Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 14 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die beiden Werber waren mit San« Sach« gut bekannt und er hatte ihnen schon oft seine Gedichte vorgelesen; im Augenblicke aber machten Sie ein grimmige« Gesicht. .Herr Benewitz!' sagte der Unterosfijier zornig. .Sie wissen doch wohl, daß diese« Zimmer für un« reservirt ist; wie kSnnen Sie ohne Weitere» eintreten?' .Entschuldigen Sir. Herr Banderam!' antwortete er. .Ich wollte eben hinüber gehen in da« Gastzimmer, um einen kleinen Frühstück«grog zu trinke». da hörte ich hier eine bekannt« Stimme. Ich horchte aus und siehe da. e« war die Stimme meine« Lehrlinge« und lieben Freunde« Iokel Birk! Da konnte ich mich nicht mehr zurückhalten und habe im Eifer der Freundschaft da« Anklopfen vergessen und Llilimie Itmin mit Ungezogende« UitditflcIaKn, uiiflrfdx'iit; Jtcmmf da von mifldflbr tfln Lnuskivind von Norden de,. .Bitte, entschuldigen Sie. meine Herren!“ De» Unteroffizier« Miene milderte sich ei» wenig. Er sann einen Augenblick »ach, dann sagte er: .Sie kennen den Burschen hier'/' .Ob ich ihn kenne!' antwortete Han« Lach«. .Wie mich selbst, ich habe ihn ja in die Geheimnisse der Fuss. bekleid u»g«kunst ringrführt. Er ist mein Lehrling!' Der Unieroffizier winkle ihm und dem in Eivil gekleideten Werber, ihm in da« Nebenzimmer zu folgen. Hier angelangt. machte er die Thüre sorgfältig hinter sich zu und sagte zu Han« Sach«: .Htlren Sie. Herr Benewitz! Sie könnten mir einen Dienst enveisen. Ihr Freund Birk hat sich gestern von un« antverben lassen und da» Handgeld entgkgriigrnomme»; heute aber benimmt er sich ganz ungeberdig und will nicht eintretr». Ich könnte ihn zwar einsperren lassen und ihn so zur Vernunft bringe»; aber e« ist mir immer lieber, wenn er in ruhiger Weise zu seiner Pflicht geführt iverdk» kann. Ich mache nicht gerne Aufsehen. Reden Sie dem Bürschchen zu, daß er sich gutwillig füge. Sie sollen r» nicht unentgeltlich gethan habe», wrnu c« Ihne» geling«!' Die Stirne färbte sich roth vor in ihm aufslcigcndrn Zorne, daß man ihn zum Gehilfen der Menschenkaperci machen wolle. Er hatte eine harte Antwort auf der Zunge, besann sich aber schnell eine« andern. Der Verstandesmrnsch war plötzlich bei ihm ringekehrt. Die poetische Schwärmerei war von ihm gewichen, wie er denn immer in» entscheidenden Augenblicke die Brrstandcssrite seine« Wesen« herau«zukchrcn wußte; die Poesie trat dann auf mehrere Tage zurück in ihm. .Ich will es versucheti.' sagte er; .aber ich müßte den Menschen dabei auf geivissc Familirnvcrhältnissc Hinweisen, die ihm den gethauencn Schritt als minder nachtheilig erscheinen lassen. Da« kann ich aber nur unter vier Augen. Er hat ein zu feine« Ehrgefühl, als daß ich diese Verhältnisse in Gegenwart Anderer berühren dürfte. Ich war über ein Jahr lang an seinem Geburtsorte und bin mit seiner Lage vollständig rertraut.' Er hatte diese« mit Ruhe und Ernst gesagt, al« käme e« so ganz aus seiner innersten Uebcrzeugnng heraus. Der Unteroffizer sah ihm prüfend in'« Gesicht, dann sagte er: .Darf ich Ihnen trauen, Herr Bencivitz'/' .Ich bürge Ihnen dafür, daß ich ihn beruhige,' antwortete dieser. .Meinen Sie, ich verdiene nicht auch gern Geld'/' .Gut dann!' sagte Panderam. Dan» öffnete er die Thüre und winkte Iokel, in'« Nebenzimmer zu kommen während er und sein Eollege dasselbe verließen. Iokel trat in'« Zimmer und fiel seinem Freund« um den Hal«. .Ach, lieber Han« Sach«, wa» soll au« mir lverdrn?' ries er au«. .Meine arme Mutter!' .Ruhig!' sagte Jener und zog ihn neben sich auf einen Stuhl. .Jetzt erzähle mir einmal ganz leise und ruhig, wie Du in die Hände dieser Leute gerathen bist!' Iokel berichtete haarklein, wie e« sich zugetragen hatte. Han« Sach« 'hörte sehr aufmerksam zu. .Hast Du dein Wanderbuch noch oder haben Sie e« Dir schon abgenommen?' fragte er, al« Iokel ge» endigt hatte. .Ich habe e« noch,' antwortete dieser, inde, er e« au« der Tasche zog. Han« Sach« nahm e« ihm ab und steckte e» zu sich. .So. da« wollen wir einmal j, Sicherheit dringen!' sagte er leise, sich noch näher an Iokel heranrückend. .Run höre, wa« ich Dir sage! Verhalte Dich vor allen Dingen ganz ruhig! Du wirst kein Soldat', dafür bürge ich Dir! Da« ganze Verfahren, da« mit Dir siaitgefunden hat. ist ungesetzlich und daher auch ungültig. Da bist preußischer Unterthan und sie haben Dich auf prrutziscbna «Ärbiete gekapert, da« darf nicht sei». Ich iverde da« den Herren gehörig klar machen. Rrhine» sie Rücksicht d>,rauf und geben Dich hier gleich frei, dann gut; thu» sie diese« nicht, dann schreibe ich heute noch an de» preußischen Ob. sandten in Haag, berichte ihm den ganzen Vorgang und sende ihm auch zum Ausweise da« Wanderbuch mii. Da kannst daun getrost und ruhig die Reise nach Amstrrda« mitmachen. Dort wirs« D» in jedem Falle sreigrgcben. Ich folge Dir dorthin, um »öthigensall» die Anaelegenhe» don z» betreiben und Dir zur Seite zu stehen. Jen, ist Winter, da ruht die Schifffahrt zum größte» Theile. Du lh,s« also, wenn dir strenge Kälte noch längrr anhält, in nächster Zeit eine Uedrrsührung nach Indien nicht zu l>esürchlrn. Da, ist'«, wa« ich Dir zu sagen habe. Ru» gehe wieder in', Zimmer und sei guter Dinge! Den Schaden und den Spott von dieser Angelegenheit werden diese Herren zu trage» hal>e».' ,^or„egung Jüdische Silhouette« au» «alizie«.*) Von Naida» Samuel». V Pa» f«»d,rö«r, Atz,»l. Awremelc Klausner halte da» sonderbarstk Ideal der Welt, welchem sei» Lcl>e» und Streben, sei» Hoffe» niid Sehnen, sein D.nke» und lräumr» geividmet war und diese« «var kein anderes al» — im Monate Nissan. dem ersten der jüdischen Monate, zu sterbe». Zu diesem so schöne» Ideale gelangte Red Awreniele erst, nachdem er alle Bitternisse de« Schreckens und der Furcht durchgrkoste«. Er gehörte zu jene», scheue», furchtsamrn, zaghaften Naturen die in rivigem Todrsbangen schweben, in ewiger Furcht und beständigem Entsetzen lind jeden Augenblick irgend eine furchtbare Katastrophe erwarten. Diese Natur war ihm mehr anerzogrn al« angeboren. Er lmtte dieselbe seinen Eltern zu verdanken, deren einzige« Kind er war und die um seine Ruhr', um seine Grsundhkit und um sein Wohlbefinden in ihrer Weise die übertriebenste Sorge trugen: Mit Gespenstermährchcn wiegten sie ihn in den Schlaf — sah er um rtiva« veränderter al» gewöhnlich an», dann liefen sic händeringend umher und weinten und jammertc». ihr einzige« Kind sei im Stcrlien. — geschah es, daß er wirklich an einem kleinen Unwohlsein litt, dann beiveinien sie ihn geradezu, al« wäre er schon eine Beute de« Tode«, sie nähten ihn förmlich in Fcdcrdecken und in Tücher.ein. — Winter« durfte er die vier Wände de« Zimmer« nicht verlaffe», damit er sich gottbehüte nicht erkälte und Sommer«, damit er sich nicht erhitze. — Aber inehr noch al« vor alle» Gefahren behüteten sie ihn vor etwa« Lernen, weil diese« ihm da« Köpfchen anstrengrn und seine Gesundheit zerstören könnte. So wuchs er, eingcnäht in den Federdecke», wie eine Schnecke zu einem Klausner heran und war ein scheuer, ängstlicher, hasenherziger Mensch der vor jedem Hauch er- Ktte und vor jedem Schatten erblaßte, den ihn seine eigcnc ntasie zeigte. Um sich einen Begriff von seiner Bangigkeit und Furchtsamkeit zu machen, muß man manch« Episoden seine« Leben« kennen. Einmal geschah e«, daß er da« ganze HauS in Allar« setzte, indem er mitten in derRacht mit dem wahnfinnigenHilferus au« dem Bette stürzte: .Gewalt! Gewalt! Hilfe! Rettung!" •) Da ander« Zeitungen unser« Silhouetten Nachdrucken, «t* hiermit jeder Nachdruck -u»drückltch untersagt.