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Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 29 (1884) · p. Seite 114

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
29 (1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 114 (sequence 2)
Language
German
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114 seines Studium« nach Prag au die h«he Schule des schr gelehrten und berühmten Rabbi Äzechiq- Landau zu sende». Biauf den Hügpl hatte der Bater den Scheidenden begleitet, ihm »och manche kluge und gute Lehre auf den Weg mitgegeben, hatte ihn gesegnet und geküßt und war dann heimwärts gegangen. Doch der Jüngling blieb wie gebannt stehen und sah ihm nach, so lange er konnte. Dann wendete sich sein Blick dahin, wo er da» kleine thrure Haus wußte, das ihm bi« fttzt die ganze Welt gewesen. Dort waltete die'geliebte Mutter, die er nun so viele, viele Jahre nicht sehen solltt. Wie heiß waren ihre AbschiedSthränen auf sein Gesicht gefallen, wie krampfhaft hatten ihn. Arme ihn umschlungen! Doch der Bater. selber mit Mühe sich bezwingend, mahnte: »Laß e» genug sein. Du machst ihn ganz weich!" Da faßte sie sich gewaltsam und sprach: .Nein, mein Sind, Du sollst nicht weich werden! Der Mann muß von Jugend auf lernen stark und tapfer im Leben stehen. Sei stark und tapfer in all Deinem Thun, und sei von Gott dazu gesegnet! Ihm leih« und weihe ich Dich, wie einst Samuel von Mutter ihm geweiht war!" Diese Worte klingen in seiner Seele wieder. Dann tragen ihn seine Gedanken hinauf in seine Stube, die Zeugin seine» Fleißes, seiner Smderfreuden und Schmerzen und dann hinab in da» Gättchen mit den schattigen Bäumen und den schönen Blumen. Dort über den Zaun blicken aus dem Rachbargarttn zwei schwarze, sonst glänzende, jetzt traurige Augen und eine süße Mädchenstimme tönt herüber: »Zieh mit Gott. Mois und bleibe nicht zu lange!" „Denke mein, du liebe Sarah, sowie ich Deiner denken werde!"" Sarah. Moio Rachbarskind, war da» vierjährige Töchter» chen des Vorsteher» und stolzesten Aristokraten der Judenschaft in Proßnitz, Namens Löb Löw. Au» seinem großen Hause schaute er auf da» kleine Nachbarsgebäude und besten Bewohner mit fürstlicher Hoheit herab. Da» Ansehen, darr sich in der Gemeinde erworben, und das ihn mit solchem Selbstbewußtsein erfüllte, fußte übrigen« nicht so sehr in seinem Vermögen, al» vielmehr in seinem Titel „R. R. Hoflieferant", ein« 'Würde, die in jener Zeit einen gar hohen Slang besaß und der er mit so viel Eifer, Redlichkeit und Gewissenhaftigkeit gerecht wurde, daß ihm dafür manche Auszeichnung von den höchste» Behörden zu Theil ward. Dir soeiale Stellung de« Vater» hatte jedoch nicht gehindert. daß Sarah und ihre jüngeren Schwesterchen gern und oft mit Abraham- Rindern in dessen Garten spielten und daß Moi» in der Schule de» Mädchen« zweiter Lehrer und tapferer Beschützer war. »Lebt wohl", rief der scheidend« Jüngling, nun seine Arme nach der Vaterstadt ausdrritend, »lebt Alle wohl, Ihr Geliebten dort! — Doch jetzt fort, dem Ziele zu!" _ (Kvryetzung folgt.» Jüdische Silhouette« au» Galizien. Bon Ratha» Samuely. »nutf-ti.) XI. Mit gleicher M«»»e Joseph und Zila waren ei« verliebte» Ehepaar. Er war au» Böhmen und sie aus Galizien, doch schlugen sie nach ihrer Hochzeit ihr Heim in Wien auf. Joseph liebte seine Zila wie sein ganze« Leben, doch gab es einen Gegenstand, der ihm noch lieber al« sein Leben, folglich auch al« seine Zila war und dieser hieß — die Äörse. Zila war auch nicht wenig auf diese ihre Rivalin eifersüchtig und sie ließ es an Muhe nicht sparen diese ihm au» dem Sinn und au« dem Herzen zu reißen. Sie bot da« ganze Feuerwerk ihrer schelmischen, verführerischen Augen auf, sendete alle fügen Lockrufe der Lieb« au«, ließ es auch an Schmollen nicht fehlen — allein all« diese Mittel waren machtlo« gegen die Börse, die ihm tief im Sopfe und im Herzen saß. Nahte ihre Zeit heran, dann scheuchte »« ihn, mitten im lieblichsten Gekose, wie ein Gespenst in der Morgenstunde auf und riß ihn au« ih«n Armen fort. Wahr ist e« aber auch. bt| di«. Börse damal« über ein Zaubermittel verfügte, dem im Mensch, mochte er noch so wiüensstark gewesen sein, toifa. stehe« konnte: st« ließ in ihre» Tempel einen fönulicha Goldregen nirderströmen, nach dem man nur die Hand ans. zustrecken brauchte. Joseph strickte sogar beide Hände na« «hm au« und kam jeden Tag mehr vergoldet nach zurück. Zila ging freilich nicht leer dabei au«, indem« täglich neue reiche Präsente ihr zu Füßen legte. Diese jedah erregten nur noch mehr ihren Widerwillen, weil sie al« Tochter ehrlicher, sparsamer Leute au« Galizien, Feindi, aller Verschwendung war und eine solche konnte sich bei ih, nirgends so manifestiren, wie eben in den Geschenken, die tt ihr täglich nach Hause brachte. »Geh" schmollte sie. al« er einmal wieder mit rinr, neuen Flittertand von gar hohem Werrhe nach Hause ia» und diesen ihr mit einem Süße überreichte, »Geh, du bist ein ungeheuerer Verschwender!" »An Süße" scherzte er und bedeckte mit solchen ihn, schönen, schmollenden Mund. »Rein", gab sie zurück »Du wirfst da» Geld förmlich zum Fenster hinau» und ich weiß sogar warum." »So laß hören, Zilchen!" »Weil Du deine Au-gaben nicht zählest." »Und die Süße, die zähle ich auch nicht" scherzte er. indem er neuerdings eine Fluth von Rügen auf ihre Lippe, niederströmen ließ. »Auch mit diesen" lachte sie und suchte sich ncckisch seinen Armen zu entwinden »würdest Du hau»hälterisch«r umgehen, wenn Du sie zählen solltest." »Gut so wollen wir zählen: ein», zivei, drei!" »Zählen ohne Zahlen gilt nicht»!" wehrte sie ihn lachend von sich ab. »Meinetwegen zählen und zahlen" stimmte er lacht»d zu. indem er eine Handvoll Goldmünzen ihr in den Schoo» rollen ließ »die Börse gibt für Alle»!" »O. die verdammte Börse!" schalt Zila. Die verdammte Börse duldete es aber auch nicht, da» er sich ihr so ganz hinaebe und ließ ihm durch die Thurmuhr den Beginn ihrer Orgie verkünden, wodann er ohne sich Zeit zu gönnen sich ihr gehörig zu empfehlen, wie toll au» dem Hause sorlstürzte . . . Eine zeitlang ließ es Zila nur beim Schmollen bewenden, doch verfiel sie im Verlauft der Zeit auf einen Gedanken, der ihr viel größere Genugthuung verschaffte — sie zahlte ihm mit gleicher Münze heim. Auch sie nämlich huldigte ihrer Neigung und versäumte gleich ihm nie einen Tag derselben einen Besuch abzustatten. Dieser jedoch geschah immer mit ängstlicher Borsicht, geheim und verstohlen. Gewöhnlich, wenn er sich in die Börse begab, sah sie ihm immer durch da« Fenster narb und so sie sich nur überzeugte, dag er bereit« um die Ecke gebogen, warf sie ihre Mantilc um sich, setzt« ihr Hütchen auf und husch, flog sie den Stiegengaug herunter, um ihren geheimen Besuch zu machen. Selten nur unterließ sie ihren geheimen Gaug, nur wenn da« Wetter besonder» roh war. versäumte sie nie einen Brief zu schreiben, wie um den au»gebliebenen Besuch zu rechtfertigen. Auf einen solchen folgte immer tag« draus Antwort, doch diese übergab ihr der Briefträger, wie e« schien, auf ihren Wink, nur zu einer Zeit, daß »ihr Mann nicht zu Hause war. Wenn sie allein im Hause zurückblieb, holte sie nicht selten au« einer geheimen Schublade ein Bündel Briefe hervor und las dieselben einen nach dem andern und man konnte immer während de« Lesen« ein schalkhafte« Lächeln auf ihren Lippen bemerken, da» eine gar freudige Genugthuung verrieth. Lied sich jedoch während dessen ein Laut oder Schritte vor der Thüre vernehmen, dann fuhr sie wie erschreckt zusammen und rasch verbarg sie ihre Briefe ia die geheime Schublade. Ihr Mann hatte seit jmer Zeit viel weniger sich über sie al« früher zu beklagen. Da« Schmollen schien auf «»' mal wie vergessen, er bekam uft mehr Borwürft von ihr j*

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