Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 19 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
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— 74 — Alter sühnen müssen. ihre guten Naturgaben werden verlannl, achtungslos verworfen, die Armen, sie werden auf fremde Bahnen gedrängt und wenn sie dann in den Weilen des Lebens hilflos ju ertrinken drohen. um» bleibt ihnen dann anders übrig, als jedwedes Ding zu ergreifen, un, sich au« der zusannnenschlagenden Fluih zu retten? — So werden bei u»» leider allzuoft and* Maler Flickschneider, aus Rechenmeister Shnagogendirncr und aus traurigen Menschen — Lustigmacher. Jankele war aber auch ein ganz cigenthümlicher Lustig» macher. Wohl gab er sich Mühe, wie alle andern Leute seines Berufes, das Käppchen >pitz aufzusrycn. mit den Fingern zu schnalzen und sich mit dem vorgestrecktcn Füßchen nach dem Takte zu bewegen, aber »>er so sein schläfrige«, mechanisches Stimmchrn hörte, mit welchern er während dessen sein Liedchen trällerte, konnte keinen Augenblick in Zweifel sein, daß Jankele durchaus nicht zum Lultigmachen geboren war. Uebrigen« pflegte er auch seine eigne, und zwar höchst sonderbare Art zu haben, mit welcher er seine Gäste erheiterte. Wohl an die hundert Male sah ich ihn auf Hochzeiten, dock) nie in einer andern Rolle, als entweder in der eines Gespenstes oder eines Tobten. Gelacht und gepoltert wurde allerdings sehr viel dabei, aber daS machte nur die ureigne, ihm selbst unbewußte Komik, mit welcher er jene Rollen ihn Szene setzte: Als Gespenst tauchte Jankele mitten in einem Meer von Lichtern auf, angethan mit einer blutrothen Jacke, mit einem ellenhohen papicrnen Cylinder auf dem Kopfe und einer großen Pfeife im Munde, aus der er wild« Rauchwolken vor sich hinjagtc, während er von Zeit zu Zeit ein gar wüste« Brüllen vernehmen ließ. — Al« Todter wieder erschien Jankele in einem schwarzen, weitfaltigen Mantel, unter welchem er gleichsam atS Leiche präparirt war, indem er unter demselben in einem langen, nachschleppenden Leinenkittcl steckte. — Eigentlich lag cS im Plane des Stücke«, daß der JanksleS blitzichnell eintrete und so die Anwesenden überrasche. Jankele jedoch verzichtete auf den tragischen Effect, nicht so sehr au« Schonung für da« p. t. Publikum, al« lediglich dadurch, weil er vorher seinen „letzte» Willen" kund »u geben hatte. Dieser wurde von ihm mit »äsrlndein Singsang in einem in Knittelversen abgefahren Prolog vorgetragen. Er brachte nämlich hierin zur allgeineinen Kenntniß, daß er bald sterben werde, doch sein ausdrückliche« Berlangen, daß sich Niemand dadurch irritirc, Niemand in Brrzweiflung gerathe, sondern daß der Tanz weiter fortgesetzt werde, weil e« denn so, fügte er belehrend hinzu, gang und gäbe ist, daß trotz dem Ableben de« Einen oder de« Andern, der große Reigen sich weiter sortbewegc. War einmal dieser letzte Wille zu Ende gesungen, dann schritt Jankcle muthig zur Katastrophe. Mit den Worten der heiligen Schrift ^giebt Berauschendes dem Unglücklichen!" eraiff er eine Flasche Wein, führte mit dieser einen Hopstanz auf. setzte sie dann an den Mund und ließ sie wir unversehens seinen Händen entgleiten, so daß sie geräuschvoll in tausend Trümmer zersplitterte. Jetzt fehlte Jankele nur noch ein wenig zum Sterben und das ging hurtig vor sich. Mit beiden Händen, die mit weißem Puder versehen waren, fuhr Jankele über sein Gesicht, da» dadurch in fahler Bläffe erschien, ließ mit einem Ruck den Mantel von leinen Schultern fallen und schon lag er in dem großm, weißen Leinenkittel regungslos zur Thüre hingestteckt. So war Jankele ein todter Mann. (Schluß folgt.) Wie ich Philosemit geworden bi«. Erinnerung an alte Zeiten von Morlz Jokai. Soll ich'» leugnen? Auch ich war als Kind Antisemit; so wie e» jeder unentwickelte Mensch ist. Die Mägde hatten mir den Kopf voll gemacht damit, daß die Juden an ihrem Osterfest da» Blut christlicher Kinder benützen und zwischen unserem Hause und der Schule lag die Brauyay'sch« Kurie, in der Juden wohnen dursten. Auch der Schächter Imu* dort. Jeden Tag sah ich. wie die Gänse mit den durchschnitirnc, Hälsen zum Thor hinan« gehängt wurden und meine Phantast ergänzte da» klebrige. Wa« für schreckliche Dinge mußta, dort vor sich gehen! Ich hätte e« auch nicht getvagt. vor den WciuöUitlmrrt vorbeizugehrn, wo die düsteren Männer mit de» langen Barten. mit den in den Kaftanärmcln steckenden Händen uil mit den in Pantoffeln steckenden Füßen saßen; stet» mußte mal eine Magd bi« zum Schulhofe l»cglciten oder die Tante Eicha mußte sich in» Hausthor stellen, um mir von dort nachzubiickai. Schaute ich mich aber vor de« Schächters Thür »m und jad ich, daß man mir von unserem Hause nicht nachdlicke, >, lief ich sicherlich noch von der Hälfte des Wege« »achhauie zurück. Was ich dann in der Schule aus einem dicken Buche. daS Hübner hieß, lernte >var auch ich nicht geeignet, Borlicst für die Juden in mir zu wecken. Warum läßt man auch dir Juden frei t)erumgrhen, die meinen Heiland geknu,>zi haben? Wer aber meine Ansichten am vollkoinmensten theiltc. das war unser Hund Eziezke. Hu. wir der hervoniurztr. wenn hie und da solch' eine bärtige Gestalt in Plunderhosai in unseren Hof kam. Ta war ich auch selber rin Heid. Wie hetzte ich dann Cziczke: .Allo, putz, faß an!" und wie lachte ich, wenn ich die Pantoffel de« hinauSrennrnden Cta-n schlürfen hörte. AlS ich dann größer wurde, schickte man mich nach Preßburg, um Deutsch zu lernen. Tort erfuhr ich. das cS am Ende der Stadt eine verschwundene Stätte gebt', btt Schloßberg heiße und blo« von Juden bewohnt sei. Tat wäre die Brutnnd Lagerstätte aller Sünden gegen Hott und Mensclicn. und tvenn man von einem Studenten erführt, daß er auf dem Schloßberg gewesen, würde man ihn soson auö der Schule stoßen. In diesem Glauben erstarkt, kehrte ich wieder nach Römern zurück, wo e» damals »och ei» berühmtes Gymnasium gab mit drei Klaffen Philosophie und Poesie. Bi« dahi» hatte ich eine» jüdischen Studiosus weder im ichcrum noch im Ghmnasium getroffen. Wozu hätte ein Jude auch Lateinisch lernen sollen? Er durfte kein Amt bekleiden, er durfte iveder Advokat, »och Ingenieur werden. Wozu hätte ihm alsoIda« Latein genützt? Etwa um die Horaz'schc Aufforderung zu verstkl)en: „Nano «st bibendum, nano p«de libero palsksda tellus,? Darf der Jude denn froher Laune sei». Wein trinke» und tanze»? DaS wäre kurios! Blo« eine wissenschaftliche Laufbahn stand dm Juden offen, die ärztliche, oder wie mau sie damals nannte, die Dottorrn-Laufbah». Als ich nun dir „Poesie" besuchte, ereignete sich du» Wunderbare, daß sich ein jüdischer Studiosus in unsere Klasie einschrriben ließ. Er hieß Koritschoncr. Er war nicht jung mehr; schon über die Vierzig. A» dahin war er Magister der Kalligraphie gewesen; « nutcrrichtetc Schönschreiben. er kopirte Gratulation«-Schreiben mit einer Schrift, die wie gestochen aussah. Da« war freilich ein magere» Brod. Trotz seine» vorgeschrittenen Alter« aber hatte er den ehrgeizigen Plan, Arzt zu werden, gefaßt:;» diesem Behnfe mußte er vorher Humaniora absolvin». Grammatik und Syntax lernte er zuhause als Autodidakt, was ihm nur bei einem riesigen Flciße möglich ivar, den» er war nicht von besonder« rascher Auffassung. Un» 14—15jährigen Burschen machte dieser vierzigjährige Kamerad viel Spaß mit seiner kuriosen, ausgewachsene» Gestalt, mit seinem rassirten Gesicht, mit seiner mauschelnde» Aussprache und seiner unwillkürlichen Komik. Eine« Tage» war er von der Schule an-geblirben und al» ihn der ProstM deshalb zur Rede stellte, sagte der gute Koritschoner zu Rechtfertigung: .Ich konntt nicht kommen, weil mich meine Frau eben gestern mit einem Söhnchm beschenkt hat."