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Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 15-16 (1884) · p. Seite 58

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
15-16 (1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
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58 sich rin Jeder von ihnen erst an de» Gedanken schien gewöhnen zu müssen, daß der Andere auch wirklich noch derselbe sei. Al» dir erste Begrüßung endlich zu Ende war. Be» an ein Fragen und Erzählen ohne Ende. Da» e Stübchen war wieder fröhlich belebt l Die Freude er- Sllte e» wieder, wie in früheren, ach! schon so lange ent- ,wunderten Jahren! Au» der Mutter Augen leuchtete ein Glücksstrahl, so oft sie auf Jokel sah^ der, fast al» Knabe noch von ihr schied und jetzt al» ein prächtiger Jüngling vor ihr stand, strotzend von Kraft und Gesundheit, voll Leben und Bewegung und doch wieder erfüllt von Ernst »nd verständiger Ruhe; Jokel war beglückt ron dem guten Aussehen der Mutter und dem kräftigen Gedeihen de» Bruder». D»e drei guten Menschen verlebten wieder einmal frohe und glückliche Tage de» Zusammensein«. Wenn sich dabei zuweilen heimlich eine Thräne au» den Augen der Mutter stahl, so galt sie dem Andenken de« Vater» und dem Schmerze darüber, daß er nicht mehr zugegen und sich mitfreurn konnte über da» Gedeihen seiner Kinder! Der Tag der Musterung war gekommen. Jokel wanderte am Morgen de» bestimmten Tage» nach dem nächsten Stäbchen, wo dieselbe abgehalten wurde. Seine Mutter begleitete ihn. Ihr Herz schlug ängstlich al» jer vorgrführt wurde. Ihre Ahnung hatte sie nicht betrogen. Jokel wurde zum Militär gezogen. Sie wußte sich hier ruhig und geduldig in da» Unvermeidliche zu fügen. »Gott sei Dank, daß er gesund ist! Wohl dem. der im Stande ist. diese Pflicht gegen sein Vaterland zu erfüllen!" Da» waren ihre Worte, al» ihr die Nachricht überbracht wurde, daß Jokel Soldat werden niüsse. Wer von solchen gesunden Ansichten geleitet wird, dein wird jede Pflichterfüllung leicht. Jokel wurde bald nachher einbeordert. Der Abschied war beiderseits schmerzlich; aber beiderseits fand man auch bald die nöihlge Fassung wieder. Er wurde einem Jnfanterir- Regimente zugetheilt. Nach stattgrfundener Einübung wir» man ihn auf seinen Wunsch der Schuhmacherabtheilung in der Militärwerkstätte zu. Da man dort bald seine Tüchtigkeit ernannte, wurde er mit der Ueberwachung und Leitung der Arbeit betraut, wa» man gewöhnlich mit der Benennung eine» RegimrntSschuhmacher» bezeichnet. Diese» brachte ihm Erleichterung in der Arbeit und eine kleine Erhöhung der Löhnung. Er war während seiner Dienstzeit einigemal auf Urlaub zu Hause, aber jede«mal nur auf sehr kurze Zeit. Im letzten Dienstjahre wurde er der Militänverkstätte in Berlin zugetheilt, in welcher er fast ein Jahr verblieb. Er lernte in Berlin einen daselbst wohnenden jüdischen Schuhmacher kennen, der mit zwölf Gesellen arbeitete und eine sehr feine Kundschaft hatte. Der Mann war kränklich geworden und Jokel half ihm in seinen Freistunden und jeden Sonntag im Zuschneiden der Arbeit. Al» seine militärische Dienstzeit abgelaufen war. trat er ganz bei ihm ein. Diese» war dem Manne eine große Erleichterung. Bei der Zuverlässigkeit und Geschicklichkeit Jokel'» brauchte er sich nunmehr nur noch wenig um da» Geschäft zu kümmern. Er hatte sich rin nicht unbedeutende« Vermögen erarbeitet, war Hau»besitzer, hatte aber nur ein einzige« Kind, eine Tochter, ein recht hübsch, gutgebildet«», damals achtzehn Jahre alte» Mädchen. Er trug sich mit dem Wunsche, sich recht bald gänzlich vom Geschäfte zurückziehen zu können, wollte dasselbe aber, wenn irgend möglich, seinem Hause erhalten. Je näher er Jokel kennen lernte, desto mehr befestigte sich die Ueber- »eugung bei ihm, daß dieser ein sehr geeigneter Schwiegersohn für ihn wäre. E» liegt die Vermuthung sehr nahe, daß dir beiden, dabei in Betracht kommenden >ungen Leute unter sich zu einer ähnlichen Ueberzeugung gelaugt waren; denn bevor noch ein Jahr verflossen, war in einigen Berliner Zeitungen di« Anzeige von der Verlobung derselben zu lesen. Sech« Monate später wurde dir Hochzeit gefeiert. Der Hochzeitstag Jokel'» war «in hoher Freudentag für seine Mutter, aber auch «in Tag schmerzlicher Erinnerung an chrrn Gatten, welcher an diesem Tage ihre Thränen reichlich flössen. Ihr Alter gestaltete sich von da ab nch freundlich. Jokel war durch sriue plötzliche Heirath rin sch wohlhabender Mann geworden und litt nicht mehr, daß sei, Mutter durch Handarbeit ihren Unterhalt suche. Er unt«. stützte sie so reichlich, daß sie aller RahrungSsorgen üb«, hoben war. Wenn Sie doch hin und wieder noch Austrj« auf Räh- und Stickarbeit entgegennahm und au»führte. » geschah e» nur, um müßige Stunden nützlich auszusüll«^ da ihr mit Recht nicht» verbaßtrr war. al» Müßigg,,^ Ihr Sohn Samuel hatte seine Lehr- und Wanderjalm glücklich Überstunden und war ein recht geschickter Schloff«!;ewordcn. Al« da» Jahr seiner Militärpflichtigkeit Hera,, am. mußte auch er Soldat werden und machte die Feldzüx der Jahre 1888 und 1870 mit. Da» waren allerdmz« wieder angst- und sorgenvolle Zeiten für Frau Birk; f* hatte aber auch die Freude, ihren Sohn wohlbehalten ua» geschmückt mit dem ehernen Kreuze au» den schweren Kämpf« zurücktehren zu sehen. Er hatte mit Auszeichnung gediaa und den Ruhm eine» tapferen Baterlandsvertheidiger» da»,, getragen. E» ist eine arge Verleumdung, ein absichtlich ge« hegte» und gepflegte» Vorurtheil. wenn man den Jsracliir, KricgSmuth und KricgStüchtigkeit absprechen, wenn ma, keinen Patriotismus bei ihen gelte» lassen will. Ihr Krieg«, muth und ihre Krieg«tächtigkeit haben sich vom Ursprünge ihrer Geschichte an glänzend beivähn. Die Kriege Saul» und David'» sind reich an Hcldenthaten. Dir siegreiche, Kämpfe de« kleinen Häuflein» der Makkabäer gegen da« mächtige syrische Reich, der Riesenkampf Judäa'» gegen de, mächtige» Römerstaat, der erst nach dreijährigen, schivere» Kämpfen und dem Aufgebote der ganzen römischen Machi mit der Zerstörung Jerusalem« und de» jüdischen Staate« endete, an dem aber da» weltbeherrschende römische Reich z, Trümmern gegangen tväre, wenn nicht Zwiespalt in de, Reihen der Israeliten entstanden ivärr und Flaviu« Josephu« nicht den Berräther gespielt und die tapferste Provinz de, Römern in die Hände geliefert hätte; dann dir 70 Jahre nach diesem, die Juden fast vernichtenden Ereignissen, statt, gefundene Erhebung derselben unter Bar-Eochba. dir de, römischen Staat in seinen Grundsätzen erzittern machte und nach dreijährigem schiverem Kampfe und unzähligen römische» Niederlagen erst bewältigt werden konnte, al» der römische Kaiser zu diesem Zivrcke den größten Feldherrn seiner Zeit. Juliu» Severus. iu» Britannien hrrbeikommen ließ und a» die Spitze der römischen Kriegsmacht stellte: all' diese Kriege und Siege stehen al» glänzende Zeugnisse bewundrrnswcriher Tapferkeit und KampfeStüchiigkcit fast einzig in der Weltgeschichte da. Außer dem Kampfe der Griechen gegm die Perser bietet die Weltgeschichte kein zweite» Beispiel eine« solchen Hcldenkampse» eine» kleinen Volke» gegen ciii_ iveltbeherrschenden Staat. Freilich, während in den Schule, die Kämpfe der Griechen und der Römer di» ,n die kleinste, Einzelheiten behandelt werde», erfährt die Jugend von diese« Heldenthatrn der Juden wenig oder gar nicht». Und doch hat da» Schriftthum der Juden der Menschheit mehr Belehrung und Erhebung gebracht, al» da» ganze Schrifithu» der Griechen und Römer zusammen. Und wenn der fürchterliche Druck und die ungeheuer» Verfolgungen früherer Jahrhunderte die Juden auch verschüchtert und verzagt gemacht haben, so haben sie doch später überall, wo sie nur frei athmen dürfen, sich gleich tapfer in der Vrrtheidiguiig de» Baterlande« gezeigt und voll de« ungeheucheltesten Patnolismu«. der natürlich am hellsten, mächtigsten und lautesten da ausflammt, wo da» Vaterland sich rhnen auch in jeder H»>s«V al« solche« zeigt und keinen Unterschied zwischen den Kinder» eine» und desselben Lande» macht. Einer Stiefmutter kaa, man niemal« dieselbe volle Liede entgegendringrn, die m» gegm dir wirkliche Mutter empfindet. Doch kehrm wir zu unserer Geschichte zurück! Aal? Beendigung de» Kriege» ließ sich Samuel Birk in Brire»' Hausen nieder und beitrieb dort sein Handwerk mit so gut"" Erfolge, daß er bald zwei Gesellen halten konnte.

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