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Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 33 (1884) · p. Seite 130

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
33 (1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 130 (sequence 2)
Language
German
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n — 180 — Unser Wanderer geht indessen mit starken Schritten den Fußpfad hin. Du kleine, fleißige. Wirthin dort in dem zur Arbeit so praktischen, braunen Kleidchen» du merkst wohl in deiner Emsigkeit nicht« von der dir nahenden Gefahr! Arme Ameise! Einen großen Bau hat sie eben begonnen, eia Hau« für sich und die Ihren, mit Kellern, Böden, Borrath«kammern. dienlich für Gegenwart und Zukunft. Mühsam schleppt sie einen Stein dazu herbei, in unfern Augen ist'» ein Sandkorn, da kommen die raschen Tritte und ach — sie, ihre Pläne, Arbeiten, Träume. Hoffnungen finden darunter ihr Ende, gleich denen eine« armen Menschenkindes, wenn da« Schicksal mit den Schritten der Nothwendigkeit darüber hingcht. Mois war da« Schicksal der Ameise! Doch — im selben Momente sehen wir hinter ihm sein eigene« Geschick, wenn auch in anderer Gestalt und Form einherschreiten, ihn in seinen liebsten Wünschen bedrohend. Sein Weg führt ihn in einen lieblichen Hain. In der Mitte desselben betritt er eine kleine, reizende Lichtung, in der mehrere Waldpfade zusammenlaufen. Hier läßt er sich auf eine von duftendem Laub umrankte Bank nieder. V. Me Stäruug. Im Hause Abele'« war dieser Tag ein rothunterstrichener; des Vorsteher« Tochter Eulalia feierte ihren Gebunstag. Den wievielten ihre« Lebens? Wir sind zu diskret, die« zu verrathcn. Die Zahl der Wachskerzen, die in zierlichen Gruppen vertheilt. während der frsüichen Mittagstafel in ihrem jungfräulichen Gemache brannten. kündigte wohl an. daß e« der zivanzigste sei. Ihre Mutter hatte e« sich nämlich seit der Kindheit der Bielverzärtelten zum heiligen Brauche gemacht, daß so viel Jahre ihr Töchterchen zählte, eben so viele Wachskerzen stet« die Feier an deren GebuNStagen verherrlichen sollten. So stieg dir Zahl von Jahr zu Jahr, bi« auf die Zwanzig. Bon da an ward dieser Brauch dem armec^ Muttcrherzen zu einer argen Verlegenheit. E« blieb nicht übrig, al« fortan auf die Vermehrung der Lichter zu vergessen, bi» jetzt endlich, wie böse Zungen, vielleicht übertreibend, behaupteten, jede der brennenden Kerzen zwei Jahre bedeutete. Wie es auch war, Eulalia, ein kleines unansehnliche« Figürchen, erschien auch heute, wie gewöhnlich, in jugendlichem Rosa und Weiß gekleidet und nahm huldvoll die Wünsche der Freunde und Freundinnen, die zur Tafel geladen waren, entgegen. Eben hatte man sich fröhlich zu Tisch gesetzt, al« noch ein seltener Gast — Sarah'« Vater, Bruder der Hausfrau, ankam. Er wurde von Allen mit Jubel bewillkommt, sein Kind flog ihm entgegen, und seine Nichte hängte sich mit Zärtlichkeit an ihn. al« er ihr ein schönes Angebinde überreichte. Sein Besuch galt jedoch weniger dem Feste, al« seiner Tochter. Er wollte sehen, wa» der städtische Schliff schon au« ihr gemacht hatte. ES lag ihm die« sehr am Herzen. Sein heißester Wunsch ging nämlich dahin, mit seiner Tochter eine »große Partie" machen. Den guten Namen, den er sich durch seinen wirklich schätzbaren Eharakter erworben, wollte er durch die Verbindung seine« Hause» mit vornchmen Familien befestigen und ihm einen erhöhet«! Glanschaffen. Rur der Sprößling eine« jüdisch aristokratischen Hause« sollte sein Schwiegersohn werden, die« war sein fester Entschluß. Bei der Zähigkeit seine« Willen«, die eineStheil« diejenige Kraft war. die ihn au« einem armen Jungen zum S«achteten Manne gemacht und zur Stellung eine« geschätzten lrmeelieferanten erhoben, andrerseits oft al« unerträglicher Eigensinn die Pein seiner Familie wurde, war e« gewiß, daß er diese« Ziel unverrückt vor Augen halten werde. Die nvthige große Mitgift hoffte er mit der Zeit zu vervollständigen. Sarab war ja noch jung. Bor Allem sollte sie jetzt hier im Hause den feinen Umgang«ton und dir Manieren der noblm Dam« lernen. Während der Tafel beobachtete er seine Tochter, um z, sehen; wie weit sich sein Wunsch in dieser Beziehung erfüdt habe; doch er konnte seiner Sache nicht recht gewiß werde,,. Wohl half sie mit Anmuth und Leichtigkeit ihrer Tante die Honneur« machen; wohl wußte sie, freundlich auf die Scherze der Anwesenden einzugehen und stet« die paffende Anlwott zu finden; allein, ihre einfache, treuherzige Redeweise dünkte ihm zu wenig vornehm, besonder» im Vergleiche zu der gezierten, pathetischen Sprache seiner Nichte, welche ihm das Ideal der feinen Welt schien. Auch imponitte ihm Eulalia'« aschblonde, chumartig aufgebauschte, hochbezopfte Frisur dedeutend mehr, al« die. doch um so viel reizenderen, hängenden Zöpfe seiner Tochter. Er nahm sich vor, gleich nach Tische mit dieser zu sprechen, sie zu ermahnen, daß sie ihrer Eousine in Allem genau nachzuahmen bestrebt sein möge. Doch mußte er vorläufig e« unterlaffen. denn nach auf. gehobener Tafä machte die ganze Gesellschaft einen Ausflug zu einer nahe gelegenen Mühle. (ffottse»ung folgt). Jüdische Silhouette» aus Saltzie». Bon Nalhan Samuely. (MMMra« uin<«t XII. — Stet Reifer, der Kama«. (Aottsepung., In seinem Sohne fing der Plan zu reise» an. sich heimlich zu seinem Onkel nach Amerika zu flüchten. Dieser Plan wäre wohl nie zur Ausführung gekommen, wenn nicht der Vater selber durch seine unbändige Art, ihm dazu verholfen hätte. An einem Purim uämlich ließ Reb Leiser den ganzen Unmuth, der ihn an diesem Tage immer be. herrschte, mit solch einer Wucht seinen Sohn fühlen, daß dieser, resolut und eigensinnig von Natur, an demselben Tage noch, al» die Eltern auf eine Stunde außer dem Hause waren, die längst geplante Flucht au«führte. An Geld dazu mangelte es ihm nicht, da ihm der Onkel ein Sümmchea zurückgelaffe» hatte. »Der Scheige.z. der Hultai" wetterte der hierdurch bi« in die Seele verwundete Reb Leiser. »Tot ist er für niich! 3oQ er draußen Hunger« sterben .... Geriffen habe ich ihn mir au« dem Herzen, den Scheige^ den Hultai!" »Gerade wie eine Kuh" schalt er seine Frau, als er sie um den verlorenen Sohn weinen hörte. »Gerade wie cme Kuh. der e« um da« verlorene Kalb bangt, brüllst Du mir die Ohren voll. Ich will von ihm nicht» mehr wissen. Soll e« ihn einmal getüften, wieder zurückzukommen, wie einen Hund jage ich ihn vor die Thürc!" Und um das verlorene Kalb zu finden, rannte Reb Leiser wie beseffrn von Stadt zu Stadt, und um dasselbe gräm« sich sein Herz so sehr, daß er in eine schwere Typhuskrankheit verfiel, au« der er, wenigsten« nach der Behauptung der Aerzte, nur schwer wieder aufkommrn könnte. Damal» jedoch erst zeigte e« sich im schönsten Lichte was Reb Leiser der Stadt galt und welcher Beliebtheit n sich bei Reich und Arm erfreute. Ganze Tage und Räch« war sein Haus von Theilnchmrnden belagert. Jude» und Christen vereinigtm sich im Gebete zu Gott, daß er ihm zu Nutzen und Frommen der vielen Armen, deren Vater er war, wieder die Gesundheit schenke. Der Bezirkshauptmann und seine Frau — man bedenke wa« solche Persönlichkeiten i» einem kleinen Stäbchen Galizien« bedeuten — versäumten keinen Tag. sich bei ihm persönlich über sein Befinden zu er> kundigen. In allen Synagogen wurde man nicht müde, für ihn Tag und Nacht zu beten und überall wußte man nur Lobende« von ihm zu erzählen, ausgenommen Reb Esra Klausner, der zur damaligen Zeit von ihm ein giftiflf* Wörtchen einheimsen mußte. Al« er nämlich mit Reb Laser da« Sterbegedet verrichtete und ihn bei einem Satze, de» er nicht deutlich genug wiederholte, mit de» etwa« unsans«» Worten anfuhr: »Eh, Red Leiser, Sie machen« ja nicht gut so!" erwiderte ihm dieser, der dadurch wieder die Pfeffcrkrast

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