Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 15-16 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 4)
- Language
- German
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60 große Feuerruthe krachend in die Rippen: «Erdensohn. Deinen Namen I" Awremele geschah t*. als wäre jene riesengroße Fruerruthe ihm selber in die Rippen gefahren unv er bedeckte mit beiden Händen seine Augen, um da« scheußliche Höllengespenst nicht zu sehen . . . «Bei diesem krachenden Ruthenhieb" setzte unterdessen der Raporter aus dem Reich der Hölle fort, „fängt der Arm» sünder an. einen Namen nach dem andern l>erzustammeln, natürlich lauter falsche, aber da folgt Kroch auf Krach, einer grausamer als der andere: «Erdensohn. Deinen Namen'" Und wie hält« der Armsündrr aus?" forschte oer in allen Fasern aufgeregte Reb Aivremele. „Er müßte ja bloß von einem einzigen Hiebe außer sich bleiben!" „Thatsächlich verliert er auch nach jedem Hiebe das Bewußtsein, aber da haucht ihm der Malach Lhabole immer neues Leben ein und fährt fort, ihn mit seiner riesengroßen Feuerruthe zu bearbeiten. So geht'S volle acht Tage nach dem Tode fort und dieses heißt man Ehibut Hakewer . . Diese sanften Verheißungen waren es eben, die Awremele vrrhindenen, an sich selbst Hand anzuiege». Jetzt giebt es für ihn keine Rettung mehr im Tode, in welchem ja erst die grauenhaften Schrecken, die Schrecken der Schrecken, beginnen ... ~ Aivremele zitterte nicht mehr vor dem Tode, sondern vor nach dem Tode. — Verschwunden war mit einmal die gähnende Ritze am Plafond, der Hund mit der heraushängenden Zunge und der Polizrimann mit seinem laurenden Seitenblick — Aivremele hatte jetzt seine Gedanken mit viel Wichiigcrciu zu beschäftigen. Ganze Nächte konnte er oft in seinem Bette sich wach halten und sich mit seinem Tausendäugler unterhalten. Da schien cS ihm er läge tief in der Erde gebettet und da fährt e« über ihn wie rin Donnerkrachen. Bor ihm steht ein Höllenscheusal mit tausend Flammcnaugen und donnert: „Erdensohn. Deinen Namen!" Wer weiß, ob Awremrle — immer so in diesem Höllen, pfuhl versunken. — nicht den kleinen Rest von Verstand oder gar daS Leben verloren hätte — aber da tauchte vor ihm, wie gerufen, ein sonderbares Ideal auf, welches alle diese schreckliche» Gestalten wie die Sonne die Rachtnebel vor sich Hintrieb. Und wieder war e« die Synagoge, wo jenes sonderbare Ideal sich ihm offenbart hatte. — Eines Tages nämlich saß Awremele wieder auf seinem Stammplatze hinter dem großen Eisenofrn der Synagoge und ließ sich von seinem hundertäugigrn Höllenpatron mit der riesengroßen Feuerruthe bearbeiten, da legte sich rücklings eine Hand auf feine Schulter u»d eine Stimme fragte theilnrhmcnd: «Reb Awremele. warum so verdüstert?" Rib Awremale zuckte zusammen. Es war ihm als hätte jenes Höllengespenst ihn nach einem wuchtigen, betäubenden Hiebe wieder in'S Leben gerufen. Jndeß jedoch war es nur ein ganz harmloses Geschöpf, nämlich Reb Schmerel Klausner, der vor ihm stand. «Reb Awremele, warum schauen sie so finster drein?" fragte Reb Schmerel nochmal«. „Soll man da nicht finster dreinschauen" erwiderte Reb Awremele mit einem tiefen Seufzer, „wenn man so bedenkt, was da Alles Einen nach dem Tode erwartet". «Fromme, gottesfürchtige Leuten erwartet nur großer, himmlischer Lohn!" „Recht schön, aber daS schreckliche „Ehibut Hakewer" wendete Reb Awremele mit verzweifelter Miene ein. Reb Schmerel kratzte sich verlegen am Kopfe. ,Hm." machte er endlich «drauf muß man für alle Fälle gefaßt sein. Wahrhafte Fromme jedoch, sterben in dem rechten Monat . . ." Awremele spannte seine Aufmerksamkeit noch mehr an. „Rechter Monat?" fragte er „Was wollen Sie damit sagen? Welcher Monat ist der rechte?" „Den ganzen Monat Riffan wird die Hülle nicht p I heitzt, ist der „Malach Ehabole" ganz machtlos. O. nur so glücklich ist. in diesem Monat zu sterben!" Bor Awremele'« Augen ging e« wie eine große Sonne ait „Ha!" fuhr er überrascht empor und schien um mehrm | Zoll zu wachsen, «ist eS nur wirklich so?" „Wirklich." eiferte der Zweite, „fragen Sie da noch. g|| da» wirklich ist! Ist nicht alle», wa« die heilige Kabbahl erzählt wirklich? Wirklich wie Tauras-Mausche (Lehre Mosch Es wird für den ganzen Monat da« Schmoren. Brate» utfl Brennen völlig eingestellt. Freilich gilt da« nur von Eine,,! der nicht eine» gewaltsamen sich selbst verursachten Tode,! stirbt, für einen solchen wird die Hölle extra geheizt." ,u | Heber die Jude«.*) Nichts in der Welt ist so schwer zu zerstören, als n, tief eingewurzeltes Borurtheil. da« gleichsam von ttzebna an mit un« aufgeivachsen ist. zumal wenn sich die Religio, damit vennischt. Die Brüderlichkeit der Menschen leidet a, Borurtheil Schiffbruch und wo Liebe und' Barinhcrziglm walten sollte, nehmen Haß und Bitterkeit un« gefangen. Ein solches Bornttheil haben seit Jahrtausenden all, Rationen der Welt gegen die Juden genährt, ihr Name wurde oft zum Spottname», ihre Religion ein (Hegenstand des Hohn», und ihre Leiden waren oft so groß, daß ihre Existenz jelbit fast ein Wunder ist. Furcht legte den Grund zu dieser Verfolgung. Haß setzte sie fort und Unwissenheit gab den festen Kitt dazu. So Viele, welche sich wahrscheinlich als gute Christen betrachten, voll von Liebe und Barmherzigkeit gegen ihre Mitmenschen, bergen gleichwohl ein heftiges Borurtheil gegen die Juden in sich und suchen es mit allen möglichen Gründe, zu rechtfertigen. Ein Vorwurf, welcher beständig de» Juden gemacht wird, ist ihre maßlose Liebe zum Gelde. Als Bemerkung würde die» richtig fein; als Vorwurf ist es ungerecht BemerkenSwerth wegen ihre» unermüdlichen Fleißes, ihm scharfe» GeistcSgaben. ihrer merkwürdige» Intelligenz, in dennoch bi« vor Kurzem — selbst in England und Franst reich — den Juden nur ein Weg zur Vcrwcrthung ihm hervorragenden Galren offen gewesen. Nur Handel konntt ihre Profession sein, nur in diesem konnten sic ihre Encrgn anwenden, und im Handel bestand ihr einziger Ehrgeiz. Ihre Talente wurde» höchst selten durch eine Wissenschaft liche und klassische Erziehung gehoben, denn eine solche Erziehung (selbst wenn eS ihnen vergönnt gewesen wäre, sie zu genieße»! wäre weggeivorfen gewesen bei einem jungen Manne, da sein ganzes Leben in einem Eomptoir, über einem Kasse»' buche gebeugt, zubringe» mußte und dessen Kenntnisse sich kaum über die Regeln der Arithmetik zu erstrecken brauchte». Was sollte ein Jude Andere» thu», alS sich i<estreben tNld zu machen, da ihm nicht« Ander»'» übrig blieb? „Geld machen" war seine einzige Freude, der Besitz vielen Golde« sein einziger Ehrgeiz, seine einzige Macht. Mußte er cs nicht dadurch licbgewinne». und was sollte ihn verhindern, r« »» seinem Ideal zu machen? Zu erhabenen Zwecken war a unwürdig erachtet und war von Allem sonst >m Leben aur> geschlossen. Gewohnheit wird zur zweiten Natur, und Generationen sind erforderlich, um die Werke von Generationen zu zerstören. Eine liberalere Politik, welche in Frankreich und Eng' land auftauchtr, hat bewiesen, daß die Juden zu jedem Berus Talent und Fähigkeit besitzen, und daß man ihnen nur freie Hund zu lassen braucht, um sie in jedein GcschäftükreiS auf gleich" Höhe mit ihren Mitbürgern zu sehen. Wenn sich die. Juden wegen ihrer unredlichen Geschäfte und wegen ihrer häufig» *) Die iüiitiit verstorbene Baronesse Lionel v. Rothschild >var »W da« einzige schriststellernde Mitglied dieser verzweigten shamilic, "" sind in der Lage, im Obigen eine au« der Feder einer andern dien» edlen lltcschlcchie angehörenden Dame kommende, warm empsundenc Handlung unseren geehrten Leiern und Leserinnen zum Feste vorzulegcn.znl» >