Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 24 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
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— 94 — als il)tn die Absicht desselben bereits klar war. und den Acrgcr in seiner Brust »ach zehn Grad höher steigen ließ. „Guten Abend" — sagte Rrb Mosche — „möchten Sie nicht so gut sein, Rrb Schmul, und nach der Schul herüberkomine»? es sehlt der „Zehnte" zu Minjan". — Höher und höher stiegen dir Woge» des Ingrimms in unserem Loksch. als er sich mir „Rrb Schmul" in Anwesenlieit des christlichen Kunde» angercder sah. Die bis jetzt mit so grohem Eifer von ihm betriebene Germanisirung seine» Namens — von Schmul in Stephan — sah er zu seinem großen Entsetzen von dem unvernnnstigen Mann als gar nicht vorhanden betrachtet. Im heftigsten Tone wurden daher dem Schamincs dir Worte zugcschlrndcrt: „Ich habe nicht Zeit!" — Er glaubte den Gebrts-Einlader hiermit schon Im» geworden zu feilt: allein er irrte sich. Fest stand Sieb Mosche noch da. und keinen Schritt wich er zur Siückkrhr. Warum sollte er auch? Ein Anschreirn von Schmul Loksch. wenn er zu Minjan geruf-n wurde, fand er für so selbstverständlich, daß es kaum Eindruck auf ihn machte. Seine, durch die Erfahrungen bereits abgehärteten Gefühlsnerven. machten es ihm sogar möglich, rin dreimaliges Anschreie» von Schmul Loksch zu ertragen, ohne daß er dal>ei nöthig hatte, eine Miene zu verziehen. und die eingenvmmrnc Position zu verlosten. In öfterer Sdeise hatte er durch ein solche» Verfahren schon die Neniienz von Loksch zu beugen verstanden, und diesen trotz ansäiiglichkn heftige» Widerstrebeus schließlich doch »ach der Schul gebracht; warum nicht auch heute? — Schmul Loksch (Kitte ihn ein Mal angeschrien; — was wollte das sagen! — Wenn es fünf Mal geschehen sein würde, dann — ja dann, — wollte Sieb Mosche »och sehen wa» zu thun sei. Also er geht nicht von der Stelle, während Schmul Loksch in der Bearbeitung de» Kunden fortfährt. So gehen einige Minuten dahin. Wiederum trifft des Geschäftsinhaber» Blick he» Schammes, der unbeweglich auf seiner Stelle verharrt. .Habt Ihr den» nicht gehört, daß ich nicht Zeit habe. — und seht Ihr selbst denn nicht, daß ich nicht abkommcn kan»!' lierrschte er den Bediensteten der Gemeinde zum zweiten Mal im barschen Tone an. Ob Sieb Mosche gehört hat? — Gewiß hat er gehört, aber diese» giebt ihm »och lange keine Veranlassung, sei Verfahren zu ändern. Der „harte Kunde" indeß sieht mit Befremden bald auf den wüthenden Kaufmann, bald auf den phlegmatischen Schammes: — „Was hat der Mann?" — fragte er jetzt, sich an Schmul Lvckfch wendend. „Ach. — was wollen Sie mein Lieber, — man hat seine Leiden und kan» sich, was »och schlimmer ist, noch nicht einmal darüber au-lassen." — Ter Arme schwieg; aber der Knnd« will wissen, was es denn mit diesen „Leiden" für eine Bewandtniß l-abe, — und — wa» muß der Geschäst«man» nickt Alles thun, um seine Kunde gefällig zu sei»? — Schmul Loksch erzählt dein seinige» den ganze» Sachverhalt; aber er fuhr dabei »och («edeutriid schlimmer, denn kaum hatte der Kunde die Ulsache von Schmul» „Leid" vernommr», so war er liebenswürdig genug, auszurufeu: ,O. wenn'« weiter nicht» ist, bitte lasten Sie sich in Ihrer Andachlspflicht nicht störcn: — ich warte gern eine Viertelstunde, — ick habe Zeit." — So sprach der Kunde, und drang so lange in Loksch. bi« dieser darein willigte, mit dem Schammes zu gehe», welcher nun feine Beute rriiimphirend davon fllhnr. Kaum alvr. daß Beide fort ivaren, so trat ei» Knal>e in den Laden, ging auf den Kunden zu. der sich eben an den Lehrling mit einer Frage geivand» hatte, und sprach: „Vater, Mutter läßt sagen, daß Du schnell noch Hause kommen sollst, es wünscht Dich Jtmand l dringend zu sprechen." — Der A,geredete hatte nicht astobal» die Botschaft nommen. al« er sich beeilte, mit eine» schnelle» „Wiitr, Abend" de» Lade» zu verlassen. <2*iufc f»iqt > Jüdische Silhouette« aud Galizien. jll» HR» Wer kennt nicht de» Gezele Alle», das kleine, schmäch„§t Männlein, stink »nd leicht beioeglich wir eine Windmühle, mit dem weiche», schmiegsame» Gesichtche», d>i» sich i„ allt mögliche» Falten legen konitte und bald hcklich, bald sanft, balb supperklug und bald fromm naiv, je nach dem äuge», blicklichen Bedürfe auszusehen vrriuochie?" — Ehemals war er hier nur u»ter dem Namen „G.zch Alles" l>ekaiint. durch eine» »nlirbsamrn Zufall jedoch, crljirti er auch da» wohl schön gereiintr. doch weniger schmeichellKiste Prädikat „Dalles", so daß er bald mit dem einen, bald imi dem zweite» Name» geua»nt »nd unter l«eidrn gleichwohl bekannt war.... Mehr berechtigt und seinem ivahrc» Wesen auch m:hr rutsprecheud. schien jedoch der erste Naine, den» er kouute »nd war Alle«, der kleine Gezele: er konnte baumeistern. in» schönen, vielzackigeu Buchstabe» Tnoim*') schreil>en, hrrrlihc Träller mit seinem Sümmchen schlagen: er konnte S.hoser blase», leicht wie rin Vogel riuc» „Ehossid" tanze», er konnte, wenn er in eine Gesellschaft von Frommen gerittli. das Köpfchen zwischen den anfgezogcnen Achseln beutungovoll senken und mit dem Zeigefinger die Schmachtlöckche» ziehen, dehnen und kräuseln, er konnte auch. >».'»» er in einem Km» von Aufgeklärten erschien, das Kastorhütche» stutzerisch aus die Seite schiebe» und die Schmachtlöckche» hinter die Ohren verschwinden laste» — er konnte lammfromm und bul>enfrech sein — er konnte von einem Edelmaunr sich Hundenmal zur Thür hinauSwerfru laste» und zum hu»drrtu»dei»tni Male wieder hiueinschlüpfen und sich dem .allergnädigiic» Herrn" zu Füßen werfen — kurz, er konnte Alle», »nd weil er alle« konnte, war er auch Alles. Er war Zim» rmanii. Zeichner, er ivar Kal)al«jchreiber, Vorbeirr, der alle Fraue» mit seinem sanftrinschiurichelnde» Slimmchen entzückte, io daß sie sich, wenn er vor dem Altäre stand, durch dir Fensienhen der „Weiberschul" tiefer vorbeugten. um >h» besser sehen und höre» zu können — er war der beste Schofcrblaser. aus Hochzeiten der grrn gesehenste Wafl, er war Ehassid und zugleich FortschnttSmann. er war der krirchrndste Speichellecker und der srrchestr. schamloseste Exekutor. Auf alle« Licitationr» ivar er Bestbieter und preßte so de» Patteieu Abfettigung-gelder ab — er war endlich auch der Bescher eine« kleine» Häuschens und einrr großen Krämrrei . . . Wie er Alle« war. so enthielt auch sriue Krämerei alle» Mögliche und war daher vv» de» Stadtlrutrn .AUbing' genannt. Da fand man Abfälle von Samiuet- und Seide»- Itoffen, Eisen- und Porzellangeschirr, verschiedenfarbige Bänder. Schreibrequisiten. Kinderspielzeug. Schuhwaareu und Pelzmützen. Stegen- und Soniienschirme. alte abgenützte Kleidung»' und Möbelstücke, kurz, alle« wa» nur je eine kühne Phantasie sich ausdenkeu kann. Seine Frau und feine l>eideu Töchter besorgten den Absatz der Waare, er jedoch gab sich zumeist mit den oben aufgezählten Dinge» ab 'Und bisweilen reiste er auch »ach Wien, um den Einkauf für seine große Krämera zu besorgen ... In der Klau» galt Gezele al» eine fast sage»hal>e Person. — wenn die Ehassidim, jeder mit sriner Pfeife, ein Hause« rußiger, dampfender Kamine, vor dem Ofen der Klan» sich ansammelten, war nicht selten Gezele der Gegeustaud lUrft lebhaftesten Unterhaltung: •i Armuih. "*) Bertotnmgofchrltl» n.