Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 19 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
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jXaii kann sich denkr». welche heitere Stimmung sich diese ungewohnte Entschuldigung der ganzen -lasse luchtiqte. Nur der Professor, der Alle» ernst nahm, lachte 2' rr wünschte seinen Schülern Glück z» dessen Nenge- .We» und entließ ihn für diesen Tag. damit er t>ei seiner Mra» >c>»'chen könne. M Auch der gute Koritschonrr nahm die Geschichte, wir Milk, im X.'rlH'ii. sehr ernst. Mit der Kalligraphie verträgt Mch cbrii kein «pah. M^ Einmal hatten wir. der alte Koritschoner und ich, vor Mr Schulstunde einen Disput. Dir Kontroverse bestand M«nn. ob in der ungarischen Metrik da» h ein Konsonant K oder nicht. Ich sagte Ja. er Nein. Schließlich warf ich j Mn: „Wa» weißt Du davon. Du bist ja nur ein Jud", Momiis er replicirtr: .Du alvr bist nur rin Kind."— > ^i„e schreckliche Beleidigung da», einem vierzehnjährigen Maiiiie zu sagen, daß er rin Kind sei! Heutzutage würde Man den Beleidiger hierfür zum Duell fordern. Damal» Machte man mit ihm kürzeren Prozeß. Ich war 14, er 41 Mähre alt. aber ich war ein Magyar und er blo« ein Jude; Mnind und Rechttitel genug, ihn am Kragen zu packe» und Minen Rücken mit der Faust zu bearbeiten. » AI» ich den Konsonanten > Eharakter des h auf diese Meise auf dem Rücken de» jüdischen Kameraden l>ewic«. trat M Professor ei». Er war ein strenger gerechter Mann, er Mrasre mich, trotzdem ich sein Schwager war. für diese» Mergkheu. und ich mußte bi» zum Abend in der Schule blci- Mn. wa» eine große Schande war. I Daheim »ahm mich meine Mutter vor. I Meine in Gott ruhende Mutter hatte ein gute», geseg- InkteS .Herz; dabei aber war sie eine soldatisch strenge Natur, leie fragte mich, wo ich geblieben wäre. Ich erzählte ihr. «ns» tiefste entrüstet, von dein Unrecht, da» mir widerfahren: «c ich mit Bestimmtheit wisse, daß der Buchstabe .1»" ein llonsoiiant sei. ich könne für meine Behauptung VöröSmarty zitircii: „Eserhalom", das sei ein Daktyl u»; wäre „h" kein lkoiisviiant, so wäre obige» Wort ein TribrachyS: und da bitte Einer geivagt. mir zu widersprechen und dafür hätte >h ihm etliche Püffe versetzt. der Lehrer e ber mich in der echule l>ehalten. „Ja. mußtest Du deshalb gleich Jemanden schlagen'?" fragte! ftc Mutter. \ .Es mar ja nur rin Jude!" .Was'?" rief meine Mutter au«. .Du sagst, e» wäre nur a» Jude gewesen'? Ist der Jude in Deine» Auge» nicht rtmfo rin Mensch, wie jeder Andere'? D» verachtest Irma»' den um seine» Glaulvnü willen'? Vergissest Tu, daß man .iinjerc" Glauben-grnvsse» vor fünfzig Jahren ebenso verolqt hat in dieser Stadt, wie Du jetzt den Juden verfolgst'? kuu »rollst Du Dich aus der Stelle fort und suchst mir den jüdischen Studenten auf. den Du geschlagen, und bittest ihn »« ^rzeihuug. Und schriftlich mußt Du mir e» von ihin druigcii. daß er Dir verziehen hat." Ich war entsetzt ob der drakonischen Strenge diese« Urtheil». .Wir. ich soll mich erniedrigen vor jenem Juden '?" »Du erniedrigst Dich vor Gott, der den Jude» wie Dich «ch sei»«?»» Ebenbilde geschaffen." .Und wie finde ich ihn jetzt in dieser großen Stadl'?" ,.Da» ist Deine Sache. Du weiß», in ivelchcr Gasse die 2udeu wohnen. Elche dort von Hau» zu Hau», bi» Du ihn badest: Thue auf Deinen Mund und halte Nachfrage; Komoni ß ja kein Unvald. Mir aber wirst Du ohne jene Schrift »icht vor die Augen kommen." Da» war da» Ultimatum. Ein böser Fall fürwahr. *#• Mittagessen hatte ich schon versäumt, nun sollte ich auch b*>» Abendbrod verlieren. Wa» tvar zu thun'? Ich mußte ® den sauren Apfel beißen und wollte eben den Koritschöner aufiuchen gehen. Da, al» ich da» HauSthor öffnen will, drückt Jemand iar selben Zeit dasselbe von außen herein; da» Thor geht »as und vor mir steht mein kleiner Koritschoner.; Die beiden Schultern schlaff gesenkt, da« Haupt traurig j zur Seite geneigt, fragt er mich, an derSchwelle stehend, mit milder, j zitternder Stimme: Iruoerii nihi? („Grollst Du mir’?") Und. demüthig den Hut vom Kopfe nehmend, fuhr er j fort: „Ich kam zu Dir. Dich um Verzeihung zu bitten." I Er. der Geprügelte, kam Dcnjenigrn um Verzeihung! bitten, der ihn insultirt! Und ihn hat Niemand dazu gezwungen. Mir strömten die Ihränen au« den Augen: ich fiel ihm um den Hat» und umarmte ihn. ..Nein, nicht Du bittest mich um Verzeihung, nicht Du; ich. ich bitte Dich, mir zu vergeben. Und jetzt mußt Du mit hinein zu meiner Matter und ihr sagen, daß, wir uns verj söhnt haben und hinfür uns gegenseitig achten ivollen." „Darum bi» ich ja just zu Euch gekommen." Hierauf ging er mit mir zur Mutter hinein und sprach: „Ich komme um Ihre Vergebung zu bitten, gnädige Frau, für die Beleidigung, die ich Ihnen zugcfügt. Ich bin der Schuldige, ich gestehe e» ein. Tenn worüber wir di»» putirt. darin hat er Recht gehabt, der Mori.z. Der Buch» stabe „ft" ist in der That ein Konsonant; nur aus poetischer Lizenz wird er zuweilen al» „spiritus lenis“ betrachtet. Der Herr Professor hat mir die» klar und deutlich erklärt. Darum verzeihe» Sic mir. daß ich dem Moriz Veranlassung gab. mich zu schlagen. Der Moriz hat Recht, auch eine tüchtige Faust hat er. Aber mit dieser Faust wird er auch einst den Juden vertl>eidigkn. ivenn der Jude Recht haben wird." In diesem Augenblick bin ich Philosemit geworden. Und der PhiloscmftiSmu» war mir niemals eine ideale Phrase: sie ging bei mir in Fleisch und Blut über. Wo immer ich von da ab in die Schule ging, überall war ich bestrebt, zu erwirken, daß meine Schulkameraden mit ihren jüdischen Kommilitonen anständig umgehen. Im Kollegium zu KecSkemct hatte ich mir bereits einen hohen Rang errauft: da war ich der konstitutionell erwählte Vortänzer für den Juristenball, der erste Eminent in meiner Klasse und der erste Liebhaber bei den Dilettanten. Diese« hohe Ansehen wußte ich überall zur Geltung zu bringen. um die gebildeten Jünglinge der handeltreibenden «ecrkemetrr Iudenschast in unseren geselligen Kreisen einheimisch zu machen. Sie waren unsere besten Freunde, mit j ihnen konnten wir litterarische Angelegenheiten am besten l besprechen, sie liehen un« Bücher zum Lesen, ja selbst Pctösi wurde von ihnen am bestcn portstt. Einmal geschah e«, daß wir ein Eonccrt veranstalteten zum Besten einer zu errichtenden Jugcndbibliorhek. Musiker. Deklamatoren stellte die Schuljugend die Menge bei; doch gab c» unter un» keinen geschulten Sänger, der Oper-Arien vvrzutragen verstand. Ei» junger Jude, Philipp Gallia. ein Mauu von über; au« vielseitiger Bildung, der dabei einen herrlichen Tenor und eine ganz vorzügliche Schule hatte, sagte auf mein Ersuchen seine Mitwirkung zu. Er sollte au» „Belisar" die Arie „Trema Bizanzia, sterminatrice!“ singen. Den Text hatte ich ihm in» Ungarische übersetzt. Einige Tage vor dem Eonccrt hieß es, unter dein Publikum bereite sich irgend eine Demonstration gegen den jüdischen Dilettanten vor. Wir ließen un» dadurch nicht einschüchtcr». Da» Theater füllte sich mit Publikum; die Einnahme lieferte den Grundstein für die Schulbibliothek. Al» die Reihe an Gallia'» (sscsang kam. harrte Alle» voller Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Mein jüdischer Sänger trat muthig auf die Bühne, vor das Orchester hin, und kaum, daß er anhub: „Zittere Byzanzia!", da erscholl im Auditorium eine Stimme, dröhnend, ivie der Ruf eine» Ochscntrciber«: „Da giebt'» keine Pferdehäute! Wa» sucht der Jude da!" Aber dieser eine und einzige Demonstrant wurde durch da» Publikum selbst im Nu mit solcher Raschheit aus dem Zuschauerraum geschleudert, daß der Sänger sich in seiner Arie gar nicht zu unterbrechen brauchte. Und al» der letzte Ver« verklungen war: „Ein Meer von Blut soll Rache