Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 32 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 126 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 126 — Mot« that f«. Und wa» war rt nur, daß er plötzlich, wie fcstgebannt sieden blieb, so daß seine« Freunde« Frage: „Nicht wahr, die ist schön?- von ihm ungehört verklang?— Alle« um «hn her war für ihn verschwunden, er selbst hin« weggeiragen in sein Heimathögärtchen; dort über den Zaun schauten zwei lieb«, traurige Augen, und er Hörle eine reizende Stimme sagen: ..Moi« bleib« nicht zu lange!" Erst in seinem Zimmerchen, wo er sich für dir Festtafel anklciderc, fand er sich wieder. . „Wird sie dort sein?" fragte er sich. „Gewiß; sie ist ja dir Nichte de« FestgeberS" Die« wußte er von früher her. Sie wird dort sein! Wie gut. daß er sich einen neuen schwarzen Rock hatte mache» lassen! Und der säße ihm gar siattltch und schön, sagte ihn, Lea. Und sie war dort. Im weißen Bewände mit der Rose in dem dunkeln. Üppigen Haar, da» in zwei langen Flechten niederfiet, so stand sie vor ihm; und al« er in ihr erröthende« Antlitz sah. fand er darin noch dir ganze Lieblichkeit de» Kinde», gepaart mit der Anmuth der dlül»endrn Jungfrau. Schüchtern, verwirr« fragte er sie, ob sie Sarah sei. sein Rachbar«klnd? „Ich bin'»-, erwidert« sie leise, errvthete noch tiefer und blickte zu Boden. Doch nach einer Weile sah sie aus. lötbeite und sagte: „Und Du bist Mot«; ich erkannte Dich gleich". Sie sprach die» in dem herzlichen Kindntonr, den er sonst von ihr gehör«, und der «hin oft in der Seele wiedergrklungen war. »venn er an die Heimath gedacht. E« liegt ln der Natur eine» echt «veiblichen. ungekünstelten Wesen», dag e« sich unbefangener und offener gibt, al« der Mann, dem meist eine gewisse Steifheit anhastet, wenn nicht Welt und Erfahrung ihren Einfluß aus ihn geübt habe». Da« freundliche „Du" von Sarah'« Lippen löst« den Ban« der Berirgenkeit. in dem sich der ohnchi» an weiblichen Verkehr so wenig Gewöhnte vor ihr bffand. Daraus knüpste sich zwischen Beiden rin Retz von Fragen und Antworten, die so unbedeutend sie dem fremden Zuhörer dünke» mochte», doch einen ganze» Schatz froher Erinnerungen umschlossen. Sine geräuschvolle Beivegung zeigte an, daß sich die zahlreich amvesenden Büste an der reichveladenen Lasel nieder« ließen und zwar nach vamal« gut jüdischer Sitte, di« Frauen auf dir eine Seite de« Tische«, aus die andere, ihnen gegenüber. die Herr». Moi», al« der jüngste, vielleicht auch al» der geringste, bekam den untersten Platz. Doch er war hoch zufrieden mit diesem Loose; denn gleich neben ihm hatte auch seine junge Landömünnin ihren Sitz. Sie hatte sich diesen theil« au« Bescheidenheit gewählt, theil« auch, weil sie von hier au» leichter ab« und zu gehen konnte, um ihre Eousine Eulalie Abele», die Tochter de« Hause», in den Pflichten der Gastlichkeit zu unterstützen. Bald tvaren Moi« und Sarah in ein lebhafte« Gespräch mit einander verflochten. Wie Biele« hatte die junge Freundin ihm zu erzählen von ihrer gemeinsamen Heimath, von seinem Elternhause. endlich von sich selbst! Und dann mußte ja auch Moi« von seinem Leben in der Fremde berichten. Er that e«; doch viel lieber horchte er ihren holden Worten. Eine neue Welt that sich damit für ihn auf. Zum erstenmalc geschah e«. daß sich ihm eine Mädchen« seele erschloß, und iva« sich ihm hier offenbarte, wie war e« so verschieden von dem. wa« er bei seinen Büchern, seinen Freunden gefunden! Diese sonnige Heiterkeit, diese einfachen und doch so sichern Anschauungen, da» Sinnige, da« Jungfräuliche in ihrem Wesen, diese für ihn so seltenen Erscheinungen versetzten ihn in eine Art de« Erstaunen« und Entzücke,,« zugleich. Diesen Eindrücken konnte er sich ungestört hingeben, da bei der allgemeinen Lebhaftigkeit, d,r an der Tafel herrschte. Niemand seiner achtete. Wenn Sarah von ihrer Aufgabe abgerufen, sich entfernte, folgten seine Blicke jeder ihrer Bewegungen. „Wie schön sie ist! Wie kräftig und doch so schlank und-fein Gestalt! Biebt e» Anmuthigere« al« diese« von brünett Tone umspielte Gesicht, frisch und blühend, wie die Pfirsichs und al» dieser liebliche Mund, diese prächtig gezogene, Brauen über die rührend sanften Augen, und da« Lächeh,, da« Einem di« an» Herz geht!" So sprach e« in ihm. Wohl mochten schönere, vollrndetere Frauengestalten a, der Tafel sein, allein er bemerkte sie nicht. Wie ein ei,, zeluer Baum dem Wanderer oft einen »eiten, reichen Hinter. {rund verdeckt; so stand Sarah'« Bild vor de« Jüngling« flicke», daß er darüber hinan« nicht« mehr sah. Rur zu schnell schlug ihm die Sin »de zum Ausbruche. Einen Trost nahm er beim Scheiden mit: Sie l»aite ihm mitgetheilt. sie werde mehrere Monat, in Prag bleiben, weil, wie jit erröttzend hinzusügte. ihr Vater den Wunsch habe. -1 daß sie tyrr städtische» Schliff erlange. ,st.s,b»un, SÜdlsch« Silhouette» a«» Galtzie«. XII. — |UI grifft, dar jUhm. „Der Scheigez, der Hultal*). nicht wisse» will ich vo, ihm!" brach Reb Leiser, den man „den Haman" »an»«,, i» auswallendem Zorn au«, al« er ersuhr, daß sein jüugstn Sohn — ein sechzehnjähriger sehr ausgeiveckier Junge, au« seinem Bause geflohen ist. Reo Leiser ivar ein Mann in vorgerücktem Lebenoalin mit einem knöchernen Besicht», einen kleinen nach Borne g,. kehrten Zaudbärtchrn und gutmüthig braunen Augen, die n> offenem Widerspruche mit seinem Munde standen, der um einem b»«hasten Lächeln immer umzogeu war. . . . Seinem Munde aber auch, oder, wie die Leute der Stadt sich «»«drückten, seiner stark gepfefferten Zunge, verdankt« Red Leiser jene« nicht sehr schmeichelhafte Präbilat: .Haman", mit ivelchem ihm sehr Biele titulirte». Alle» iva« er ««»sprach war in der Tlp»t ätzend, beißend und oft auch giftig. Seine Gemeindebrüder beschenkte er mit den charak teristischsten Spitznamen und keine Gelegenheit ließ er sich entgehen sie zu seinem Privatvergnügen mit diesen anzuruim. Ei» Pröbchen davou ist die Art. wie er einmal seine» Laus, jungen, de» er zu einem derselben hinschicktr, zur größere, Orientirung den Wohnort und die grnauen Merkmale desselben beschrieb: .Der Mosche Mistkailen" sagte er ihm nämlich „der Mann mit dem Schiveinsmanl und dem Auldoggesichte, ist der Schwiegersohn de» bekannten Beutelschneider». de« Ehajim Stiebiz. beste» Pater dir größte Schnaprgurget der Stadt ist, er nennt sich Eli Ehassid und wohnt mit dem Nimmersatt, dem Mendel Topfgucker in einem Hause, in demselben, in ivelchem der Ähren-Pnmper. der jeden lag einem anderen Fabrikanten eine Rase dreht, sein Geschäft hat. — Es ist derselbe Ahren-Pnmper, der sich den Man» mit de« hölzernen Sitztheil und den kälbernen Glotzauge», den Eerc Klaurner. zum Schwiegersohn genommen hat und der. me ich glaube, Borsteher der Leichenschändrr. der Eheivre Aadische ist. >ene« löblichen Vereine», welche» unser frommer llrächin, unser Rabe, will sagen unser Rabbiner, gegründet Hit". — Reb Leiser jedoch war durchaus nicht so mcnschenfreffcrisch, wie au« solchen Reden zu schließe» wäre, virlmehk erfuhren alle jene Leute, die er mit solche» schönkliiigendru Rosennamen aufgerufcn. mehr al« einmal seinen mildeii Sinn, seine spendende, freigiebige Hand. Galt e» den sonst nicht sehr judcnfreundlichen Bezirkshanptinann. der jedoch mit ihm wie mit einem Bruder verkehrte, für einen dieser Gemeindebrüder zu gewinne», dann konnte er hundernnil sich von ihm anschreien lasten, bi» er endlich da« Seine »ach durchgesetzt. Handelte ei sich um eine Armenkollektr. da m war seine Spende gewiß die größte. Alle Hülfesu tz »de, der Stadt waren seine HauSlrntr, die Hnngerigen fanden da ihm immer gedeckten Tisch und gerne verzlchrn sie ihm -,llc *) Der CuUKtrtt, der Gidrripeustige.