Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 23 (1884) · p. Seite 90

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
23 (1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 90 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/6492351-8722841-5938218--0113-5377670
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— SV — Scheibenschietzen, und schon nach vierzehn Tagen tvar er — Meister in dieser Lunst: er traf jedesmal in'« Schwarze. — Einst ging aber der Prinz mit feinem Mentor spazieren und traf anterwea« eine Gesellschaft, die Schützenfest feierte. Sie schossen der meilrc nach in die Scheibe; die Meisten fehlten, endlich glückte t* Einem, in da« Schwarze zu treffen. Da erhob die ganze Festgesellschaft ein Jubelgeschrei: Hurrah! E« lebe der Schützenkönig! nahmen ihn auf ihre Schultern, lieben ihn hoch leben, und mutzten char nicht. Ivie sie ihm huldigen sollten. — Der Prinz konnte da« nicht begreifen, datz man init dem Schützenkönig so viel Wesen« mache, und er sprach: Mein Lehrer! Ist e« denn so etwa« Grobe«, in da« Schwarze zu treffen? Nach kaum vierzehn Tagen hat ja mein Pfeil stet« mitten iin Schivarzen gesteckt? — Ja. Königliche Hoheit, antwortete der Mentor, da ist doch ein kleiner Unterschied: bei diesen Schützen wird der schwarze Ring zuerst gezogen, und die Schützen treffen hinein; bei Königlicher Hoheit traf der Pfeil zuerst, und wo er immer hintraf, wurde nachträglich ein schwarzer Ring herumgezogen. — Wer immer richtig in'« Schwarze treffen will, der mub erst schieben und dann den Ring um den Pfeil herummachen; dann fehlt er nie. Der Pfeil ist der Gedanke; der Ring ist da« Gleichnitz". — Der Dvbnoer Magoid! Wer möchte «« glaube», dab seine Gedankenpfcilr. mit denen er so geschickt in da« SHivarzr traf, auch als Amor-Pfeile jemals Verwendung gefunden Hütten! Amor und der Dubnoer Maggid! Und doch ist e« so. denn Amor ist nicht nur ein mächtiger Gott im hohen Olymp, sondern auch im luft» und lichtlosen Ghetto! — Mil dem Namen „Dubnoer Maggid" schwebt vor meiner Seele bn« Bild eine« unbeholfenen, blaffen Jüngling« von sechzch» bi« siebzehn Jahren, der Tag und Nacht unter Anleitung eine« höchst zart und schmächtig gebauten, aber un' gemein scharfsinnigen und frommen Lehrer«, der e« keine vierzig Jahre auf dieser materiellen Erde audgehalten hat, unaufhörlich über den mächtigen Folianten de« Talniud brütete. Nur eine Abwechslung gab e«: Donnerstag Abend! Ta wurde anstatt de« Talmud die laufende Perikope gründlich durchgenomincn; gründlich, da« hcitzt. er wurden jedem Satze und jedem Worte so viel Schwierigkeiten aufgebürdet, als sie nur irgend ertragen konnten, und auch »och darüber hinaus. Tiefe Schwierigkeiten wurden dann dem niedergedrückten und zerknitterten Satze oder Verse selbstständig oder mit Hülfe von Eommentatoren wieder abgenommcn — und unter diesen Eommentatoren war der Liebling de» Lehrer« wie de« Schüler« — der Dubnoer Maggid. Tie Vorliebe oe« Lehrer» war uneigennützig; von dem Schüler' konnte man da« nicht so schlechthin behaupten. Ter Schüler hatte am Sabbath, wie üblich, einen Kosttisch bei einem der reichsten Männer der Gemeinde, wo er, ivenn der Leib seine Nahrung erhalten hatte, die Aufgabe hatte, durch einen kleinen Bortrag über rin religiöse« Theina für die Nahrung de« Geiste« zu sorge». Und an dem Tische funkelten zwei schwarze Mädchenaugen so feurig und lieblich, übermüthig und stolz, und nur wenn der blasse Schüler etwa« recht Geistreiche« und Packende« vortrug. da traf auch ihn rin freundlicher und bescheidenerer Strahl dieser Augen. Und da« geschah fast jedesmal, wenn er etwa« von» Dubnoer Maggid vortrug. Ist e« da zu verwundern, datz der Dubnoer Maggid sein Lieblings-Eommentator wurde? Gcwitz nicht! Und ach, welch komische« Malheur hatte der blaffe Jüngling einst mit seinem Dubnoer Maggid! Der Inhaberin der zwei feurigen schwarze» Augen auch nur leisest anzudeuten, wie beseeligend ihm ein freundlicher Strahl von denselben war — — da« hältder unbeholfene Schüler um Alle« in der Welt nickt gewagt. Auch >var ihm da« zu gcistlo«; da» konnte Jnwr sagen: Fräulein, ich bin Ihnen von Herze» gut! Da« mutzte in einer viel geistreicheren Form geschehen, und natürlich bei paffender Gelegenheit. Die kam auch bald. Ein Sohn de« Hause« hatte gcheirathet und speiste den ersten Sabbath bei seinem Papa mit seiner inngen Frau an einem Tisch« mit unserem liebt, gequälten Talmud-Jünger. Dieser hatte, wie üblich, sein» Tiichvortrag zu halten, und heute natürlich mit Anspielunge, und Beziehungen aus da» junge Ehepaar. Dieser Bortraz so hatte er e« beschlossen, sollte sei» voatillou d’amour sei». - Er hatte sich ein höchst passende« Stück au» seinem Dubnoer Maggid herausgesucht. Anknüpfen wollte er an die biblische Erzählung von der Liebe de« Erzvater» Jacob zu der schöne» Rahcl: »Und Jacot dientc um Rahel sieben Jahre, doch die waren in seinen Augen wie wenige Tage, indcin er sic liebte". Gegen diesen Ber« lieft sich ein höchst wuchtiger Hieb führen: wa«? — so lieft sich frage» — weit er sie liebte, darum erschienen ihm siebe» Jahre wie wenige Tage? Gehört denn zur Liebe nicht dir Sehnsucht, den y liebten Gegenstand zu besitzen? Je grötzer die Liebe, boto länger mutzten ihm also die sieben Jahre werde». — Ja. antwortet der Dubnoer Maggid, e« kommt darauf an. me die Liebe beschaffen ist. ivrlche Eigenschaft der Geliebte, Hauptgegenstand der Liebe ist. Sind die irdischen Eige». schäften Hauplgegcnstand der Liede, al«: Schönheit. Mitgift u. dgl., dann natürlich werden die Tage der Trennung durch die Liebe nicht kürzer, sondern länger. Ander« ist e«, wem, die Tugend, die Vorzüge de« Geiste« und Herzen« die Fackel sind, an der sich die Liebe entzündet hat. Denn dann besitzt man den (Ngenstand seiner Liebe schon vor der eheliche, Berbindung. — Diese geistreiche Au«einandersetzung de» Dubnoer Maggid ivollte er heute zu Ehren de« junge, Paare« am Tische zum Besten geben, und dabei durch Ionfärbung, Mimik und einige geschickt angebrachte Wotte seiner Angebeteten sein Her; und seine Anschauungen über tw Liebe verralhen. — Der arme Schleimet! Al» er feinen Text vorgetragen hatte, da fiel sein Auge auf die junge Frau, und er fand, datz sie sehr hätzlich rvar. und datz sie recht dumm zu sein scheine, und zugleich fiel ihm ein. gebärt zu haben, der junge Mann habe eine reiche Mitgift bekommen. und die« sei der einzige Magnet gervese». der ib> die Ehe hatte eingehen lassen. Da« fiel ihm alle« ent tm, al« ti schon zu spät war. al« er sich eben anschickte, pi erklären. datz die wahre Liebe nicht bnrch äutzcre Umstände, svndern durch Geist und Gemüth der Geliebten entflainnn werde. Er stand wie auf glühende Sohlen, so schaukclte er sich hin und her. von ei»en Futz aus den andern: zwanzig Mal setzte er an: „Der Dubnoer Maggid antwortet darauf . . . anttvortet darauf . . ." Weiter zu gel»en konnte er nch nicht entschlietzen. Datz rin Mensch vor Verlegenheit i» Ohnmacht fallen kann, davon wutztc er noch nicht«, da« erfuhr er erst viel später — e« blieb nicht« übrig, als zu erklären: „Meine Herren! Ich l»abe die Antwon de« Dubnocr« Maggid vergesse»!" Schallende« (Gelächter folgte dieser Erklärung: die zw.'i feurige» Augen lachten Thränen. — ihm aber stürzten Thränen de« Schmerze« au« den Auge», denn nun war e« aus mit seiner Liebe, da er sich vor seiner Angebeteten so unsterblich lächerlich gen,acht hatte. Da» war die gerechte Strafe dafür, weil er de» Dubnoer Maggid zu einem so u»l)eiligen Zivecke. wie die Liebe, hatte profainren wollen. — Amor und der Dubnoer Maggid! Jüdische Silhouette« au» Galizien Bon Aalban Samueln. mi-rMiJ VIII. 0«»rirf der <L«,»er. ' (J»rl»e,unft) Ei» anderes Mal kam die Rede aut die Erfindungsgabe der Engländer und so unter anderm aus das .Tischrncke»' — ein Humbug, der eine Zeitlang alle Kreise der Gescllichatt in Athem hielt . . . „Von dieser grotze» Erfindungwutzte bald Gabuel zu erzählen, „kann ich Euch etwa« Selbstgesehene« theile». Im Jahre 832 war e« — dessen erinnere ick mutz al« ob e« erst gestern gewesen wäre — da sah i*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.