion«- philosophische Spitze ausläuft. Ein talmudischer Weiser sag« einst (Lab» batn, 10,): ,.E« giebt zehn starke Dinge in der Welt: den Berg, den da« Eisen durchschneidet; da« Eisen, da» da« Feuer schmelzt; da« Feuer, da« da« Wasser löscht; da» Wasser, da« dir Wolken tragen; die Wolken, die da Wind zerstreut; den Wind, den der menschliche Körper trägt; den menschlichen Körper, den die Furcht erschüttet; die Furcht, die der Wein verscheucht; den Wein, den der Schlaf schwächt; den Tod, den stärksten unter allen: Almosen aber rettet selbst vom Tode." An einer andern Stelle im Midrasch (Kohelet Rabb* o. 7, ▼. 26) werden vierzehn Dinge mst dem Zusatze, daß sich eine« über da« andere stolz erhätt, in dieser Reihenfolge aufgnählt: Der Abgrund, die Erde, der Berg, da« Eisen, da« Feuer, da« Wasser, die Wolken, der Wind, die Wand, der Mensch, die Leiden, der Wein, der Schlaf, die Krankheit, der Tode«engel." Den Schluß bildet dort die malitiöse Pointe: „Schlimmer al« alle diese ist ein schlimme« Weib." Im religion«philosophischen Interesse werden diese Bilder (MidrMoh rabb, rar Lira««», am Ende de« 38. Eapitn«) in folgender Weise verwendet. Rimrod forderte Abraha« auf, da« Feuer anzubeten. Dieser erwiderte: Da« Wasser