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Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 34 (1884) · p. Seite 134

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
34 (1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 134 (sequence 2)
Language
German
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— 184 — fte fort, die rinnt und die andern pflückend, wie rin rechte« Lind. Die große, weiße Gänseblume dort weiter unten schien ihr besonder» wichtig; doch kaum war diese in ihrer Hand, so fingen die Finger an. die Blättchen abzuzupfe» und dir Lippen hauchten dazu die alte, den Mädchen so vertraute Weise: .Er liebt mich — liebt mich nicht — er liebt mich," und so fort, bi« da« letzte Blättchen für .Er liebt mich." zeugte. Ein Errüthe» stieg in ihrem Antlitze auf. Sinnend, mit kleinen Schritten ging sie vorwärt«. Wer liebt sic? In ihrem Herzen flüsterte e» .Moi«' und dabei überflog sie von Neuem rin Purpur. Liebte sie ihn? Wußte sie e«? Wußte sie überhaupt wa« Liebe sei? Noch hatte sie in ihrem jungen Leben wenig darüber nachgedacht. Sie fühlte nur ein gewaltige« Herzpochen, wen» sie an ihn dachte; oft kamen ihr dabei auch Thränen in die Äugen. Al« er jüngst an ihr vorüberging und beim Gruße nicht einmal aussah. da konnte sie die halbe Nacht vor Weh nicht schlafe«. .Rein, er liebte.sie nicht, er kümmerte sich ja nicht um sie, suchte sie nicht einmal auf, die er hier unter lauter Fremden wußte!" Die« grämte sie. Dennoch dachte sie mit Stolz: .Er wird einst der grüßte Rabbi der Welt! Wie leuchtet schon jetzt die Gelchrsamkeit, die Writheit von sriner hohen, schünen Stirne!" Die Wiese stieß an ein Gehölz. Bon Walde«duit und Lust angezogen, betrat e« Sarah und ging hier eine Strecke den Kirtzweg entlang. Sie sah kein Hindernjß darin, daß sie allein war. Daheim auf dem Lande fand kein Metisch in dergleichen eine Unschicklichkeit. Ganz allein war sie übrigen« auch nicht. Lustige Eichhörnchen sprangen neben ihr von Ast zu Ast, hinab, hinaus, wie neckisch« Elfen, bald dort bald da Sa sehen; jetzt an den Baumknospen gemüthlich knuspernd, ann wieder scheu mit ihren funkelnden Aeuglein aus da« Mädchen herablügend, huschten sie mit demselben zugleich in eine Lichtung, in die der Waldweg einbog. .Diese Lichtung kennen wir. Auch jener junge Mann dort auf der laubumrankten Bank ist uns nicht fremd. Moi» — mit einem Ruck ist er empor, al« et die erblickt, dir seine ganze Seele erfüllt. Bor Ueberraschung stumm standen sich die Briden gegenüber. Doch Freude und Liede finden bald die Sprache. Der zurückgedrängte Quell, einmal srrigegeden, springt doppelt lebendig zu Tag und sein Murmeln klingt um so süßer unserem Ohr. So brachen die Gefühle dieser kindlich aufrichtigen, liebevollen Herzen sieudig hervor. Und bald hatten sie sich verständigt und waren sie einig. Hand in Hand saßen die beiden jungen Leute auf der kleinen Bank, die Vögel sangen über ihre» Häuptern, die Blätter flüsterten leis« um sie her, die Eichhörnchen huschten auf und nieder; da» junge glückliche Paar aber baute selig ein Luftschloß, ihr künftige« Heim, darin er. ein großer Rabbi, sie, seine von Allen verehrte Frau, herrschten. Dazu webten sie au« den Fäden ihrer Liebe ein lachende« Bild ihrer häuslichen Glücke». Und darüber vergaßen sie die Zeit und di« ganze Welt. Doch wa» gab e«? Wer zertrümmerte plötzlich ihren Bau, daß er in Stücke fiel? Wer zerriß chr Gewebe, daß r» in die Luft zerflatlerte? Ein kleine«, schwächliche« Wesen in roth und weißcm Gewände, mit blondem, thurmartig aufgebauschtrn, bezopftem Köpfchen war auf dem Platze erschienen, und diese« thal da« Unheil. .Wa« müssen meine Augen erschauen!" rief r« mit schriller Sopranstimme. .Ehrvergessene I Da find« ich Dich, m Gesellschaft eine« Manne«!" .Meine Cousine!" hauchte Sarah erbleichend und ihren Sitz verlassend. Ja, Fräulein Eulalie war e», di« da» Mädchen vermiflend, e« gesucht und hier gefunden hatte und nun zornglühend vor den beiden Glücklichen, oder vielmehr ich. Ui. glücklichen, stand. Ja Fräulein Eulalie war e«. die (ftp. und Tugendsame. die im Heiligenschein der Jungfräulichkeit Jahr für Jahr hinlebte, ohne daß sie je einer Brrsuchun, gewichen, ja. daß eine solche ihr überhaupt zu nahen gemyt hatte. Im Pathos ihre» Arrger« — vielleicht auch nicht weniger ihre« Neide« — dehnte sich ihr Figurchen, Ichossn Blitze ihre blaßgrauen Augen und ihr Mund donnerte unt grollte niederschmetternde Vorwürfe. .Liebe Cousine." flehte da« gescholtene Mädchen, »ich wil Dir sagen, will Dir erzählen — Du wirst Dich überzeugen - Thränen erstickten ihre Stimme und perlten über ihr a,. muthige« Gesichtchen. Jupiter hätte, davon gerührt, seine» Keil sinke» loff«; allein Diana-Eulalie war tveniger zugänglich. Moi» trat vor; ernst und mit Würde bat er sie. sich nicht solchem Zorne hinzugeden. E< sei kein Grund daz» da; dafür bürge ihr wohl Sarah'» reine«. sonnenhelle« Gemüth. Sie aber maß ihn verächtlich und rief: ,Wa«, er will auch rede»! er"-ihr Ingrimm fand keine, 5enügrnd beleidigenden Ausdruck. Dann schrie sie gellende, 'onrs in den Wald hinein: .Onkel. Onkel, hier ist sie." Herr Löiv war in nächster Nähe; denn er war mit Eulalien seine Tochter suchen grgangen und eilte nu». de, Ruf seiner Richte vernehmend, herbei. .Seht Onkel." rief sie ihm entgegen, .hier hat sich E»n brave Tochter gesunden, seht, in Gesellschaft mit diesem da. mit diesem Erbärmlichen I" Löw. al« er die Situation erkannte, ward vor Zoe, und Schreck sprachlos; seine Knie zitterte» und sei, Antlitz ward aschfarbig; doch seine Augetr flammten und et ballte sich seine Faust. Moi» war bestürzt; schmerzlich bewegt sah er da« geliebte Mädchen in völliger Zerknirschung vvr dem Vater stehe,; allein f* wallte zugleich da» Selbstgefühl in ihm aus. Erregt sprach er: .Ihr rechtet, wo kein Verschulden vorhanden ist. Ei, (;lückliches Ungefähr hat mich und sie, die Theurr, hier ammengeführt. aber unsere treue Herzrii-neigung hat diese« Begegniß geheiligt. Der Schimpf au» diesem unedlen Munde da" — er zeigte aus Eulalien — .kann uns nicht treffe»; er ist zu niedrig, al» daß ich ihn beantworten sollte! Sita» Euch, dem Vater, will ich sage»: Laßt Euch nicht von Voreingenommenheit hinreißrn gegen einen Mann, der. wea, auch in grringem Hause geboren, doch durch da» Ziel, da« er sich gesetzt, durch das ganze Streben seine« Leben« ans die Schätzung der Besieren Anspruch machen kann. Gehl, ftagt bei meinem großen Rabbi an. ob e» entwürdigend fit ei» Mädchen ist, in meiner Gesellschaft zu sein I Ihr iverdet von ihm erfahren, daß ich nicht unwerth bin zu der Wackerste, »u sagen: »Ich liebe Dich. ' Du sollst meine Frau werde».' Und so habe ich e« zu Sarah eben gesagt." .Und Du. wa» sagtest Du?" schrie Löw. finstere, drohende Blicke auf seine Tochter heftend. Auch die Augen de« jungen Manne« richteten sich ach sie, und in diesen lag die Frage: .Wird sie mich verleugnen?* .Wa» sagtest Du?" wiederholte ungestüm der Vater. Leise, bebend und gesenkten Blicke« flüsterte dir Befragte: .Verzeihet, Vater, mein Herz gehört ihm". Und di»n, a* gestählt in einem festen Entschlüsse, erhob sie die Augen und agte mit klarer Stimme, doch mit bittendem Blicke, „ich oftprach ihm. seine Frau zu werden". .Niemals wird die« sein!" rief Löw leidenschaftlich u» «hob dabei seine Hand, wir zum Schwure. »SÜemal« |w de« Hausirer« Sohn mein Eidam werden l" Darauf faßte er seine Tochter am Arme und zog I* mit sich fort. (Fortsetzung sotgr)

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