Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 20 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 3)
- Language
- German
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n ein ganze« Leben ftubimt. Da« verstand nur »unser «widsohn!" Jankele Grünspan hörte zwar immer andächtig die zsiheiische Vorlesung Berele'« an. doch schien e« eine lange it d,ife er sich dessen Lehre gar nicht zu Herzen nahm. Einmal nun geschah e«, daß Jankele de» Tod ganz dem Geschmacke Berele Bah spielte, so dafe selbst dieser, itruien mufeie, daß eine grobe Jtünftlerfeele in Grünspan fr und dafe selbst »unser Dawidsohn" die Lache ch, besser hätte darstellen können. fluf der Hochzeit eine« seiner verwandten war e«. rünspann sprach etwa» mchr al« gewöhnlich dem Weine sei e» in der Absicht, sich für seine Rolle in'« gehörige ier zu bringen. oder weil er sich mehr wie sonst die ine der heiligen Schrift zu Herren nahm: »Gebt Be» uschcnde« dem Unglücklichen!" Gegen Mitternacht verschwand er wie gewöhnlich im Nebengemache, um sich für fei« Rolle zu kostümiren. Nicht lange daraus, wurde er ■it seinem schwarzen, weitfaltigen Mantel sichtbar. Er trat Nher. jedoch nicht wie immer mit festem, sicherem Schritte, snidern wankend und die Beine nachschleppend. .Ein recht guter Anlauf die«mal." bemerkte Berele mit l>ii>'iv,nilä»diger Miene. Der Marschalek wankt noch mehr. »Sehr gut," lächelte Berele beifällig, »darin ist schon iwa» mchr Kunst!" .Soviel wie der Marschalet heute getrunken." meinte n» neben ihm Sitzender spöttisch, »veimag schon Einem Kunst ■ die Beine zu treiben". Der Gang de» Lustigmacher» wurde noch unsicherer. »Bravo! bravo!" schrie Berele mit sichtlicher Zufiiebenbeit. Grünspan taumelte auf ein Fauteuil zu und lieb sich » dalselbe sinken. .Nie hätte ich ihm soviel Kunst zugemuthet" applaudirte Verele Bab- Der Lustigmacher wurde immer künstlerischer und fuhr Haina mit der Hand über'» Gesicht, da» auf einmal in fahler Vlässe erschien, während etwa» wie Schweib auf dasselbe hewattrat. »Ausgezeichnet!" platzte Berele Bab hervor, »da» heibe >h spiel, fast wie unser Dawidsohn!" Grünspan fühlte sich animirt und brüllte wie mit verfeiler Stimme: »Ein Schluck Wasier!!! Ein Schluck ifier!!!" Die Begeisterung wurde allgemein und alle» brach in ßämiichen Applau» au«. Zankele setzte unterdesien sein Spiel fort, krümmte und Werte sich wie ein Knäuel, stieb unartieulirte Laute au», Wüte die Fäuste und packte sich an der Brust. Berele Bab schwelgte im höchsten Kunstgenub und Mitte: .Brav, brav! Vortrefflich I" Der Marschalet zeigte zum allgemeinen Entzücken zwei verdrehte, haldverglaste Augen. Der Beifall wuchs ununterbrochen. Grünspan leistete h«« von pltu ultr» der Kunst, indem er mit einem lauten ^sichrei zu Boden stürzte, indeb der schwarze Mantel von Ritten Schultern fiel und er nach einem kurzen Zucken und Appeln mit allen Gliedern in seinem weigen Leinenkittel legen blieb. .Unser Dawidsohn zum verwechseln!" rief Berel Bab ^geistert und fing an. seine Baßgeige zu bearbeiten, tvährend * andern Musikanten mit ihren Bla«- und Strrichinstru- ■nur,, rauschend einfielen. Immer lauter wurde die Freude. Der wilde Reigen Tobten herum, ganz wie e» die Moral Metzle sich um den «lücke« wollte. Nun liefe sich auch der langgedehnte Posaunenschall vernehmen und stille wurde e», feiet» Au« dem zweiten Zimmer, dessen Thür sich weit geöffnet. trat seht eine Gestalt. — Elia« im weifeen Prophetenmantel mit seinem langen Flach«barte. Prophet Elia« beugte sich über den Tobten und hauchte ihm dreimal in den Mund — dieser fuhr die«mal nicht wie immer empor, sondern lag stille und regungslos. »Alle» geht heute nach den Regeln der Kunst." flüsterte Berele freudestrahlend seinen Nachbarn zu. »Eine Wiederbelebung kann doch nur langsam vor sich gehen." Prophet Elia« blie« au« vollen Backen bereit» da» achte und zchnte Mal, doch al» e» vergeblich blieb, fing er mit fast feierlichem Ernste zu rufen an : »Jankew, Jankew erwache, der jüngste Tag ist da!" Jankew jedoch wollte auch diesem Rufe nicht pariren, sondern lag mit zusammengeklemmten Zähnen und verglasten Augen hingestreckt. Prophet Elia» versuchte verzweifeltere Mittel und rüttelte ihn heftig, während er fortwährend schrie: »Jankew. Jankew erwache, der jüngste Tag ist, da!" Grünspan jedoch regte sich nicht, sondern liefe sich wie eine Wachsfigur nach allen Seiten hin drehen und tvenden. »Er spielt doch heute verdammt ernst." meinte r,ner der Umstehenden mit ängstlicher Miene, patzt nicht für eine Hochzeit". »Wa« verstehen Sie davon'?" gab Berele Bafe zurück. »Sie haben keinen Begriff von der Kunst, »unser Dawidsohn" an seiner Stelle würde ganz so gespielt haben!" m Pardon, lieber Berele. du bist im Jrrthum! Ganz so würde »unser Dawidsohn" denn doch nicht gespielt haben, indem er sich wahrscheinlich zuletzt erhoben, eine anmuthige Verbeugung gemacht und da» p. t. Publikum zu einet zweiten Vorstellung eingeladen hätte, während der arme Lustigmacher an all' da» nicht einmal denken konnte, weil er — ja wirklich gestorben ist. Eine halbe Stunde später wurde der arme Lustigmacher unter dem Jammer seiner Frau und der verwaisten fünf unmündigen Kinder, al» echte, wahrhafte Leiche hinau«ge»ragen. Doch wa» hat da» zu sagen? Er war ja nur ein trauriger Lustigmacher, der einem andern den Platz geräumt. Genug, die Moral seine» Stücke» fand ihre Bewährung. Der Reigen bewegte sich weiter. Die Hochzeiten nahmen deshalb nicht ab. während er bereit» mehr al« zwölf Jahre den langen Schlaf de» Tode» in einem bescheidene» Winkelche» der Erde schläft, die Sonne geht auf und nieder. Schnee und Blumen bedecken abwechselnd die Gräber, e» tvechseln ewig Lust und Jammer, der wilde Reigen bewegt sich fort und da» Leben geht brausend über de» Tod hinweg. —_ Jüdische und christliche Toleranz. Bekanntlich rühmt sich da» Ehristenthum de« besondem Vorzug». Toleranz zu lehren und zu üben, im Gegensatz« zum Iudenthum, dem man Intoleranz und Anmatzung vorwirst. Man versteht nämlich allgemein unter Toleranz die Duldsamkeit gegen abweichende religiöse Ansichten, die Au«» schliefe»»« fanatischer Verfolgung ander» denkender und glaubender Menschen, die Behandlung aller Menschen mit gleicher Liebe und gleichem Recht. Ru» befrage man die Lehre und Geschichte beider Religionen in der Vorzeit und Gegenwart, um zu entscheiden, wo mehr Toleranz geübt worden und wird, bei Juden oder Ehristen. Eine Beleuchtung diese» Thema'» erhielt ich jüngst bei der EntlassnngSprüfung von Seminaristen. Der bekannte Satz in der Apostelgeschichte kam zur Besprechung: »Wer in allerlei Volk Gott fürchtet und recht thut, der ist ihm angenehm." Die Situation ist dort folgende: Petru« bringt da« Ehristenthum. anfänglich ja nur ein modificirte« Iudenthum. den Heiden unter Aufhebung der Speisegesetze. Die noch judaisirenden Christen oder christlichen