Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 26 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 102 — Auch wir verlassen in weiser Vorsicht unfmi Freund, müssen aber nur noch bemerken, das, seine Frau Recht gehabt, al« sie vom Frrunde gesagt: er wird nicht kommen, — denn er kam in der Thal nicht. » So mochte ungesähr ein Jahr hingegangen sein, während welcher Zeit der Scbammrr, Red Mosche, sich wohl hütete. Schmul Loksch zu Minjan zu rufen. — Diese Vorsicht wollte er auch weiter üben, und kein Zurede», kein Hinivei» auf seine amtliche Verpflichtung, konnte ihn auch heute, wo sie sich eben wieder zu »Neun" in der Schul befanden, dazu bringen, hinüber zu Loksch zu gehen, um in seiner Person den .Zehnten" zu erwerben. Unter diesen Umständen hätte«»daher leicht kommen können, daß die Abhaltung de» Gottesdienste» gänzlich unterblieben Wäre, wenn nicht Zender Klip» heute Jahrzrit gehabt hätte und da» Koddisch zu beten verpflichtet »var. Wa« nun thun? l£« war in der ganzen Umgebung kein Jude aufzurrriben, denn sie waren alle zu einem in der Umgebung statthabenden Jahrmarkt gefahreu. Und von der Schul au« sah man drüben Schmul Loksch vor seinem Ladenlokale stehen ohne die geringste Beschäftigung. Alle warfen sehnsüchtige Blicke nach dem Edlen, und Einzelne richteten die Auflvrdeiung a» den Schammr». doch jedenfalls einen Gang nach dorten zu ivagen. Doch Red Moscheh lachte nur dazu, er wußte waer wußte. »Ich werde selbst einmal zu ihm hinüberarhen" — spricht jetzt Zender Klip«, und macht sich aus den Weg. .Ihr iverdet nicht» schaffen." ruft ihm der Schamme« nach. Da» mochte wohl auch der erster« bei sich denken, denn er beschloß zu einer List seine Zuflucht zu nehme». »EinrNothlüge ist erlaubt" — calculirt Zender Klip», und macht sich eine eigene Moral zurecht. .Eine kleine Unwahrheit wird mir der liebe Gott verzeihen, denn e» hat einen guten Zweck" und er eilt hinüber zu Schmul Loksch. Dieser, sieht ihn vchi fern kommen, und hatte kaum eine Ahnung davon, daß er jetzt ein Opfer einer Mystifikation »verden solle. .Herr Loksch" — ruft Zender Jtlip», al» er an den Synagogenbesuchverweigererherangekommen war—.Herr Loksch. — erbarmen Sie sich, und kommen Sie schnell mit mir hin» über »ach der Schul." — „Wie? Fehl, ich etwa zum Zehnten? — fragte kampfbereit Loksch. und bestärste sich in dem Vorsatz, keine» Schritt zu gehen. „3 — bewahr — was Zehnten! Aber ein große» Unglück ist drüben passirt. Unser Schamme». der die Lichter anzünden tvollte, ist vom Tritt herunter gefallen, und ist ganz hin." — .Wir?" ruft Loksch erschreckt: — „ist er tobt?" — „Was wollen Sie? Er ist ärger wie todt — er ist ganz chorcw") Kommen Sie nur, Sie wissen ja. daß e» eine große Mizwah (Pflicht) ist bei Jezias neschomoh "*) zugegen zu sein." — ..Wa» Sie da sagen!" — ruft unser Loksch mit einem menschlichen Rühren, wiewohl er eine Picque auf den Schamme» hatte. „Welch ein Unglück, — wie ist da» gekomincn?" — „Weiß ich? Kommt nur schnell. Habt Ihr vielleicht etwas Tropfen im Hause?" „Tropfen? Gewiß ich hol' sie schon; wartet nur ein wenig." Und er stürzte nach oben, und kam bald darauf mit zwei kleinen Fläschchen flüssigen Jichalt» zurück. „Nur schnell, sehr schnell!" — ruft Zender Klips, und die beiden Männer eilen der Schul zu. »Habt Ihr schon mit kaltem Wasser bespritzt?" fragt unterwcg» noch Schmul Loksch. »Gewiß" — antwortete Jener kurz, — »aber e» half alle» nicht»." *) Zerschmettert. Scheiben der Seele. Zender Klip« läßt in weffer Vorsicht Schmul von»! eilen. Derselbe stürzt durch den Vorhof in da« Innere fol Synagoge, und öffnet schnell die Thür derselben. Zeiidal folgt ihm auf dem Fuße, und im Innern de» Betlokal« «»[ gelangt, schließt er schleunigst da»selbe, und steckt den Sd)lüjitl| vorsichtig in die Tasche. Wa« aber sieht zu seiner mächtigen Verwunderung unjsl Schmul Loksch? — Dort oben steht der Schamme» gqu«| und frisch, und zündet seine Lichter an. Aber Loksch hatte keine Zeit seinem Erstaunen AuÄni! zu gebe», denn im nächsten Augenblick tönt e» schon hell tun laut: Aschrr joschwe weissccho") und jede» Rückzüge» bfraukj mußte er noleno volar» den »Zehnten" machen. Jüdische Silhouette» a«» Galizien. Bon Aaihan Samuelq. |«u«»nui Ille» «mb P*ffe».*) (Schlug.) In Wien, mitten in diesem riesigen. ewig wogend«, I Mrnschenmeerr, wo rin so schmächtige» Männlein wieÄq«l,I unbemerkt sich ducken und verschwinden kann — tauchte er i>! oers hirdenen Ha»del«l)äusern in mancherlei Gestalten uj l Hier stand er. ein in Seid« gehüllte» Männlein. mit ei«I Bernsteinspitze im Mund«, au» weliher er behaglich schmauch» I und dir blauen Rauchwölkchen durch den linken Mundflugill hervorkräuseln ließ. E« gilt nämlich, hier sich al» reich»! Mann zu zeigen, um »pumpen" zu können. — Dort wieda I in einem anderen Handrl-Hausr. stand er eine Stunde fpätrtl eine wahre Trauergestalt in Zotten gehüllt, mit gesenliml Haupte und wispender Stimme: »Ich bin ein armer. veru«>s glückter Familienvater von einer Frau und sechs Kinder»'! jammerte er hier. „Ich kan» Ihnen, Herrlrb, keine» HellaI zahlen. Wenn i ch Ihnen genüge, machen Sie mit mir ini| Sie wollen, wie Sie sehen, habe ich mich Jhneii gestellt!" -I E« gilt nämlich hier, einen für Waaren schuldenden $rtnu mit fünfzehn oder höchsten« zwanzig Prozenten auszugleicharl Und wieder giebt e» Häuser, nicht blo« in Wien, sonder,! auch in anderen Städten, in welchen er unter riner gay! anderen Maske auftritt — doch ich will ihn nicht verrakhe,'! Etwas wa« in dem Städtchen S., seinem HeimathsorLI jedermann auffallen mußte, war, daß er seit einer Reihe »I Jahren immer einen Tag vor Purim au» dem Slädlche»! zu verschwinden pflegte und sich erst einige Tage ipaial wieder blicken ließ — just also an jenem Feste vermint uurttl an welchem alle in noch so weiter Ferne weilenden Glaube«»-! genossen wir auf Flügeln zu ihrer Familie hergezogen toi um im Kreise derselben, umfloffrn von Licht und Freude, da! schöne Purimfest zu verleben. Wo nur konnte er damalil weilen, der Gezrle Alle»? — In einem so kleinen Ltadicha! wie S. in welkhrm alle Leute so nebeneinander gerückt toi daß sie sich fast mit den Köpfen berühren und sich gegw-I fettig in die Töpfe hineingucken, konnte da» regelmäßige schwinden Gezele'S um diese Zeit gewiß Niemandem emgto-I Biele nahmen darin Anlaß sich über diese weltbeioegeiR» Frage die Köpfe zu zerbrechen ... | »Wo soll nur Grzele jede« Jahr um diese Zeit w| schwundcn sein?" . I »Vielleicht wird er von seinem Geschäfte abberuseavermutl)ete der Eine. »Vielleicht hat er alljährlich um diese Zeit eine gchtol Angelegenheit?" meinte rin anderer. I Ätlbftverständlich mußte der unvermeidliche Bcrcle schelek, mit de» pfiffigen, zugekniffenen Aruglein bei Diskursen da» Wort mitsprrchen. I »So saget nur, heißt er nicht Gezrle Alles?" l>eganu I »Run und wa» folgt drau»?" drängten Viele, aus I gewiß witzige Antwort de» Lustigmacher» neugierig. •> »Heil denen, dl« da weilen in Deinem Hause!" (Sniang* de« Mincha-Sebet«.)