Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 24 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I Am siebenten Tag »ach btr Abreise Gabriels, es war Igrrade der Ziehu»g«tag. standen wir alle früh Margen» vor I»nn Lottoamt n»d envarteten da« Erscheinen der gezogenen »Aummern. die auf dein Brett immer herausgestellt wurden. I Da ging im Augenblick als diese« aus der Wand angeschlagen I »int*, ein Ruf der Ueberrasch»»d von un« au« — alle drei I Klniuncrn, die in unsrren Notizbüchlrin verzeichnet waren, I prangten mit großen Lettern. Anfang» wallten wir unsrren I Augen nicht trauen. wir verglichen die notirten Nummern I gut einander — r» stimmte auffallend: 75, 38, 10. Nie- I «and von un« konnte mehr im Zweifel darüber sein. I .Tie Wahrlieit hat sich belohnt!" mit diesem Rufe erschien Kcnjian von un» begleitet bei der Frau Gabriel«. .Was wollen sie damit sagen?" fragte die über sein isricheinen und »och mehr über sein »»gewöhnlich freudige« Aussehen verwunderte Frau. »Will sagen" erwiderte Brnzia» »das, alle drei Nummern, die ihr Mann gesetzt. gezogen sind!" »<8el»en doch mit Ihrem Scherz!" schmollte die Ara», dir an de» Späße» Brnzia»« geivöhnt war. I .Tab es diesmal ernst und nicht Spaß ist, solle» Ihnen tmc tu beivrisen!" erwiderte Brnzia» und zog zugleich au» smirr Brustiasche zehn blanke Hunderter hervor, die er ihr überreichte. »Mit diesen sollen sie", fuhr er fort »wie Ihr Plan» aiigeordnet sich. Ihre Linder und Ihr ganze« Hau«, »efc» fchün und siande»grmäb ausstaffirrn." Diese blanke» Beweise l>rnahn>r» auch der Frau allen Zweifel. Da« war rin »nintrrr« Leben, da« noch an demselben läge i» Gabriel« $mu« cinzvg. Handelscmomi« mit Seiden- und LammNvaarr». Männer- und Fraurnschnrider. ausgerüstet «,t M»b und Scheere, Schuster, Tapezirer und Möbelhändler, alle trieben sich wirr durch rinandcr im Z»»mer herum. E« wurde von den Sammt- und Leidenballen je zu inrhrercn üllen adgrschnitten. Fra» und Lindern da» Mab grnvmme», Äadel» uiio Lcheere klangeir lustig und die Zimmer füllten sich mit »eua»grta»ftkii Möbelstücken — die tausend Gulden hatten noch an demselben Tage ihre Benvrndung. Acht Tage später l>egadr» wir un« alle, l>eglcitkt von inner Frau, de» Lindern und von einrnr Dienstboten, der UNS mit einige» Flaschen Wein und kalte» Speise» folgte, nue lmlbe Meile aubrr der Stadt zum Mauthäu«chkn, wo wir Gabriel erwarteten und ihm dir freudige Botschaft mit- Iheilkii wollten. Unsere Ungeduld steigerte sich von Minute zu Minute, al« wir eine Zeit dort warteten und er »och immer nicht anlangte, doch endlich wurde von der Ferne eine Staubwolke sichtbar und dann ei» kleine« Wägelchen, da» die Strabc herangefahrrn kam — ja er sab dann, der gute Gabriel mit seinem breiten, niächtigen Barle. .Wo« ist denn heute mehr al« immer?" lieb er sich bald vernehme», al» wir bei seinen Anlangrn sein Wägelchen »it lautem Jubel umringten. »Weil heute die Wahrheit gesiegt hat!" erwiedrrte Benzian. .Ewig mit demselben!" wehne Gabriel .Da« sind mir jcheimnibvolle Worte!" »Und ist Dir auch ein Geheimnib. dab Deine Nummern Ajogcn sind? »Wa» Nummern? Welche Nummern?" .Deinen Lottozettel — hast Du vergessen?" »Wa«. mein Zettel!" thauete Gabriel auf. j »Run. mein doch nicht — gewiß Drin!" I .Da erfahre e« Gabriel plötzlich wie ein Freudentauinel »ad er fiel Einem nach dem Andern vo» un« um den Hal«: »Keine Nummer», meine geträumten Nummern — da« ist aichi möglich!" Bon Minute zu Minute quoll r« in ihm immer mehr heran und er lief wie ein schnurrende- Kreisel umher und jauchzte. »Wa« werden da für schöne Tage beginnen! Wein -- Wein wollen wir trinken!" »Dafür ist gesorgt!" erwiederte Benzian und deutete auf den Dienstboten mit dem groben Korbe. Wir begaben un« alle in da« zweite Zimmer de« Mauthhäu«chen». Der Becher kreiste in der Nunde, e» ging lustig her. »Hoch die Wahrheit!" erhob Benzian sein Gla«. »Loch! Hoch!" erscholl e» im Kreise. »Mein Gesellschafter Benzian lebe hoch!" brachteGabriel au». Wir stimintkn alle mit aneinander klirrenden Gläsern ein. Die freudige Stimmung ging immer höher. Die schon ohne dir« berauschte Phantasie Gabriel« erhielt durch den feurigen Wein, von dem er <V)lu« ui» Gla« herunterstürzte. Flammenflügel. die ihn weit über alle Grenzen öalichkcit hinwcgtrugen. In srincm Freuden, und Wriiirauschc trank er »ogar auf die Gesundt-eit seine« verstolbene» Grobvaters, der ihm die Nummern verkündet. »Bevor wir nun aufbrechen", sagte jetzt Benzian. al« wir un« zum Weggel^n anschicktc» »schau einmal nach, ob Du Deinen Lottozcttel gut aufgehoben hast, der ja die Hauptrolle spielt." »Ersitzt mir fest i» der Brusttaschc!" jauchzte der ganz sreuden» und wcintruiikcne Gabriel, und zog zugleich den un» bekannten Zettel hervor, de» er seinem Gesellschafter überreichte. »Schön, brav!" sagte dieser eifrig in den Zettel hineinblickend »die Nummern stehe» wie ehrliche Posten in Reihe und Glied. 75, 38, lv. — — - Doch wa« ist da«!!!" stieb er plötzlich hervor und lieb erblassend den Zettel zu Boden falle». Wir hoben de» Zettel auf — die Nummern waren alle da. »Was ist geschehe»? Da sind ja alle Nummern!" fragten wir verwundert. »Aber um Gotir-willcn schrie Benzian, der inzwischen seine Fassung wiederge. ann. »Warum schau» Ihr nicht weiter? Das ist ja ein vorjähriger Zettel!" Wir schauten — leider hatte Benzian recht. E« entstand ein allgemeiner Ruf der Berwirrung. »Unmöglich! Unmöglich!" schrie Gabriel mit heiserer Stimme mitten hinein und rib einem von un« den Zettel au« der Hand mit dem Ruse: »Wo haben Sie'«? Wo haben Sir«?" Benzion zeigte ihm in dem Zettel da« Jahre«- und Tagr»dat»m . . . Da schäumtc Gabriel in wildem Zorne auf. »Der Schlingel von Eollectant, der Galgenstrick — — betrogen hat er mich, em fremde« Datum angrsctzt, eine falsche Jahreszahl! — In« Criminal mub ich ihn bringen, in« Eriminal!! In« Criminal!!" Wir hatten jedoch kaum mehr Ohren für sei» Toben und Poltern, wir waren allzusehr verwirrt. Seine arme Frau fiel in Ohninacht, seine Töchter machten ebenfalls Anstalten dazu. Gabriel jedoch sah von alledem nicht» und schrie nur immer fort: »Betrogen hat er mich der Schurke von Eollectant! In» Eriminal mub ich ihn bringen! In» Eriminal! In« Eriminal!" E« herrschte unter un« arge Verstimmung und Verwirrung .... Der Festzug kehrte mit verstörten Zügen und langenden Köpfen wie ein Trauerzug zurück nach Hause. Um den Leser zu beruhigen, will ich ihm noch mittheilen, dab Gabriel, ein guter, nachsichtiger Mensch wie er war, e« am Ende doch vermied »den Schurke» von Eollectant" in« Eriminal zu bringen. Wie e« dem arme» Gabriel zu Muthe tvar, al« er nach Hause kam und seine ganze Baaychaft, die tausend Gulden. ' in Sammt- und Seidenfleider und in Möbelstücke» uingewandelt sah, mag der Leser sich selber ausmalcn . . . Hat Gabriel das Lügenreden seit jener Zeit aufgegeben? — Diese Frage würde ich leicht bejahen können, wenn ich eben die Gabe Gabrielbesäße . . .