Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 15-16 (1884) · p. Seite 61

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
15-16 (1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 61 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/6492351-8722841-5938210--0077-5377641
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

61 loflflKH >n Geldangelegenheiten oft Hotz zugrzogen. so ^,ürt r* andern theil» geradezu zu den Ausnahmen, sic grö> schuld angeklagt zu scheu. Selten ist rin Jude al« ittüdcr von Thaten grbrandmarst worden, deren Einzelheiten „ so häufig in de» Zeitungsspalte» lesen und die UN« gar «anchmal da» Blut in den Adern gerinnen machen. Die strengen Regeln ihrer Religion, welche die Juden ud) gesellschaftlich von ihren Mitbürgent anderen Glauben» zu einem gewissen Grade trennen, die Furcht, zurückget»ien zu werden, tvennn sie sich vertrauensvoll Anderen ührrn. ihre Zurückgezogenheit und ihr furchtsame» Wesen — int natürliche Folge de» Ersten — haben fast unübetstrigbarc Hindernisse zu einer gerechten Beurtheilung derselben grschafn. Fielen diese Schranken und hätte man einen freien rinl'lick in da» tägliche Leben Derjenigen, tvelche man ohne Amnd mit Hatz und Verachtung überhäuft, so würde man jchr überrascht sein. Man würde erstaunt sein, liebevolle und «usopsernde Gatten und Väter, züchtige Frauen, zärtliche Müner und liebende, gehorsame Kinder zu finden, welche in chtrm Leben weder eine sorglose Vernachlässigung der Mt Gotte«, »och einen ungeduldigen Zorn über ihre lange tnnhh'chaft. noch ein Verflnchen ihrer ungerechten Bedrücker uu schau tragen. Man würde im Gcgrutheil finden, daß sie ihren himmlijcken Vater um Vergebung ilirer eigenen Sünden, um Geduld, chrt Prüfungen zu ertragen, bitten und mit unerschütterlichem gntraucn auf die Erfüllung de« Versprechen» einer besseren jatuiift warten. ltzewiß sollte den Nachfolgen« Desjenigen, dem die I» Gebote auf Sinai gegeben wurden, der zuerst die Menschen kn wahren und alleinigen Gott, den Schöpfer der Welt «beten lehrte und ivelcher sagte: .Du sollst Deinen Nächsten irden wie Dich selbst!" mehr Achtung gezollt werden, eicherlich sollte die Rare, au» welcher Der hcrvorgegangrn «, der ganz Liebe und Barmherzigkeit war. nicht geschmäht ud mit Fünen getreten werden und so manche Greuel sollte:« »chi im Namen der Religion Christi begangen werden! Bon den Hebräern haben alle civilisirten Völker ihr inveranderliche» Moralgesrtz entlehnt, von ihnen rührt die «fiie Weisheit her. von ihnen «vurden zuerst die heiligsten, innigsten und schönsten Gebete, welche je zu de» Allmächtigen Ihrone stiegen, ersonnen und in Salomon» Tempel gesungen. Hi diese Vergangenheit nicht der pietäivollen Beachtung würdig? Die» scheinen an und für sich überzeugende Wahrheiten, zu fühlbar um envähnt zu iverden, und doch herrschen noch a manchen Iheilen de» civilisirten Europa, in unserem aufgeklärten 19. Jahrhundert Barbareien, würdig des dunklen KinelalterS. in dem e» zahllose Märtyrer gab. In einzelnen Städten werden die Juden abgesondert von ihren Mitbürgent gehalten, gleichsam als wäre ihre Nachbarschaft eine Verunmiiigung für sie; in anderen Städten nt die Erziehung der jüdischen Kinder so gehindert, daß e» beinahe eine Un- »öglichkeit ist. ihnen die biogen Elemente des Wissen» beizubnngen; wieder in anderen Städten ist ihnen kerne Profession, »eiche c» auch sein möge, offen gelassen, selbst der Handel »rd zu einem seltenen Existenzmittrl. Ach! wer weiß nicht, dag Kinder von ihren Eltern fmsscn wurden und dag Elter» beschuldigt wurden. Chritenblut vergossen zu haben, um gewisse Religion»- gebrauchc auszuübcn, während c» doch Jedem, der sich die Kühe machen will, in der Bibel die priestcrlichen Gesetze zu itskn. klar werden wird, dag auch nur einen Tropfen Blut Lpfrrthieres zu versuchen, alS eine große Greuelthat drrbotc» ist.») Weitere Beweise, daß blinde Unwissenheit viel an den Lorur,heilen gegen die Juden Schuld trägt, können hier nicht »ch erörtert iverden, aber es ist vielleicht genug gesagt worden, *> Aichi blo» Priesicr» and nicht blo« von Opsrnhierr», sondern Jaden ist Bluigenah aus» Sirengsir de, Strafe der «»»roiiung >^»>en. iKed.) um denjenigen die Augen zu öffnen, welche nicht absichtlich unrecht, »och in geradem Widerspruch zu ihrer eigenen Reli- Sion handeln möchten, in denen aber ein früh cingepflanzte» lorurtheil so tief Wurzel gefaßt hat, daß sie den Charakter religiöser Unduldsamkeit und engherziger Bigotterie angenommen haben. Den Sieg über rin seit Langem bestehendes und.tief eingewurzelte» Borurthril zu geivinncn, liegt nicht in der Macht einer schwachen Feder, aber e» liegt in der Macht und sollte der Wunsch von aufgeklärten, begabten Männern sein, deren Meinungen und Ideen Tausenden durch ihre weitverbreiteten Bücher mitgrthcilt' werden und Ideen Tausenden durch ihre weitverbreiteten Bücher mitgrthcilt werden und deren Einfluß sich über ihre Generation hinauScrstreckt, mitzuhelfen, die Borurtheile zu beseitigen. Intoleranz zu besänftigen, brüderliche und liberale Gesinnungen zu nähren und die Streitigkeiten, welche Einigkeit und gegenseitige Nachsicht unter den Menschen unmöglich machen, zu schlichten. Fast unerklärlich muß e« erscheinen, daß sogar Schriftsteller, die sonst eine äußerst freie und unabhängige Meinung zeigen, bei denen man orthodoxe RcligionSanschauungen nicht suchen darf — wie der neuerdings berühmt gewordene Geschichtschreiber Buckle — der Juden in keineswegs liebevoller Weise gedenken. Christen! gewiß habt Ihr nicht gerecht gehandelt und falsch und sonderbar habt Ihr Eures Meisters Wille au»- gelrgt, iitdem Ihr diese» älteste der noch existirenden Culturvülker der Erde schrecklich verfolgt habt! Wann wird jene Gnade, Liebe und Barmherzigkeit, welche so viel auf Crdeii gepredigt wird, auch vom Mcnschengeschecht auSgrübt werden?_ Gerhard von Amhutor. Gerhard von Amyntvr ist unter diesem Namen (eigentlich heißt er Dagobert v. Gerhardt, Major z. D.) ein wohlbekannter Lchrijtfteller, der mit seiner Feder auch schon oft für die Rechte der Juden gekämpft hat. Cs liegen uns jetzt au» der Spemann'schen Collektion von diesem Schriftftellcr drei Novellen vor. Wir besprechen die erste Novelle, .Eine Kußhand" überschrirbcu. Sie spielt in unscrm Osten, wo d>e adeligen Herren den jüdischen Händler noch mit Peitschen zu tractiren gewohnt sind und zwar lediglich zu ihrem Vergnügen und zur Verhöhnung de» Menschenrecht» und der gerühmten Nächstenliebe. Ein dortige» herrschaftliche» Gut «vird auch von einem rheinischen Wcinhändler, einem Juden, besucht, der aber als Jude nicht erkannt und deshalb gut ausgenommen wird, so gut daß sich ein Liebe»- verhältnitz mit der Tochter de» Hause» entwickelt, dessen Verwirklichung aber einceseil» an der religiösen Pietät de» Juden, andrerseits an der Crkenntniß de» Vater» scheitert, daß er e» mit einem Juden zu thun habe. Dieser hatte den Sohn de» Hause», der Offizier und verschuldet war, au» der Verlegenheit gerettet, ohne daß er sich dieser That in der Familie gerühmt hatte: sie war ein Geheim itß zwischen ihm und dem Sohne gebliel>en. Also der Jude ist eine durchaus edle Natur, und um dieser willen soll er al» den Christen ebenbürtig gezeichnet, soll den Christen gezeigt werden, wie unrecht sie den Juden thun, unter denen c» d>ch auch ehreinverttie Charaktere gebe. Dafür sind wir dem Vcrfaffer Dank schuldig, aber wir tadeln c». daß er glaubt, den Juden so zeichnen zu müssen, daß er dem Judcnthum nicht blo» äußerlich durch Nichtbeachtung seiner Ceremonien. sondern auch innerlich durch Verwerfung seiner Lehren und Grundsätze Valet gesagt hat. der also auf der Schwelle de» Christenthum» steht, nur diese noch nicht übertreten hat, aber sich fragt: .Wa» hält mich ab, diesen Schritt zu thun?" Der Verfasser giebt damit zu erkennen, daß ein wahrer Anhänger de» Judcnthumin der That den Christen fremd gegenüber stehe und der antisemitischen Aussonderung wcrth fei, nicht verdiene, von den Christen mit gleichem Recht und gleicher Liebe ausgenommen zu werden; erst die Annäherung an da»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.