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Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 15-16 (1884) · p. Seite 62

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
15-16 (1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 62 (sequence 6)
Language
German
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Ehristenthum, die Aufnahme von dessen Lehren und Grundsätzen. machen ihn dazu fähig und würdig. Die» ist ein entschiedener Fehler. Wir halten die« dem Verfasser jedoch nicht vor, um itm zu tadeln, sondern um ihn darüber zu belehren, daß er dae Judenthum theii» nicht kennt, theil« verkennt. Er läßt z. B. seinen Leiden, den Juden, sagen: „Da» orthodoxe Iudenthum mit seiner Anmaßung und Unduldsamkeit ist für mich ein längst überwundener Standpunkt; nicht mehr glaub« ich mich durch die.Tischgenossenschaft mit einem Ehriiten zu verunreinigen; und die Behauptung de» Talmud, daß die Juden so hoch über den andern Völkern der Erde stehen wir der Mensch über dem Thiere. erscheint mir schon seit meiner Kindheit ol« die Fieberphantasir eine» unzurechnungsfähigen Größenwahn». Wo« fesselt mich noch an dir Gemeinschaft einer abgestorbenen, allen Kulturfortschritt verkennenden religiösen Sekte?" Es thut wehr, selbst unsere Freunde in solchem Irrwahn zu finden, die Besten unserer Zeit noch in solchen JrrthümerN, nicht au» Böswilligkeit, sondern au» Unkenntnis, befangen zu wissen. .Da« Judenthum sei anmaßend und unduldsam." Wo sind die Belege dazu? Da« Judenthum hatte recht, sich über da« heidnische Altrrthum zu erheben, al»er u hat den Grundsah und die Lehre, daß alle Menschen Kinder deSsrlbe» Gotte» und Bater« find und alle sich brüderlich lieben sollen; e» hat die Hoffnung und da» Streben, daß diese Lehre von der Einheit Gotte» und der Menschheit sich über die ganze Erde verbreite. Fanatismus nnd Prosrlh!i«mus sind dem Judenthum grundsätzlich und geschichtlich fremd; Fremde, die unter Israel wohnten, hatten gesetzlich dieselben Rechte, nichtjüdische Arme gleiche Ansprüche auf Unterstützung, wir der einheimische Jude. Wer nur unter den andern vülwrn dem Götzendienste nicht huldigt und dir Gebote humaner Gerechtigkeit und Sittlichkeit üb«, gilt den jüdischen Frommen gleich und hat Lntheil an der ewigen See.igkeit, verfällt nicht der ewigen Brrdammniß. Die» sind jüdische Lehren. E« ist wohl nicht nüthig, zur Vergleichung auf die bezügliche Lehre und Ge» schichte de» Ehristenthum» zu venveisen; ich darf sie al» bekannt genug voraussetzen, um zu ftagen, wo mehr Brüderlichkeit und Toleranz zu finden sei, und einer dem Judenthum günstigen Antwort sicher zu sein. „Die Tischgenossenschast mit dem Christen soll den Juden verunreinigen." Auch die» ist keine jüdische Anschauung und Lehre. Die Tischgenoffenschasl de» Christen wird ja selbst von dem onhodoxrstrn Juden nicht gemieden. Die Speisrgcsrtzr der Juden haben theil« einen sanitären Grund, welcher selbst von der modernen Wiffenschaft al« berechtigt anerkannt wird, «heil» wurzeln sie in einer Zeit, wo die sociale Absonderung Israel« von den, einen» entsittlichenden Gvtzrn-Cultu« huldigenden Völkerschaften Bedürsniß war. Juden- und Ehristenthum haben ja Biele», wodurch sie sich Segrnsritig bedürfen; aber die Geschichte und Entwicklung de« shristrnthum» gerade ist e», nicht de» Iudenthum», wel'^e eine trennend« Scheidewand erhoben und eine religiöse, politische und sociale Annäherung verhindert hat. Diese Trennung ist e», wodurch bi« heute auch noch da» Iudenthum gehindert ist, Bestimmungen zu'mvdificiren. welche Völkern nur Religionen gegenüber getroffen worden sind, die un« fremd nud feindlich sind und bleiben wollen. Der Talmud soll behaupten, „daß die Juden so hoch über den andern Völkern der Erde stehen, wie der Mensch über dem Thiere." Ob eine solche Behauptung gerade so nur im Talmud steh», ist mir im Augenblick nicht erinnerlich; aber wenn auch, zu den allgemein angenommenen und täglich zu wiederholenden Glaubenslehren de« Iudenthum» gehört dieser Ausspruch nicht. E« liegt überhaupt hier wieder die irrige Meinung vor. daß der Talmud ein religiö» bindende» Gesetzbuch sei. Derartige Behauptungen sind nur Au«sprüche Einzelner, die aber al» nicht» weniger denn al« allgemeine Lehren de« Iudenthum» gelten. Zur Erklärung solcher Aussprüche denke man aber daran, daß da» Iudenthum in der alten Zeft allein eine die Sittlichkeit vertretende Relip, war, und denke ferner an den entmenschlichenden und iq. thierenden Cuttu« der heidnischen Völker in der Vorzeit o» frage sich: ob da nicht wirklich der vergleich nahe liegt, dch! solche Menschen und Völker dem Thiere näher stehe,, M dem Menschen. In einem solchen vergleiche liegt weder ei, Uederhebung Israel«, noch eine Verkennung der andrn, Völker. Hat doch in unserer Zeit eine fürstliche TOilitfo Person in Voreingenommenheit für die höhere Eultursiuse da Adel» und die sich daran knüpfende» Menschenrechte die & hauptuna geivagt: „Der Mensch sängt erst mit dem Bar, an"; also alle übrigen Menschen sind nicht Menschen, s» dern Thierrn gleich. Ist diese Belmuplung nicht empörender» Aber e» ist die« auch dir Behauptung eine» Einzelnen m hat keine allgemeine Geltung und Beachtung, gerade a, bei jenem Talmudistrn. Der Talmud hat indeß mit solch, auf die anderen Völker l>ezügliche» Aeußerungrn nur d» alten Völker und Urbewohner Kanaan« im Sinne, mit ihr, den Menschenopftrn huldigenden und alle Sittlichkeit uch Humanität verhöhnenden Götzencultu». Denn er zählt di Völker außerhalb Kanaan« nicht einmal zu „Götzendiener»' (N55 |JH ‘rnatP O-OJ „die Völker außerhalb Kanaan» p hören nicht zu den Götzendienern" Chul. 13,l). Auch andar Aussprüche de« Talmud» weise» aus eine solche huina» Gleichstellung aller Menschcii hin. So heißt r«: Dir Gräber der Richtjude» muß man in gleicher Weise ehren, wie d, Gräber der Juden, denn auch jene gelten al« Mensche» n Leben wie im Tode (Awvda sara 37,6». Solche Ausspruch falten indeß nicht al» Behauptungen Einzclner, sondern s« ind Grundlagen allgemein gültiger religiöser Äesetzesbesii, mungcn geworden. E» liegt demnach dem Talmud dnrchaai selbst die Ansicht der Hellenen fern, welche alle andern Völker für „Barbaren" betrachteten d. h. für solche, welche all« Cultur fern stehen und mit den Forderungen der Sittlichkai und Gerechtigkeit unbekannt sind. Und doch stellt man d« hellenische Cultur so viel hölrer» al« die jüdische, der d» christliche entstammt ist? Wo ist also nun die wahre Toleranz? Wir dürfen nch fragm, ob im Juden- oder Christcnchum, denn auch du« R T. hat den jüdischen Grundsatz: „Wer unter jegliche» Volke den Herrn fürchtet, ist ihm angenehm." Erst a späterer Zeit fing man a». gegen die Juden intolerant zu werden. Wir sehen e» hier wieder an einem der Beste». Rur derjenige Jude wird al« der Aufnahme in die christliche Gesellschaft würdig dargrstrllt, welcher sein Iudenthum valeugnet und bereit ist. in« Ehristenthum rinzutretrn. Da« Iudenthum aber und der ihm anhängende Jude wird aatgrschloffen. Also doch immer etwa« AntisemitiSmu«, selbst bei den Besten! Rur der Jude, heißt e» bei demselbe». welcher sein Iudenthum, wenn auch nicht äußerlich, doch wenigsten» innerlich abgethan, nur derjenige, welcher chnstlicht Ideen in sich ausgenommen hat. ist fähig, an« christlicher Liebe und ohne jüdischen Eigennutz Menschen, auch Chrii'ie». au» der Verlegenheit zu retten: ein solcher, und nur ei» solcher, ist de« Entgegenkoinmen» und »er Freundschaft chnstlicherseit» würdig. Aber einem solchen soll christliche« E»l> argenkommen und christliche Freundschaft gnädig auch j» Theil werven. — So reden unsere Freunde! E« liegt hier offenbar eine vollständige Verkennung jüdischer Lehren urt jüdischen Leben» zu Grunde. Und doch Freunde! De»» wir nehmen an, daß sie nicht mit Absicht, sonder» nur aut Jrrthum fehlen. Wir bieten ihnen deshalb — Belehruiz Alzey. _ Dr. Rothschild. Jüdische Bilder a«» «alizie». I. Hkrtzach. Bon Heinrich tvottlieb. ikr sag im frohen Kreis der Kinder, Der hochbejahrte Schimrn Leid, Um ihn herum lind alle Seine», Ihm sitzt zunSchst da« treue Weid.

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