Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 17 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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66 Hinrichtung nur lustig macht und daß solcher auffaOrnbc Luxus nur geeignet ist. Neid zu erregen und der in vielen Gemüthcrn noch vorherrschenden Stimmung gegen die Juden Nahrung zu geben. Ala Jakob Blumcnfeld am ersten Samstage mit seiner Frau zur Synagoge ging, rissen die Bauern Brixenhausens alle Fenster ans und alö sie sahen, wie die lange seidene Schleppe ans der.«trage nachschleifte, riesen sie sich lachend einandcr zu: .Nun brauchen wir Samstags nicht mehr zu kehren, da» besorgt nunmehr Jakob'» Frau!" Tie Freude und die Zufriedenheit Perez Blumenfeld'S und seiner Frau waren nur von kurzer Tauer. Sie hatten Anfangs ihren Haushalt mit dein jungen Ehepaare gemeinschaftlich und dachten es auch für ihre Lebenszeit so zu lassen. Aber schon nach einigen Monaten hatte sich da» gegenseitige Bcrhältniß derartig getrübt, dag eine Trennung stattfand und das alte Ehepaar in das obere Stockwerk ihre» Hauses zog. Sie waren alte, eitle und gcldstolzc Leute, aber doch noch Leute von altem Schrot und .Stunt, die zu arbeiten verstanden und im Leben auch tüchtig gearbeitet hatten. Sie hatten sich von geringen Anfängen durch schweres. mühevolles Schaffen in die Höhe gearbeitet und bedeutende« Vermögen cnvorben. Sie konnten daher das Nichtsthnn ihrer Schwiegertochter nicht lange ruhig mit Mischen und so entstand gegenseitige Unzufriedenheit, die bald zu heftigem Streite und zu gegenseitiger Feindschaft führte. Tnrch die Trcnnnng ihre« .Haushaltes von dem ihres Sohnes ivurde das Bcrhältniß nicht gebelfert, sondern verschärfte sich immer mehr. Zu der Tienstmagd mußte die junge Frau nunmehr auch noch eine Köchin annehmen, da sic selbst der Küche vorzn'tehen weder befähigt noch gewillt war. Sic richtete ihren .v-uuSl-all aus großem Fuge ei». Dieses bereitete den Alten viel .Stummer und Herzlcid. Da« dauerte so mehrere Jahre fort, und die ncligicrigen NachbarSleutc hatten oft Gelegenheit, den lauten, gerade nicht sehr freundlichen Gefühlsäußerungen zwischen Schwiegermutter und Schivi-gertochter zuzuhorchen Es konnte nicht fehlen, dag dadurch auch der Friede zwischen den jungen Eheleuten selbst manche Slörling erlitt und ihr häusliches Glück verküinmert wurde. ,,>mepu»g folgt.) Aus dem Lebe« Berthold Auerbachs. In den letzten Jahren seines Lebens beschäftigte B. Auerbach der Plan einer umfassend angelegte» Sclvstbiographie, mit ivelcher er seine schriftstellerische Laufbahn abzuschließcn gedachte. Die letzte Krankheit, die mit dem zu Eanne« im Febr. 1882 erfvlgteii Tod endete, vereitelte diesen Plan; es sind nur einzelne Aufzeichnungen zu Stande gekommen. auch von der im Herbst 1881 begonnenen Erzählung der KindhcitSgcschichtc sind nur Bruchstücke vorhanden. Eine Art Ersatz für diese fehlende Sclbstschau bietet die Folge von Briefen, die er regelmäßig an seinen freund und Vetter Jakob Auerbach in Frankfurt a. M. schrieb. ein Briefwechsel, der im Jahre 1830 begann und erst mit dein Tode des Dichters endete, der mit den Jahren immer ausführlicher und ergiebiger tvurde und nicht bloß die äußeren Begebnisse verzeichnete, sondern auch von den Stimmungen, Bettrebungen, Sorgen de« mittheilsamen Dichters ein treues Bild gewährt. Nach deit ausführlichen Bestimmungen B. Auerbachs werden diese Briefe zur Veröffentlichung gelangen. Einige Proben daraus, die wir mittheilen können, werden unfern Lesern nicht unwillkommen sein. Wir erinnern kurz daran, daß Bertbold Auerbach am 28. Febr. 1812 zu Nordstetten geboren ist al» da« drittjüngste von 11 (Geschwistern. Nach dem Willen der Eltern und au» eigener Neigung zum Studium der jüdischen Theologie bestimmt, kam er nach zurückgelegtem 13. Jahr nach Hechingen; wo er in den Quellen der jüdischen Religionswissenschaft unterrichtet wurde. Diese Studien fttzte er dann zwei Jahre später m Karlsruhe fort, bereitete sich aber zugleich durch Besuch der untersten Klassen des Lyzeum« und durch Privatunterricht zum Eintritt j, da« obere Gymnasium zu Stuttgart vor. In dieser Stintgarter Zeit beginnt der Briefwechsel. E« hatte seine Schwierig, fett, ins Gymnasium ausgenommen zu tverden, da dasseli» übervoll besetzt war. Die Prüfung, die er im Jahre 1830 machte, genügte nicht und er mußte bi« in den Herbst warten, um endlich in die Anstalt aufgenommcii zu werden, die jh« anfs äußerste iinponirte: „Ich sage dir nur, Württemberg ist ein Attika und Stuttgart ein Athen." Auch die ausgekläne Denkart der Gymnasistcn rühmt er: »Der Haupivor zug der hiesigen Studenten vor de» gelb bebordetcn „nt> blau bekragtcn Karlsruhern ist. daß Bildung und Unterricht hier zugleich vorschreiten. man kennt hier durchaus keinen Unterschied zwischen Jude und Christ.- Ueberglücklich ist er. al« endlich am I. Tage des Hüttensefts »der Göttcrdoie Merkur" verkündigt, daß er in die 8. Klasse des Obergym »asiumS ausgenoinine» ist. In einem Brief vom Dezember schreibt er Nähere« vom Unterricht: »Latein ist auch hier die Hauptsache und gewiß mit Recht". Religion und Psychologie hört er bei Schmidt (..unter Religionslchre, die ich genieße, darfst Du dir nur reine, allgemeine, auf den Gesetzen der menschlichen Bernunst l>eruhcndc Moral denken-). Griechisch bei Pauly und Schwab, Sprachenlehre und Aussatz bei Reinbcck, Hebräisch bei Cleß, „dem gelehrtesten Manne, den ich noch je traf". ,.E» ist alles so ganz, wie ich cS gewünschi. fern von der so lästigen Pedanterie und voll des wahren Geiste«. ES sind bereit« 0 Wochen, daß ich die Klasse besuche, und mit jedem Tage erscheint mir Alle« um so geiil rei hcr, um so wisscnschastlicher." „Aber was meinst du", schreibt er im folgenden Jahr, „daß a»S mir wird'? ein Theolog? »eia, ein Jurist! ans Gründen, die ich dir dann darthnn werde, wenn ich im Besitz eines Briefes von dir bi», und zwar mache ich schon im kommenden Februar da» Examen und ivcrde dann »ach Tübingen gehen, wo mich viele gute Freunde sehnlichst erwarten." Da« Examen tvird im Febr. 1832 glücklich bestanden und die folgenden Briese sind aue Tübingen, wo er aber zunächst doch der Theologie getreu bleibt. Er hört Psychologie bei Eschenmayer. Geschichte bei Hang, Einleitung ins A. T- und Propheten bei Herbst, Arme phanes bei Walz. Plato's Symposion und Geschichte der Philosophie „bei meinen einzig geliebten Strauß." „Ich enihaltc mich hier, fährt er fort, alles Unheils über die Kollegw. Nur so viel kann ich sagen, daß c« mein höchster Wunsch und mein höchstes Streben in, die Hegcl'sche Philosophie ebenso mit dem reinen MosaismuS. sage reinen MoiaismuS, verbinden, »ein dnrchivcbcn. ausfülle» zu können, wie sic es mit der christlichen Religion ist. Sollen wir (ich bitte nicht mißverstanden zu werden), sollen wir, ivcn» wir unsere Religion» satzungcn: eine Offenbarung, eine Gottheit, eine Schavsuug darthun wollen, solle» wir ans den dürren Glaube» vcr>veisen? Soll die ganze Welt u>n uns sich mit Shärenhannonie beivegcn und wir als Fixsicrnc der alten Welt an unscrent Platze haften? Nein, der Mosaismu» ist und bleibt ewig wahr, aber so wie Moses nicht für uns allein, so haben auch Plato. Lcibniz, Baco, Kant und Hegel ihre ciotgen Wahrheiten auch für nn» verkündet, es ist die Weltseele, der Geist der Menschheit, der sich schon in Mose» manisestirtc und ewig derselbe auch in Hegel bleibt: glaube nicht, mc» lieber Jakob, daß die« eine Idee, irgendwo aufgeschnappt sa. und die nur den Reiz der Neuheit für sich habe. Nein!! ■ Mehrere Leute ans meiner Gesellschaft kommen wöchentlich zusammen und besprechen wir einzelne vorgelescne Aussätze, die aber meist positiv» im weitesten Sinne enthalten. Ä arbeite wirklich an einem Aufsätze über Rationalität und KoSmopolitiSmuS und ihre gegenseitige Bereinigung." 3" Sommer 1833 studirte Auerbach in München. Einer ch» gewordenen vertraulichen Warnung folgend, eilte er in »« Heimath zurück, um der in Bayern zu befürchtenden Btt- Haftung al« Mitglied der Burschenschaft zu entgehe», fr wurde vom König Wilhelm begnadigt und vorerst wurde ihn die Fortsetzung seiner Studien in Heidelberg gestattet.