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Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 30 (1884) · p. Seite 118

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
30 (1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 118 (sequence 2)
Language
German
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— 118 — schlafen?— Dies« Einwurf machte de» Beschädigten ver> stumme«. Der Disput oben au der Lasel war inzwischen beendet, man schickte sich an. nach Haus« zu gehen,- da sagt« mit dem Tone de» Mitleid« Rosenheim zu dem Polen: .Armer Silderstein. wie willst Du nun mit der einen Sock« durch die Gasse gehen? Komm, ich schneide sie Dir ab." Mit Ingrimm lieh es dieser an sich geschehen. Al« der Schwarm draußen im Borhause war, nahm »einer der Muthwilligen dem Polen die Müh« voin Kopse. .Gott gereihter!- rief dieser außer sich. .wa« ist da»?- Dir versteckt gewesene Locke war hervorgekommen und tänzelte ihm ruhig an der rechtseitigrn Schläfe I .Nimm eine Scheere und schneide jetzt auch di se ab, mein Sohn, so bist Du kein polnisch Jungei mehr.- rief Einer. Der Schwarm lachte und lief davon. Moi» aber war aus einen Wink de« Rabbi im Lrhrsaal geblieben, und dieser sprach mit wohlwollender Miene: »Bocher, au« einem reichen Hause bin ich angegangen worden. Jemanden zu empfehlen, der einen Knaben dort gut unterrichten könnte. Ich kenne Euch al« tüchtig, nicht von heute erst, wollt Ihr, so gebe ich Euch ein paar Zeilen mit. und Ihr seid so viel wie angenommen.- Um zu wissen, wie erwünscht dem Jünglinge dieser Antrag kam. müssen wir hier seine Verhältnisse beleuchten. Seit er von den Eltern geschieden war, ließ er sich von ihnen keine Unterstützung zukommen. Er hätte e« für Sünde gehalten, an ihrem mühseligen Erwerb noch mit zu zehren. Er hatte ihnen also geschrieben, er habe, wa» er brauche, sie sollten sich deshalb nicht kümmern. Doch, armer Moi«. nicht leicht kam Dir ein solche« Verzichten! .Sei tapfer!- so hatte der Mutter Segen gelautet, und wahrlich, ein tapfere« Herz gehört dazu, mit heiterem Leben«muthe dir Noch zu »ragen, dir ein arme« Kind m der Fremd« zu dulden hat. Ohne jede Empfehlung, nur mit dem Zeugnisse seine« alten unbekannten Lehrer« und mit* zwei GuldeN in der Tasche in Prag angekommen, wie sollte er don bestehen? Allerdings fand sich bald Hilfe; aber welch' armselige! In der Gasse oben ward ein Hau« gebaut, und wenn auch noch sonst ganz unfertig, hatte e« doch schon da« Dach über den rohen Mauern. Darin suchte sich der Jüngling, mit de« Baumeister« Bewilligung, ein Plätzchen zum Nachtquartier au«. Wochenlang war die« seine Wohnung. Auf ungedieltem Boden, auf einem Bunde Stroh, einige Ziegel unter dem Kopfe, wie Baker Jakob, schlief er sanft und zufrieden, und wie diesen umgaukelten ihn gute Engel und ließen ihn von einer schönen», ruhmvollen Zukunft träumen. Eine« Abend« führte rin glücklicher Zufall einen vermögenden- Mann vorüber, und dieser sah den Jüngling am gla«losen Fenster beim Mondlichte über ein Buch gebeugt. Verwunden schaut« es Jener. „Ist don rin Gespenst?- ruft er. Doch näher! er sich. Frage und AntwoN erfolgt, und gerühtt nimmt der Mann unfern Freund mit sich und quartiert ihn bei einer armen, alten Wittwe ein, die z»vei Hinterstübchen bewohnt. Wir erbärmlich jene improvisirtr Lagerstätte arwesen; härter empfand er seine übrigen ungestillten Bedürfnisse. Erst hatte er gegen den Hunger anzukämpfrn, später erhielt er. wie so vrele seiner Lollegen. auf Fürsprach« de« Rabbi Freitisch«. Da saß er denn jeden Tag der Woche an einem andern Tisch«, empfing er da« Gnadenvrod täglich au« einer andern Hand, und er fühlt« dabei oft schmerzlich die Bedeutung de« Worte« .da« bittere Brod der Fremde-. Wohl ward ihm die in manchem Hause versüßt durch ein freundliche« „Willkomm-. Da hatten di« Hau«leute wohlwollende Worte und Blicke für ihn, und zeigte sich, daß man r« fühlte, daß .Geben seliger macht denn Rehmen-, und daß ein Gericht Freundlichkeit aufgetischt »»erden muß, um den Beschenkten über di« Demüthiguug de« Empfange« hinau»zuhelfen und sein Herz mit wohsthuendemDaukezu erfüllen. Aber, wie oft wurde er anderwärts, wenn er grüßest emtrat. mtt einer sauertöpischen Mime rmpfauaen, toofca ihm ein verdrießliche« Gesicht zu sagen schien: »Hättest auch bleiben können, wo der Pfeffer wächst-. Vielleicht täuschte er sich, vielleicht galt nicht ihm der finstere Blick, der rache Ton; allein, der auf Dohlthaten Angewiesene, wenn er »ich ettva ei» Bittsteller au« Gewohnheit ist, besitzt meist ei» leicht zu verletzende Empfindlichkeit, die der Reiche feiten ah«, und noch seltener schont. Glücklicher Weise gelang e« Moe« bald, sich von diese, Gnadentischen loszumachen. Zwei Lektionen, die er zu er. theilen bekam, befähigten ihn zu dem heroischen Entschlüße, die Freitische abzulehnen. Mit Stolz und Freude saß er nun im Stübchen bet seiner alten, braven Hausfrau Lea vor dem kleinen seldsterwordenen Mahle, da« gewöhnlich au« eine, Gerichte Schalet bestand, und zufrieden lächelte er, wenn Le» gutmüthig sagte: „Laßt r» Euch schmecken, Bocher, seht, et bleibt auch noch für de,» Abend davon übrig-. Doch bald kamen andere Sorgen. (Aoris. folgt.) Jüdische Silhouette» am» Galizie». «on Ralhan Samuel,. ,««4»™« XI. Mit glichet Solche und ähnliche Klatschereien verhinderten e« jedoch durchaus nicht, daß Zila an der Seite ihre« Manne« gar schöne, glückliche Tage verlebte, jetzt schon ganz besonder«, nachdem sie sich mit dem Gedanken au»gesöhnt, daß ihr Mann jeden Tag die Börse besuchen müsse und sie Genug, thuung daran fand, daß jetzt auch sie ihrer HerzenSneigung folge. An Mühe ließen e« allerdings ihre Nachbarinnen nicht fehlen, ihr in« eheliche Parodie« die Schlange der Zwietracht nachzuschicken — allein e« konnte ihnen nicht gelinge», denn der »verblendete Mannwie sie sich ausdrückten, vertraute allzusehr dem .unschuldigen Gesichtchen seine« Weibchen».' Wie immer wenn er ihr etwa« Lustige« mitzutheilen, er schon damit bei der Thüie hervvrplatzte, geschah e« auch zw.-i Tage nach jenem Kaffretratsche. »Zilchen, etwa« ganz Neue«- rief er unter Helle« Lachen, kaum daß er die Thüre geöffnet »Ich habe etwa« ganz Neue« erfahren!■ „Run, so laß hören!- drang sie neugierig. »Gewiß weißt Du nicht davonversetzte er unter au. haltendem Lachen »daß Du eine geheime Liebschaft unterhältst und derselben tägliche Besuche adstattest — ein Brief, den ich soeben erhalten, dringt un« Kenntniß davon.' Ueber da« Gesicht der schönen Zila glitt e« bei diesen Worten wie ein Schatten hin, doch kaum nach einem Augenblick, war sie schon wieder im Besitze ihre« Äleichmuthe». ja. e« gelang ihr im Tone neckischen Scherze« ihm zuzurufen: .Und woher kannst Du e« wissen. Du leichtgläubiger Joseph, daß ich davon nicht weiß?- ,Müßte ich ja in diesem Falle ebenfalls davon wiffen' lachte er »denn mein holde« Weibchen wird doch nicht ein Geheim,,iß hinter meinem Rücken haben I" „Wer weiß?" lachte sie. »So sein blinde« Vertrauen mißbrauchensagte >>ch Zila in einem Anflug von Ä«w>ssen»skrupel, al» sie loiebrr allein war. »da« ist doch von mir ein schwere« Vergehen — Alleinsuchte sie sich wieder zu bereden „Warum soll er st da« Recht haben seiner Neigung zu folgen und nicht auch ich? Warum darf er ja täglich seine Gänge machen und ich nicht die meinen? Ich bezahle ihm ja nur mit gleich« Münze!- In der Thal ließ sie sich weiter nicht abhalten ihre» täglichen Besuch fortzusetzerr, nur that sie e« jetzt mit noch viä größerer Vorsicht. Nicht ader immer konnte e« so fortgehen, e« nahte» bald schwere Tage heran, die sie an ihrem täglichen, geh««' «ißvollen Gange ganz vergesse» machten . . .

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