Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 35 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 139 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/6492351-8722841-5938237--0174-5377719- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 189 — I An Läute» und Klingeln lieb sich inzwischen vor der »hüi vernehmen. als wären aus rimnal alle Glocken Romü E 5<hwung gesetzt und schon rückte sie. die Karawane, heran neue Punmspirler, baumstarke Kerle, jeder mit einem Krilp! Shawl das Haupt umwunden, denn sie sind Türken, K^dt aus dem Türken lande und ach. was für Qualm laffen M aus ihren Tschibuks aufsteigen, daß die Rauchwolken wir Ewarzc Schlangen sich zur Zimmerdecke cmporwinden. Dazu Edijt jeder der Spieler in seiner Rechten eine Schellcnpauke Eil zahllosen Glöckchen, die er unberrmherzig mit den Fäusten Eirbeitet, dag es rauscht unv klingelt und einen wüsten Lärm Erursacht. I Noch daß uns von dem rvüsten Glockenlänn der so eben Lbgezogenen Carawane die Ohren sausten und gellten und Ej)on kündigte ein Scharre» und Trampeln vor der Thüre Luk neue Künstlergrscllschaft an. Siehe, da bewegte er sich Enispurig heran der Patriarch Jacob mit dem langen, großluächtigen Flachsbarte und hinter ihm zehn seiner Söhne. Imaalnge Kerle mit Metzgrrfäustrn, die ihm seinen geliebten Icobn Joseph an die Mibjunim verkauft haben und schon Ihnue wohl zum hundertsten Mal sängt der arme Jacob mit leiserer, auSgetrockneier Kehle sein Klagelied an: I ,2t el, wa« hebt man un I .Wo ist Joseph mein Sühn'/"') I Leider mutzte diesmal der arme Patriarch sein Klage- Ilild mitten drin abbrechen, den plötzlich zeigten sich auf der Schwelle der Thüre zwei auffallende Masken: eine Frau am >nne eine» Manne«, beide ungewöhnlich reich kostumirt und Non schönem, imposanten Wüchse. Allein kaum daß sie sich etwa« von der Schwelle der thüre entfernten, war bald ihr Geheimnitz den Tischgästen «nrathen . . . «Schluß folgt.) vethel Henry Strousberg und daS Jndenthnm. von it. W. (Fortsetzung) »Wenn reich gewordene Juden sich in unangenehmer Weise hewonhun, so geschieht dies zum großen Theil aus falsch «erstandener Familicntiebe und Ehrgeiz. Familienliebe ist eine kr hervorragendsten Triebe der Race, und Ehrgeiz (eine da» limporstreben begleitende Eigenschaft) glüht um so brennender » der Brust de« emporgekommrnen Juden, als trotz aller «gegensprechenden Symptome überhaupt ein jeder Jude die Unterdrückung und Erniedrigung seiner Race tief empfindet, kenn Biele, vielleicht die Meisten, dadurch nirdergebeugt, de- «ralisin und entwürdigt worden sind, so haben Alle dafür »litten. Die religiösen Eeremonien der Juden sind voll von »brünstigen Gebeten um Befreiung, und selbst der verlmmeiiste unter ihnen denkt, so lange er von seiner Religion wch etwas weiß, zähneknirschend an seine Erniedrigung, ob- »«hl er darin schon moralisch untergegangen sein mag. Die Emancipation allein ist nicht genügend; der Jude »I« Race wird erst dann seine wahre Größe zeigen und der Gesellschaft wahrhaft nützlich werden, wenn Haß und Berührung gegen da» Geschlecht aufgehört haben. Gesetze, die ck der Race unmöglich machen, materiell zu prvSperiren, fanen nicht gemacht «.erden, dir Fähigkeit sich auf allen «bieten emporzuschwingen, ist den Kindern Israel» nicht abplsprrchen; durch gemeine Beschimpfungen, wie diese in jüngerer 3"} Mode geworden sind, kann man den leider bestehenden V°B gegen Juden wohl potenziren, während damit aber Emporkommen nicht verhindert tverden kann, läuft man «suhr, dadurch die schädlichen Einflüsse, welche da» moderne Enihum hie und da au«übt, chronisch zu mache». Bvrur» jjWUftt« Behandlung, Nichtbeachtung von Racrnverschiedrn» W*n iverden allein dahin führen, daß der Jude mit dm *) C, «ehl Wo« ansangen? Wo ist mein Sohn Joseph. Einwohnern de» Lande« ein» wird. Jahrtausende der Unterdrückung habm nicht vermocht, das Judenthum zu bekehren, der moderne Jude, wenn nicht durch Verfolgung gereizt, hört auf, seine Religion zu befolgen und für die Kinder ist. wmn auch nicht gleich Ucbergang zum Christenthum, so doch Abfall vom Judcnthum beinahe selbstverständlich, und da» Weitere rrgiebt sich dann naturgemäß.*) Tie Kinder und KindcSkinder solcher Juden, die sich taufen ließen, deren Herkunft vergesien, oder wenigstens nicht mehr beachtet wird, sind ein lebende« Beispiel von der EntwickclungSfähigkeit der Juden im besten Sinne de« Wortes. Unter den Richtern und Beamten Preußen» gicbt es viele von Juden Abstammcnde, die im Punkte der Ehre, der Selbstlosigkeit, der Vaterlandsliebe und Berufstreue den besten Muster» zur Seile gestellt werden können. Der reichste wie der ärmste Jude scheut keine Opfer, um den Seinigen die höchst mögliche Bildung zukvmmen zu lasten, und stattet gewöhnlich seine Kinder schon bei Lebzeiten mit einem großen Theil seines Vermögens aus. Diese <Älbstlosigkeit der Familie gegenüber ist ein Hauptgrund für da» in materieller Beziehung auffällige Einporkommen der Juden. E» arbeiten bei ihnen stet« mehrere Gmeralionen zu gleicher Zeit. Diese Erscheinung wird fortbcstehen, weil sie in dem Charakter de» Volke» begründet ist. es iverden aber in Zitkunft nicht so große Umwälzungen stattfinden, weil die Zahl der reichen Juden und Christen den Einporstrebenden größere Schranken bietm werden. — E« wird die Entwickelung eine langsamere sein, und in der zweiten, jedenfalls in der dritten Generation werden gesellschaftliche Stellung, Bildung und Herkömmlichkeit veredelnd wirken und neben andere» auch die dem Geschlecht spccicll eigenen Tugenden zur Geltung kommen lassen. Vergleicht man jetzt aber den cmporgekoinmenen Juden mit anderen Emporkömmlingen, so kan» der Jude wohl erst recht auf sein Geschlecht stolz sei», denn selbst seine Fehler führen zur höchsten Entwicklung, während der reiche Spießbürger unter den Christen spietzbürgerlich lebt und nichts oder wenig mehr für die Hebung und Veredlung der Seinigen thut, al» ihnen bei seinem Tode, auf den häufig mit Ungeduld gewartet wird. Vermögen zu hinterlassen, ivelche» oftmals zu spät in den?':sitz derselben gelangt, um damit arbeiten zu können, oder als ungewohnter Rcichthum Leidenschaften erweckt und zur Verschwendung de» Angesammeltrn reizt. (Fonsetzung folgt.) Allerlei für den Familirntifch. Gin kckiserlirher Mansch. Au« Kteyer (Oberüstrrreich) wird vom IS. d. Mt«, telegraphirt, daß Kaiser Franz Joseph, der daselbst die Gewerbe- und Jndusttie-AuSstellung btstichtigte, sich bei dem unter den Behörden und andern Vertretern von Corporationen erschienenen Vorsteher der israelitischen Cultusgemeinde Herrn Winternitz nach dem Verhältuiß zwischen der jüdischen und christlichen Bevölkerung erkundigte, und als dieser dasselbe als ein überaus friedliches und gute» bezeichnete, enviderte der Kaiser sichtlich erfreut: „Wollte Gott, daß in meinem ganzen Reiche ein gleicher Geist des Frieden» unter den verschiedenen Confessionen herrschte!" Ksltenz. Der Sohn de» RabbinatSadjunkten Herr EmanuelWrtl in Pari» hat seine Barmizwah in dem sephardischen Tempel gefriert, dem sein Vater attachirt ist. Daher hat er seine Parschah mit sephardischer Betonung und Aussprache vorgetragen. (Ein 21v *718 auch von dem Gaste L. de» Jahre» 1871, der e» Herrn W. nicht nachträgt, daß er ihn beschuldigt hat, er sei 3ina ihm in'» Hau» gedrungen!). — Der Vertreter Frankreich« auf der internationalen Confrrrnz in Washington zur Herbeiführung der Längcn-Einheit *) StrouSberg schtvel» hier da» eigene Belsplel vor Äugen; wir drucken Obige« al» immerhin bemerken«wtrlh« Aeusierungen und «eobachtungen eine» lpeiaustcn ab, seldstvrrstiindlich ohne seine Ansichten zu theilen, die hl« und da doch zu denken geben. (Red.)