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Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 27 (1884) · p. Seite 106

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
27 (1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 106 (sequence 2)
Language
German
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— 106 — Geschichte bilden werde». Wer kennt nicht die RuhmeSthate». welche die Leben»bahn diese» erhabenen Feldherr» bezeichnen! In diesem Augenblick aber sind die glühenden Wünsche, die ihn belebten, zurückgctrcten vor einer wieder erwachenden, jugendlichen Harmlosigkeit. Der Knabe gegenüber hat friedliche und heitere «Gefühle in ihm geweckt. Doch dieser, wa» hat ihn plötzlich ersaht? Er schiebt da- Buch zurück; er preßt mit beiden Händen seine Stirne, als quäle ihn ein schmerzlicher (Gedanke. Auf seinem Antlitze stiebt sich eine große Traurigkeit kund, und erregt beginnt er in raschen Schritten auf und ad iu gehen; dann bleibt er düster und nachdenkcnd stehen. An'» Fenster tretend, erhebt er die beredten Augen, wie hilfesuchend zum besternten Himmel und bricht in rin Schluchzen au». Der Knabe hat keine Ahnung, daß er beobachtet werde, da alle dichter ringsum, auch die in Karl Zimmer bereits r. loschen sind, und er Alle» schlafend wähnt; rückhaltlos überläßt er sich dem Schmerze, dessen Ausdruck durch die lautlose Stille zu den» uugrahntcn Zeugen hinübcrtönt und sein Herz ergreift. Die Jugend erscheint uns gewöhnlich gepaart mit trcitcrer Sorglosigkeit. Wir können unS erftere kaum anders, als mit dieser vereint denken. Um so tiefer bctvrgt uns darum der Harm eines Kinderherzens, rührt uns ein von Thränen benetztes, jugendliches Antlitz. „Was ha» er nur? Was verdüstert so plötzlich dies freundliche Bild?" so fragte sich Karl theilnahmsvoll. „WaS mag den armen Junge quälen" fragte er sich am andern Morgen wieder, als der Anblick des gegenüberliegenden nun von der Sonne bestrahlten Häuschens ihm die gestern stattgcfundene Scene in'S Gcdächtniß rief. Unter tiefen Bücklingen stand der Wirth vor ihm. den er hatte rufen lassen, und berichtete auf seine Frage, daß jenes Häuschen sammt Dachstube „leider" einem Juden gehöre. „Leider? Und warum leider?" .„Weil, folge dessen, durchlauchtigste Hoheit, ein so mißliebiges vis-4-vi» . . ." „Wie heiß« der Mann, und was weist Du von ihm?" „„Man nennt ihn, durchlauchtigste Hoheit, de» alten Abraham. Und waS ich von ihm iveiß? Durchlauchtigste Hoheit. Wahrheit muß sein, folge dessen, wen» er auch de» Fehler und das Malheur hat, ein Jude zu sein, so muß ich doch sagen, der alte Abraham ist eine ehrliche Haut, ein armer Hausierer, der sich plagt Tag und Rächt, folge dessen...."" „Und der Knabe, der da eben an'« Fenster tritt?" „»Da« ist ja der Moi». sein Sohn, ein gar fleißiger Junge, folge dessen, e» wäre zu wünschen, — wenn « keine Sünde ist. — der Moiö wäre ein Christenkind. Der wird noch einmal ein Licht, ein lielles Licht! Bis in später Nacht seh ich ihn bei seinen großen Büchern sitzen, folge dessen . . ."" Der dickleibige Wirth hätte gern noch manchen Lobspruch beigefügt, denn, wie es schien, hatte er den Moi», trotzdem daß er »leider" ei» Judenkind ivar, in sein Herz geschlossen; allein Karl unterbrach ihn mit dem Befehl, den Knaben herauszuschicken, ihn» aber ja nicht zu sage», wer er sei. der ihn zu sprechen wünsche. iAochr-ung folg,.- Jüdische Silhouette« auS 8alizie«. Bon Rathan Samuely. |«a«»nut «ttnfo|i.| X. JHt leide» Man sieht sie immer pfeilschnell über die Straße setzen, den Ahrele Paarer und Chajemel Aber. Beide tragen sie lange, schlotternde bis an den Gürtel mit Koth bebrämtc Kaftans, deren Schöße im raschen Schritte jedesmal auffliegen und den malerischen Hintergrund enthüllen: die gelockerten, außer Rand und Band gerathenen Plunderhosen und die sich baumelnden Schaufäden ihrer Arbakanfes. Beide tragen sie auch brritkrämpige Hüte, die sich ihnen tief über da« Gesicht senken. Bei dem einen, bei Ahrele Paarer, läßt dieser nur die großmächtige, feurrrothe Rase hervorleuchte», beim , aber, bei Chajemel Ader, den Gott von einer solchen ganz befreit hat. indem er kaum nur ein Zeichen von r Rase besitzt, senkt der Hut mit seinen breiten Krampen noch tiefer in das Gesicht, »m daS Defizit ganz zu und läßt nur den volle» rollten Barr ganz hervorblicken. in lauter Liel>eSgluth entbrannt zu sein scheint. Wenn ihnen etwas Brennendes vorhanden ist. mir l«cispielsweiie Ahrele Paarer d>e Rase und bei Ehajemel Aber der B so kann es nur in Liebesgluth fein, iveil sie ja beide beflügelte» Boten Amor» sind. Ahrele Paarer steh» jeden' dem Liebesgott viel naher, er ist geradezu sein Lridadjni. der ihm de» Bogen spannt und chm die Hand leitet, ta er nicht in seiner Blindheit »>S Leere schieße. Aber a> Chajemel steht in seinem Dienste, freilich nur mnic!^! Ehajcmel ist erst der Schatten und Wiederhall br» flhrry Paarer, indem er ihm überall »achfolgt und alle», um? ausspricht, nochmal« wiederholt. Dieses Wiederholte je! versteht er erstens durch das hinzugrfügtc Wörtchen „aba*[ oder „noch was" zu bekräftigen und zwei lens durch die ÄaH seines Barte», in den er gewöhnlich l>ei einem solchen Anleisi mit allen zehn Fingern hnieinfährt und ihn in zehn Parva erscheine» läßt, gleichsam zehn unwiederstchlichen Zeuga Wie die Krast des Ehajemel im Barte, so besteht die Ml Ahrele vorzüglich in der Rase, die er in allen Lage» Ml Leben« in den verschiedensten Tonarten zu schneuzen verfiel» - und waS weiß er nicht alles diesem wunderbare» Jnstrumca zu entlocken! Bald klingt es lustig, bald schrill, bald bläu t» Trübsaal bald schmctterl cS wie eine Posaune — lirz für jede besondere Stimmung versteht er seiner Rase ana besonderen Ton abzugewninen! Mit dem Spitznamen „Paarer" und „Aber" wurde, die beiden Licbcsbotcn von dem Lustiginachcr der LlaX von Berclr Marschalck, gekrönt. Den Anlaß dazu gab folgender Vorfall: Ahrele führte eine Partie für die Tochter eines gewisse» Israel Ettelrs mir dein Sohne eines gewissen Sender Breitkop au» D. Da» betreffende Mädchen ivar sehr aufiallij schwarz, als ob man es zahllose Mal durch den Kamin gezoqe» hätte, dabei mager und platt wie ein vielmals gehobelte» Brett. Der junge Mann wieder hatte ein so ansehnliche» körperliche» Gtt>r«h<m, daß e» einem in die Augen sprang. Wa« da« Mädchen l>etrifft. hatte Ahrele spielend leichte Mühe, indem er es de» Eltern de« jungen Mannes als eine moderne Schönheit, als eine tiefe Brünette schilderte, die cm in der Entwickelung ist — wa« die Eltern sich auch ger» einredc» ließen, weil sie ja nicht blind für den Fehler ihre» Sohne« waren, den sie gerne mit was für eine Frau immer verheiratliet lßitten. Das schwerere Stück Arbeit hatte a erst jetzt zu vollbringen und zwar bei den Eltern de» Mädchen» Hier hieß r« seine ganze Kunst aufbirten, die Eller» de» Mädckiens langsam und vorsichtig aus da« Gebrechen de» Bräutigam» vorzuberciten ihnen früher durch allerhand Blendwerke. durch Vorspiegelungen und glänzende Aussichie» die Augen zu versteUrn, »venigsten» dieselben von dem Fehler de» Bräutigams tlieilwcise adzulenken, damit ihnen derselbe in verkleinertem Grade erscheine. Bon der glückliche'» und geschickte» Durchführung diese« Plane« hing das Zustandebringen der Parthie ab. Er rüstete sich daher mit alle» ihm zu Gebote stehenden Waffen für diesen Angriff und bereitete auch seinen Eompagno gehörig darauf vor, daß er mit allem Nachdrucke ihn unterstütze und immer rechtzeitig mit seinem „aber" oder „noch wie" einschlage, kurz, ihm all kräftiges Echo diene, denn mehr durfte und konnte er von seinem nasenlosen Organe nicht envarten. So kamen sie beide zu Reb Israel Ettcle«, dem Batrr der Braut. Ahrele, der auch hier, wie in allen hiesigen Häu>cr» heimisch war. ließ sich, kaum daß er in» Zimmer trat, erschöpft in da« Sopha sinken, holte sein breitgeblüm«» Taschentuch hervor und nachdem er seine Rase so scheupr. .. -

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