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Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 29 (1884) · p. Seite 115

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
29 (1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 115 (sequence 3)
Language
German
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Lfcrn, vielmehr lief sie ihm. immer, so oft er von der Börse [nftffctyrte liebevoll entgegen, sie war in stet« rosiger ©tim« sie beflagte sich nie über feine Verschwendung, ja sie Cigte sich fognr über die Präsente, die er ihr oft nach Hause lächle freudig überrascht. .Jetzt sind wir quitt" sagte sie Icht einmal zu sich selber, wenn sie allein war. .Auch ich Epigt meiner Herzensneigung, statte jeden Tag derselben einen Wrsuch ab. Ich zahle ihm mit gleicher Münze heim — doch keifet e« Vorsicht! Daß nur meine Nachbarinnen, die bösen fouigen. mein Geheimttiß nicht aufschnappen!" Allein alle Vorsicht konnte sie gegen die Späheraugen lünrt Nachbarinnen, die ebenfalls Börstanerfraum waren, nicht IW-en. Nicht allein von ihrem täglichen Besuche wußten Kk. sondern auch von allen Vorgängen in ihrem Hause, von Ichrcm Eheglücke und von allen den verschiedenen Geschenken. Iwt welchen ihr Mann sie täglich überraschte. Ob ihres Eheglückes waren sie ihr lange schon neidisch, ja, sie trugen jhc sogar eine» tiefen Groll nach und dazu hatten sie auch -rund. Zila nämlich wies ihre »ufdringende Freundschaft stolz zurück, wollte sich mit ihnen nicht gesellen und noch Weniger nahm sie an ihrem ftaffeetratfdp theil, den sie jeden! Aachmittag zusammen abhielten. Bei einem solchen Äaffeetratsche war es auch, dag sie an einem jener Tage Anlaß nahmen, ihre scharfen Zungen an sie zu wetzen und sie zum Hegenstand ihre« Hohnes zu machen . . . .Daß ist aber eine luriosität!" begann da eine von ihnen. Frau Hulda genannt — eine lebendige Chronik QanbalM .Sine Frau soll sich von ihrem Manne die Küste tqat)len lassen!" .Eine höchst originelle Person!" schmachtete Agata — tm< olivengrüne Schönheit mit baufälligen Wangen. .Da« ist so eine Art Lippenindustrie" witzelte Lisa die iloltttk mit dem Zwicker auf dem Stumpfnäschen .aber sie scheint schwachen Umsatz für ihren Mundvorrath zu haben, kenn worauf verwendet sie den Erlös ihrer Küsse? Aus Inletten doch gewiß nicht — sie kleidet sich ja ganz & l» lirrhwinkel. Arme, arme Küßverschleißertn!" .Sie stamme ja aus Galizien von armen Krämerjuden der' blähte sich Pauline die Geldarislokratin und schlug ihren Fächer auf mit welchem sie um sich fächelte »au« jedem Kusse ihn« Mannes wird ein Laib Brod, mit welchem sie eine Kchaar von Hungerleider füttert." .Ich meine sie hat dafür besiere Verwendung" warf Kt feilte Rosalie, eine zerfahrene Klatschrose ein. .Und die wäre? Sagen sie uns! Sie treffen ja immer ta« Nichtige!" schnatterte es von allen Seiten. »Der Erlös wandelt sich iu neuen Einkauf!" erwiderte *ie feiste Roknlie mit einem verschmitzten Lächeln. »Wieso bas?" »In der einfachsten Weise: ihrem Manne verkauft sie «d bei einem andern kauft sie Küssei" »Schr richtig!" stimmte Life die Kokette so eifrig ein, Mi ihr der Zwicker vom Stumpfnäschen tanzte. »Der arme betrogene Mann!" schmachtete die fenti- ■tntale Agate »Es wäre ein edle» Werk, tvenn man dem verblendeten die Augen öffnen sollte!" <z«nfk»u»« sollt.) Allerlei für de« Fa«ilirntisch. Die nicht nur auf nieten Ausstellungen, sondern auch *» Kaiser und Königin, wie vom Kronprinzen **b anderen hohen Persönlichkeiten ausgezeichnete Gold«, vilber« und Seiden.Kunst.Stickerei (Sperialtlät: Stickereien Hit Synagogen) von Isidor & Ros. Reiter in Breslau jtt nunmehr auch die große silberne ©taatsmedatlle fr hervorragende Leistungen auf dem Gebiete Stickerei von der niederländischen Regierung erhalten. In Schwallach, eines der besuchtesten Luxu-bäder vor drei Jahrhunderten, wurde den Juden ein besonderer Platz angewiesen und Landgraf Ernst, der gegen Ausgang de« 17. Jahrhundert« starb, verordnete. daß sie 14 Schritte vom Brunnen entfernt bleiben und nicht selbst das Wasser schöpfen sollten. (Die Mär von der Brunnenvergiftung!!) Wie». Am 3V. Juni feierte der hiesige Arzt vr. David Winternitz sein 50 jährige» Doktor-Jubiläum. Er wurde im Jahre 1834 znm Dr. med. hier promovirt und auf Grund seiner ausgezeichneten kmMisse, welche er bei Gelegenheit seiner strengen Prüfungen documentirte, wurde ihm, einem nicht nach Wien .zuständigen" Israeliten, die Erlaubniß gegeben, als Praktikant in'« allgemeine Krankenhaus einzutreten. Zu jener Zeit hatten näm>>ch nur die Doktoren au« in Wien „tolerirten jüdischen Familien" die Erlaubniß, auch nach Erlangung der Dortorswürde sich hier aufzuhalten, und vr. Winternitz war der erste Jude, dem gegenüber eine Ausnahme gestattet wurde. Der ehrenvolle Charakter und da» vieleitige Wiffen de« Jubilarverschafften ihm bald eine ansehnliche Clientel und eine hervorragende Stellung in der medicinischen Facultät; er redigirte eine Zeit lang die Zeitung de« Doetoren-Collegium«, in vessen Venvaltungsrath, sowie in jenem der Wittwen- und Waisen-Societät er heute noch als Mitglied wirkt. Gleichzeitig feiern ihr öv jährige» Doetor-Jubiläum der Geh. Medicinalrath vr. Gan« in CarlSbad und der emer. Professor der gerichtlichen Medicin in Wien, vr. Joh. Dlauby. Tfifti. Unter 640 jüdischen Familien, die hier wohnen, zählt man fast övv Reichbegüterte, darunter vier oder fünf Millionäre. _ (Best. i»r.) Die 1452 angelegte Judengasse in Frankfurt a. M. ist dem Untergänge verfallen, bald wird nur noch nichts mehr al» der Name übrig sein, die schmalfensttigen hochgiebeligen Häuser, von denen 1872 in einer Nacht mehrere einstürzten und einige Menschenleben zum Opfer forderten, werden neuen vrächtigen Bauten Platz machen und da- Dichterwort bestufigen: »DaS Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neue» Leben blüht au» den Ruinen." Hugo Müller, der verstorbene Bühnenschriftsteller und Schauspieler, war ein Mensch von seltener Schlagferfigkeit. Im Feuilleton der »Zür. Post" finden wir folgenden Beleg dazu: »Mit ihm zugleich war ein junger Charakterdarsteller engagirt, der sich einer getvissen lokalen Beliebtheit erfreute. Am Vorabend de- Bersöhnuitg-tages spielte der junge Mann, welcher Jude war. den „Franz Moor". Während er in der Garderobe damit beschäftigt ist, sich anzukleiden, sagt er lächelnd zu den Kollegen: „Die Juden tverden sich wohl ärgern, daß ich heute den „Franz" spiele". „Auch die Christm", erwiderte Hugo Müller. Der berühmte Münchener Staatsrechtslehrer Franz v. Holtzendorff hat soeben eine Schrift.Zeitglossen des gesunden Menschenverstandes" betitelt, veröffentlicht, in welcher er sich auch über den Antisemitismus äußert. Er leitet denselben au» folgenden zwei Bestandtheilen her: Au» dem geistlichen Zorn orthodoxer Schristgelehrten darüber, daß der Jude, trotz seiner zukünftigen Mrdammniß, aus Erden so viel bester gedeihen soll. al» der rechtgläubige Christ trotz seiner zukünftigen Verheißungen; sodann au» der neidischen Anerkenntnis einer dem Juden aus gewiffen Gebieten innewohnenden Ueberlegenheit, die allen dadurch bedrohten Mitbewerbern al» verbrechnisch oder betrügerisch erscheint. Was über das Semitenthum gesagt werden kann, ist in der Hauvsache Zweierlei: daß die Juden von ihrer eigenen Selbstüberhebung (?) und Berfolgungssucht (?) au« vorchristlicher Seit und Die christlichen Völker von der mittelalterlichen nterdrückung der Juden noch heute insofern zu leiden haben,

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