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Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 21 (1884) · p. Seite 82

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
21 (1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
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— 82 — »Ach. nn» . . . daist ja ohne Leben . . . Wie ist r» denn, nach allem, wa« ich «elitten, ander« möglich?" »Wozu also sammeln sie, Malkele?" »Für meine Aussteuer!" »Für Ihre Au-steucr — denke» sie denn schon an'« Wiederhcirathrn'?" »Ja — an die Wiede rverbinduug mit meinem seligen Manne. Da brauche ich eine Aussteuer: Tovtenktrider, ein Grad, einen Kadischsager. dafür muh ich Geld vorbemtrn. Wer sonst wird alle« da» nach meinem Tode für mich bestreiten'?" Der alten Nachbarin lies ein Schauer durch die Glieder, al» sie die Worte vernahm. Malkelc selber aber blieb kalt und verschlossen, kein Seufzer hob ihre Brust, keine Thräne netzte ihre Augen, sic ließ weiter die Nadel emsig über die Letmvand fliegen und gönnte sich nicht einmal Zeit auszublicken. Allein Ahnungen wie Hoffnungen trügen oft. li» mor kein tobte« Wesen, sondern rin frische«, blühende« und kräftige« ihr beschieden. Wohl schwebte sie einige Stunden zwischen Tod und Leben, doch siegt da« letztere und kaum, dag eine halbe Nacht vorüber war. erscholl neben ihr jener schrille Ton, von dein man nie weiß, ob er ein Jammer- oder Freudcnruf sei. worauf ihr die Hebeammc ein kräftige«, blühende« Kind, rin Mädchen, zeigte — Blut von ihrem Blute und Fleisch von ihrem Fleische. Da geschah eS der armen Malkelc gar wunderbar! Wie ein Strom paradiesische» Leben« durchrieselte r« auf einmal alle ihre Glieder. Ihr wurde so weich um'« Herz, wie noch nie, und siehe, ihre Augen bisher leer und trocken wie die Wüste, singen aus einmal a» sich zu feuchten und schwammen in Thräne». Bon Minute zu Minute quollen sie immer reicher, voller und ausgiebiger, al« wäre plötzlich ein Eisblock in ihrem Innern geschmolzen. Nur wie durch einen Nebelflor vermochte sie auf da« Wesen zu blicken, Ha« neben ihr athmctc, so sehr badeten ihre Augen in Thränen. Sie hatte da« Gefühl, al» ob man ihr Ketten angelegt hätte, weiche, süße Nosenkettcn, die sie an'« Leben banden und die sie fortan inimer trage» und nie mehr ablegen mochte. Sie. die bi« jetzt den Tod so sehr ersehnte, hätte jetzt tausend Lebe» tu Anspruch genommen für — ihr Kind, für ihr holdes, süße« Vögele. Wie e« sich regt und mtt den kleinen geöffneten Mündchen nach allen Seiten herumsucht — und wie es jetzt die Aeuglei» aufschlägt! Ach, wa» sind da« für zwei Diamanten, solche hat ja »och ine eine Mutter bei ihre,» Kinde gesehen! Lichtvoll wird e« Einem in allen Winkeln de« Herzen», wenn diese beiden Aeuglein, wie zwei Sonnen aufgehen — und ich werde sie immer sehen diese richtigen Aeuglein. Guter Gott, ich kann ja mein Glück gar nicht fassen! Sie, die stille, immer in sich gekehrte Malkelc, tonnte jetzt stundenlang zu sich selber reden, in tausend Rosenworte übersprudeln und sich wie eine Närrin geberden, bald da« Engel-köpfchen an ihre Brust legen, bald e« über sich empor« beben, bald dazu lache», bald iveinen, bald schmunzeln uno vald plappern. — Kaum daß sie da« Wochenbett verließ, griff sie wieder tut Arbeit und so flink und luftig flog und tanzte »och nie die Nadel in ihrer Hand. Mit dem Kinde kam gute« Glück in« Hau«. Bon allen Seiten drängte man sich an sie mit Arbeit heran. Sie wurde die gesuchteste Nähterin, so daß sie die große anaehäufte Arbeit nicht allein bewältigen konnte und sich einige Gehilfinnen annehmen mußte. Während Malkelc lustig mit Nadel und Scheere hantirte, Stand immer neben ihr da« Wiegelchen mit den« kleine» Vögele, >a« zusehends unter ihren Augen wie ei» thaufrifche« Knö«pchrn gedieh, — plapperte, ruderte mit den rosige» Aermchen, oder um sich stieß mit den kleinen immer voller sich rundenden Beinchen. Täglich und stündlich hatte die Mutter neue Weisheit von ihrem Kinde zu erzählen: bald hatte e« ganz allein da« Köpfchen emporgereckt und mit den blaue, Aeuglein sogar klug und seelenvoll um sich hergeschann Vald hatte e« mit den Händchen sich an die Wiege gestemu, und sich selber aufzurichtcn gesucht. Jetzt wieder hatte ti so hell und lustig gelacht, daß e« in allen Winkeln de« Zimmer« nachklang. Ja, betheuerte sic. der Himmel unt alle Engel lachen in diesem Kinde. — Einmal gar lief t* frcudentrunkene Mutter von Nachtmrin zu Nachbarin un) ließ von ihnen nicht ab bi« sic zu ihr hinrinkamen, um um eigenen Lehren anzuhören, wie da« kleine Vögele lallte unt plapperte und wie deutlich ihm die lieblichen Laute au« de, kleinen Rosrnmündchen kamen: Ma—ma, Ma—ma!" An demselben Tage, an ivclchei» da« Kind jene liebliche, Laute hervorgestammelt, rannte Malkele mit dem Sparkasse,, buche! in der Hand, so eilig über die Gasse, dag sie die alte Nachbarin nicht bemerkte, die ihr in den Weg trat. »Malkele!" rief ihr die alte Nachbarin zu. »Wozu den, noch immer da« Sparkaffenbüchel?" »Wegen der Aussteuer" erwiderte Malkele. .Aussteuer!" wiederholte die Alte erschrocken »Wo,, denn noch diese Aussteuer? Hat Ihnen nicht der liebe Gott daS Leben und noch dazu, ein süßes, holde» Engelche» geschenkt'?" »Darum eben AuSilcuer!' cnvidertc Malkelc »nd alle Freuden einer Mutterscele blitzten in ihren Augen auf ..da« Kind fängt mir an verständig zu iverden, rief schon heute mehrmals: Mama! Mania! — Mit der Zeit wird c» mir ein große«, heirathsfähigr« Töchierchen werden, wird eine, Bräutigam. Sammet- und Seidenkleider und eine schöne Mitgift haben müssen — Mama muß dafür l«ei Zeile» sorge», sparen, sammeln — ja, ja, liebe Nachbarin, diese« Sparkassenbüchel soll einst — o. daß mich Gott da« erlebe» lasse — meiner Vögele Hochzeit» - Aussteuer werden!" Minister Jndah Benjami». Jüngst verschied der vor kurzem au» Gesundheitsrücksichten von London nach Pari» übergesiedelte Rechtsanwalt undehcinalige amerikanische staatsminister Judah Benjamin, und di dessen Earrirre eine höchst merkwürdige ivar, so büiftr eine kurze Beschreibung derselben für die Leser diese« Blatte« von Interesse sein. Im Jahre 1811 >»änderte Judah'» Vater, ein unansehnliche«. kleine« Männchen, mit seiner Frau von hier nach Amerika au« und ließ sich in Eharlstvn (S. E.) nieder, wo er in der Market-Straße einen kleinen Obstladen eröffne«. Daselbst wurde Judah geboren und da war e« auch, 100 er seine ersten Jugendjahre theil« als Gehilfe in seine» Vater« Laden, theil« in der jüd. Schule de« Orte« verlebte. Später besuchte er da» Eharlston-Eollege. wo er sich dem Rcchtlstudium mit solchem Erfolge widmete, daß sein angeborene« Talent für diese« Fach bald eine allgemeine Anerkennung fand. Seine freie Zeit füllte er mtt der Absaffung eine« juridischen Werke« au«, da« drei Auflagen erlebte, und noch jetzt von Fachmänner» in wichtigen Rechtssällen mit große» Nutzen zu Rathe gezogen wird. Sein Ruf al» hochbegabter Rechtsanwalt wurde nicht lange nachher im ganzen Lande bekannt, und nachdem er i» den Senat gewählt worden war. ernannte ihn Jefferfon Davis, der Präsident der Südstaatcn Amerika'«, zum Justiz minister und beim Au-bruche de« Kriege« mit den Nordstaaten, zum zeitionligen Krieg«' minister, in welcher Eigenschaft er etwa 16 Stunden täglich im Staat«b»rcau arbeitete. In Folge de» unglückliche« Au»gange» de» fraglichen Kriege» mußte er sich nach England flüchten, woselbst er, nach erlittenem Schtffbruch und nach langer Irrfahrt zur See im Jahre 1866 endlich lande» Der noch kurz vorher so sehr gefeierte Advoeat und El' Minister befand sich nun plötzlich auf fremden Boden oh« Freund, ohne Vermögen und ohne Aussicht auf eine »och!« J

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