Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 21 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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i» Kt. Jüdisches 1884. ffcWÜun ‘§lnff ~ -4^ |(iilrtoi<$riia§r -kr JarirlitifdjfB Wßlhkvslhrist". Inhalt: Jüdische Silhouetten au« «otstien. Bo» Aaidan Samuel»• Die Aussteuer. — Minister Judah Benjamin. — Da» Unheil eine» jüdischen »naben über Justu». — Allerlei für den Aamlllentisch: Ruhland. — Dschernilschka. — A,i» Amerika. — Postamt aus dem Sinai. — Quadrat. — Altihset. — Hebrüische« Mthsel. — Auflösungen. — Inserate. Jüdische Silhouette« aus «alizien. Bon «alhan Samuel». ,«-<»»»« ,»i«A»».l VII. Z>ie Sic »vor kaum fünfundzwanzig Jahre all, als ich sie sechs Monate nach ihrer Hochzeit, eine Wittwe, in der lcz>arkasse sah. wo sie sich ei» Sparkassenbüchel lüste. Ihr faltenreiche« Gesicht jedoch, ihre trüben. l-alb erblindeten klugen. ihre gebrottiene Gestalt und ihre grauen Haare, die »mcr ihrer Haube hrrvorquoUrn, liebe» beinahe auf das doppellr Lebensalter schlieben. Die Absicht in welche sie damals jenes Sparkassenbüchel zu nehmen angab, niachtr die Keule den Kops schütteln. .Sie wolle sich eine Aussteuer für die nochmalige Verbindung mit ihrem verstorbenen Gatten famuidn" sagte sie in ihrer stille», traurige» EÜcise. Sollte da« furchtbare Unglück ihren tVcist umnachkct daloi? Da« wäre kanin zu mruuntH'rn gelveseu. denn ihr viantt halte ihr Alles ersetzt — Baker, Müller, Geschwister, Freunde und Benvandle Ach. die nur zu kurze Spanne , Ze». die sic mit ihm zusammengelebt, war ja die einzige; kleine Lase in bet Wusle ihres Uclwn« geivesen. Kau»; , dreizehn Jahre all verlor sie Balcr und Mutter. Benvaudle Hane sie keine, die sich ihrer liebevoll angrnvmmcn halten, mid sv wnrde sie ein .zarlc» Mtitb noch, ins rohe Lrl>en gc>! slos>c» und mublr sich durch die schwere Arl>elt ihrer Hände j al» Nähten» erhalle». Wer kennt nicht das Lvo« diese« j «odcrne» Lklaventhum«? Wie oft inuble sie Hunger leiden und in bitterer Nolh ihr trockene« Brot mit den Thränen de« Berlassenseins netze». Sie ubcnvand jedoch Alle« und > erblühte trotzdem in holder Jugendkrast. Es giebt Blumen, die zu ihrer Entwickelung de« besten Boden« und der sorgsamsten Pflege l>edürfc», wieder andere fassen Wurzel selbst aus kahle» Felsen und entsalten in raul»er Umgebung ihre > schönsten Reize. Malkele gehörte zu der le-tztrrrn Art. Ein | Achtender Wehmuthszug hatte sich allcrding» seit dem Tode! ihrer Eltern ihrem Gesichte eingeprägt, allein dieser verlieh > ch> nur um sv grüber» Zauber. Ein braver Mann war I »on dirsci» Zauber gebannt worden. Er hatte sie in ihrer drrsländlgrn Ihätigkiit, Sittenrcinhcit und Anmuth kennen ßelernt und sich jahnlang an ihrem Umgang erquickt. Endlich gelang es ihm als Baumeister eine bescheidene Lebensstellung zu erringe», da hielt er um ihre Hand an und sühne s» als Gattin l»eiin. L>. »vas >var das für ei» stille«, glückliche« ltheleben! — Da« kleine Siübchen, d>i« sic bnvohnten. sah medlich wie ein Schmuckkästche» au», weihevoll, wie r.ii kleiner Tempel und in jede,» Winkel lachten die Genien de« Eheglücke«. Die blütheniveiben Gardinen über den kleinen Fenstern, der runde Tisch mi» den schneeigen Linnen bedeck,. die beiden kleinen Schränke mit den Spiegelscheilvn. l bo» zierliche Blumentischchen und die anderen bescheidenen! llmrichiungsstücke »ahmen sich im kleinen Gcmachc sv tränt! »us. dag e« Einem l>eim Eintritte warm um'« Herz wurde. — I llling er de« Morgen» an sein Tagewerk, so blickte Malkele! bu>ch s Fensterchen ihn, so lange »ach, di« er um die Ecke I «bogen hatte, und Mittag«, wen» er heimkehrtc, lvar e« > »»der Malkele. die bei der Älasthür seiner harrend, ihm! "lgegen kam. Hand in Hand begaben sie sich zum niedlich I gedeckten Tischchen hi», atze» au» einem Teller, tranken au« einem Glase und konnten daun stundenlang mit hängenden in einander verschmolzenen Lippen neben einandcr sitzen, ohne durch rin einzige« Wort ihre besecligende Gefühle zu stören. Wozu war e« auch nöthig? Ihre Augen sprachen nichr al« die beredtste» Zungen, und verriethen einander alle ihre Gefühle. Der leuchtende Blick Malkele'«, der wie ein klarer Spiegel Alle« wiederslrahltc, iva« ihr das Herz bewegte, war e« auch, der ihm ei »cs Tage» etwa« vcrrieth. wa« ihr Mund ibm züchtig verschwieg — ein zartes, füge« Gcheimniß, nvelches ihm baldige Batcrfreudcn verheisjen hatte. Wa« waren da« für paradiesische Tage, die sie verlebten! Welch' herrliche Pläne entwarfen sie für die Zukunft, die ivie in Sonnengvld getaucht vor ihnen zu liegen schien! Allein da« tückische, lauernde Geschick brach urplötzlich au« seinem Hinterliall hervor und verwandelte diese« stille Paradies in einen Trümiiurlpiufen! An einrin jener Tage geschah e«. das; ihr Gatte gegen alle Gewohnheit über die gewöhnliche Zeit der Heimkehr au«» blieb. Antang« vertröstete sie sich »nt alleihand Möglichkeiten. dann fühlte sie sich beunruhigt. wie jedoch Stunde um Stunde verrann, ohne dass er ankam — wurde e« ihr immer banger und hämmerte ihr da» Herz immer heftiger — bi» e« sie nicht mkhr zu Hause litt und auf Die Gasse tricl>,_ ihren Mann aufzusuchrn. Doch kaum hatte sie einige Schritte grtha». al« man ihn schon auf einer Tragbahre hcrbcitrug — einen blutenden. verröchelnden Sterbenden. Ein schrverer, vielzentriger Balken, der vom Gebäude, bei deiil er beschäftigt tvar, herunterstiirzte, hatte ihn zerschlagen. — I» dieser einzige» Nacht wurde sie Greisin mit grauen Haaren, gebücktem Haupte und gebrochener Gestalt. . Anfangs verwandelte das entsetzliche Unglück, die sonst so stille, geduldige Frau in eine Rasende, dar» verfiel sie in ein dumpfe« Hinbrüten und starrte Tagelang nnthätig vor sich hin. Endlich schienen ihre Lebensgeister plötzlich zu erwachen, sie griff wieder zur Nadel und begann mit einem Eifer und einer Ausdauer zu arbeiten, wie nie zuvor. Dabei gönnte sie sich weder Ruhe und Erholung, noch irgend welchen Genus;. Ihre Nahrung bestand au« trockenem Brot. Fast Alle«, wa» sie cinnahi», trug sie in die Sparkasse, um e» in jenem Sparkassenbüchcl anzulege». .Malkele ist ein wahnsinniger Geizhals" zischelte» die Nachbaren. »Wer hätte da« gedacht'? — Ei» Glück für den armen Mann, daß er nicht lrl't, sie hat ihm gewiß den Bissen im Mnnde nicht gegönnt. Für ivcn sammelt sic denn eigentlich'?" «Ich weiß e«." meinte die Eine mit spöttisch verzogenen Lippen, geheimnißvoll .Sie denkt daran, wieder zu heirathen". .tstanz gewiß," stiinntte der ganze Ehor der bösen Schnatterer bei. „Aber Malkele" sagte ihr einst eine alte, gutmüthige Nachlmrin, die an ihrem Schicksal Theil »ahm „warum gönnen Sie sich den» nicht»'? Sie schrumpfen täglich immer mehr zusammen. Wohin soll da» führen? " „Ich sammele —" envidertc Malkele, trocken und mechanisch, ohne von ihrer Arbeit aufznblickcn. .Für wen'? Bielleicht für'« . . . Kind'?"