Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 26 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/6492351-8722841-5938221--0129-5377683- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
108 ■Fp.SRun, wenn er Alle» ist" versetzte dieser, „so mutz Mk ja auch rin Knauser sein. So rin Purim verursacht viele Dkwegaben. — da muh man den Berele Marschalek den »Mund stopfen und die Hand fülle», de» Synagogeudienern. Itnt Armen und den Purimspielrrn ebenfalls etwa» in die Ihand stecken und obendrein kommt der Rabbiner, der E Hasen, »der «chächter und die würdigen Anne» der Krhile, die man I dach geiviß mit Geschenkn, bedenke:, mutz. Gezele. der Knauser, I jucht sich alle diese Ausgabe» zu ersparen. Gewiß liegt er I bei sich zu Hause irgendwo versteckt und hört uns Alle wir Ihaman de» Klapper." I Diese Antwort leuchtete um so eher den Meisten ein. I dl ja Gezele wirklich al» ei» großer Knauser bekannt war. I Allein diese wohl witzige Bermnthung war nicht» I weniger al» wahr. — I unvorhergesehener Zufall zog diese» Grheimniß in I die L^essrnllichkrit. I Reb Rrchrmje Reichmann nehmlich, ein würdiger, an» I jeschener Mann der Krhille, wurde eine» Tage» vo» einem I dringniden. unaufschiebbaren Geschäft nach Lemberg abberufen. I und da» war just zwei Tage vor Purim. Da» Geschäft I zwang ihn. hier noch einige Tage zu bleiben und so wurde er von einem freunde für de» Purim-Abend eingeladen. 8ic iKutc in allen jüdischen Häusern, strahlten auch hier alle Räume in Glanz und Licht. Die aneinander gereihten lifche, von der Familie umringt, waren mit den leckersten speisen bedeckt und die Thüre drehte sich unablässig auf chm» Angeln, um die Armen, Malkirten und Purimspirler, dik jämarrnweise he»beiströmte», vorzulassrn. Mitten unter dkl großen Menge von Armen erschien auch — Reb Rechcm,c wollte kaum seinen Augen traue» — Gezele Alle». Allerdings war da» sonst gelbe Bärtchen etwa» gcschivärzt und die Kleider allzuslark abgegriffen, doch er hätte ihn ja auch au» Tausenden herauserkannt. und wenn ihm überhaupt an ihm noch etwa» ziveifelhaft sein konnte, so wich diese» schon gar. al» kr jetzt, das unverkennbare, einschmeichelnde «limmche» Gezrle's zu hören bekam. Gezele nämlich, der diesen unliebsame» Gast am »venigstr» hier vermuthete und chn auch nicht bemerkte, fing a» wegen der Almosengabe, die man ihm verabrcichle. mit dem Geber zu feilsche» und belheuerte. er sei ein armer, abgebrannter Familienvater von aner Frau und sechs Kinder», er sei einst sehr reich gewesen, flamme von großen Leuten ad und verdiene daher eine «ürdigrre Gabe! — Länger konnte Reb Rcchemje e» nicht mehr ruhig andören. Rasch sprang er von seinem Sitze auf und auf Vezcle zu. „Um GotteSwillen. Gezele," schrie er, „Du gehst schnorre»?!" Gezele blieb so wirr und betäubt, daß er alle gesammelten Stlberslücke au» der Hand fallen ließ, die geräuschvoll „ach verschiedenen Enden hinkollcrtcn. „Ich —" stotterte er mit fast gelähmter Zunge, „ich — bin nicht — ich!" und stürzte bleich au» dem Zimmer. Drei Tage später war das Geheimniß publik. In weitem Kreise standen die Stadtleutc und unterhielten sich über die wichtige Entdeckung, die Reichmann au» Lemberg gebracht. „Ta» also ist die Ursache, »varum Gezele jeden Purim wrgbleibt!" rief man sich einander zu. — .Gezele ist alle»", versuchte einer nach Art de» Marschelck zu witzeln, „also auch Schnorrer!" „Rein" zwitscherte Berele der Lustigmacher, „Gezele sühn einen doppelten Namen, zu Hause nennt er sich Gezele in der Fremde Gezele Dalles!" Der Witz hatte die» mal die Wahrheit gesprochen. In ber Thal betrieb Gezele in der Fremde die Bettelei, nicht blo» al» Reben» sondern al« Hauptbeschäftigung. Sein lammfromme» Gesicht und glatt einschmeichelnde» Stimmchen kigncten sich ganz sonder» für diesen schönen Beruf. Einige Monate später bot ein Ereigniß den Leuten der Stadt Stoff zu neuer Unterhaltung. Die Krämerei Gezele'» und alle seine Habseligkeilen kamen unter dem Hammer. ..Au» Gezele Alle»" witzelte Berele Marschalek „ist geblieben der Dalle»!" Bevor jedoch sech» Monate seit jener Zeit vorüber warm, standen die Leute der Stadt vor einer großen Ueberraschnng. Gezele hat sich da» größte und schönste Haus der Stadt um de» Preis von fpnfundzwanzigtausend Gulden zum Eigenthum gemacht. Da» Staunen war groß, die Gruppe staud im weiten Kreise mittm auf dem Marktplatze. „Er hat ein Loo» getroffen", behauptete der Eine. „Eine große Erbschaft" meinte ein Zweiter „ein kinderloser Onkel muß ihm in Amerika gestorben sein!" „Rein" widersprach rin Dritter, „da» würde sich hürm lassm. Eher wäre anzunehmen, daß er bei einem Edelmanne einen großen Fund gemacht." „Biel einleuchtender", räsonuirte ein Vierter. „ist e», daß er vor seinem Fallissement viele Maaren au» seinem Lager verschleppt. „Alle seid Ihr auf dem Holzwege" krähete endlich Berele Marschelek seinen höchsten Octav, „von seinem Dalle» kommt sein A llr»!" Allerlei für de« Familientisch. Ja Aet«e'» Memwtre«. In einem ttrfflichcn Essay im Feuilleton der „Reuen freim Presse" bespricht Ludwig Speidel(N>chtiSraelit)die unlängst veröffentlichen Memoiren Heinrich Heine'» und schließt den Arttkel mit folgenden treffenden Worten: „Sollen wir. eben von einem auserlesenen Gcnuffe (der Memoire» Heine'») herkomniend. undankbar sein gegen da» Judenthum, da» un» Deutschen in Heinrich Heine einen wahrhaft großen Dichter geschenkt hat'? Au» der drangvollen Gegenwart retten wir un» zurück in da» Bereich der Geschichte. Ein wunderbare» Volk, diese Juden! So eigcnthümlich in ihrm Anlagen, al» seltsam und incrkivürdig in ihren Geschicken. Sic bilden ein scharfe» und beharrlich wirkende» Ferment in der christlichen Geschichte, überall durch die Macht de» Geiste» und eine unübertroffene praktische Begabung entschieden eingreifend in die höchsten Fragen der Menschheit, große Philosophen und GotlcSgclehrte. große Dichter und Tonkünstler, grotze Mathematiker und Finanzmänncr. Eine Geschichte des Judenthum» in diesem Sinne, al» eine Art Biographie de» ewigen Juden, dessen Barl sich in der Spitze stet» verjüngt, ivarc ein Buch, in welchem sich die ganze BildungSgeschichte der christlichen Menschheit aufs merkwürdigste spiegeln würde. Auch nur den Einfluß de» jüdischen Geiste« aus die moderne BildungSgeschichte de» deutschen Volke« zu schildern, wäre eine lockende Aufgabe. Da müßte der Geschichtsschreiber schreiben von jener intcllcctuell wie sittlich großartigen Gestalt de» Benedict Spinoza und seinem Einfluß auf die deutsche Philosophie; er müßte da» Verhältniß Mose» Mendelssohn'» zur deutsche» Littcratur schildern und namentlich wie er geistig milgearbeitet an Lessing» schöner Dichtung von der religiösen Toleranz; auch den Einfluß, den da» Hau» Rothschild und andere jüdische Häuser auf die Finanzverhältnisse der deutschen Staaten genommen, dürste er auf keinen Fall mit Stillschweigen übergchcn. Dann käme auch Jacob Meyerbeer an die Reihe, welcher für da» deutsche Volk eine geschichtliche Oper geschaffen; Felix Mendelssohn nicht zu vergessen, der, als die großen Sprosser in den gerinanischen Wildern verstummt waren, seinen reizenden Gesang erhob, die verknöcherten Formen der Kammcrmusik zu neuem Leben aufrüttelte und dem vierstimmmigcn Männergesang wieder einen Schwung gab, wir er seit dem deutschen Befreiungskriege nicht mehr