Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 14 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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14. ftttüi Jüdisches NI 1884. 11 ßft ffBilrtoiHßfilflgf der „Zsraklitjschtn Wochkvslhrifi". i_ _ ( »Ter goldene Boden" Eine Erzählung von V. Hause. tIonsebung). — Jüdische Silhouetten an» Galizien. Bon Aalhan ütllQU! eonutfli). Ta» sonderbare Ideal. — Ei» jüdischer tüedunkeiilelcr. — Allerlei sür den Jamilienii sch: Paliislina. — v’ ' Pari». — Warschau. — Euriosum. — An« dein spruchschap de» Talmud. Poetisch übersetz! von Max Weinberg. — Inserate. Der goldene Boden. 14 Eine Erzählung von V. Hause. («aätrutf unt-el««!.! tIonsepung.t 14. IS» war schon spät am Morgen, als Jokel rrwachlk. Er i»a«>r Kopfschmerzen. Dir Vorgänge von gestern Abend lagen ihm nur Dunkel und verworren im Gedächtnisse. Es schien ihm, als halw er nur geträumt. Er sann ei» wenig nach. »Aber, r« ist mir doch, als Ijuttc ich gestern Abend (Nld bekommen.- sagte er. Er griff nach seiner aus dem Liulilc vor dem Bette liegenden Weste und lintersuchtc die rasäjen. »Wahrhaftig!- rief er. »Vier Dukaten! Geld im Aoraus! Sonderbar! Das muh eine große Schuhfabrik sein, welche die Arbeiter jetzt sehr nüthig hat. Anders ist cs nicht möglich! Mag's sein, wie es will! Nur gut, daß ich Arle» bekomme! Ach,- unterbrach er sich plötzlich, »ich habe »ergessen zu frage», ob Juden in dem Luc wohnen. <>amit ich dort zu essen haben kan», und ob ich Samstag frei habe!- Er erschrak heftig, sprang schnell aus. kleidete sich an. wusch sich. verrichtctctc das Morgengcbet und eilte dinuntcr in das-Zimmer. Die beiden Herren von gestern befunden sich bereits dort, sowie auch die jungen Leute, welche gestern Abend anwesend waren. Jetzt hatte der Eine der Herren seine» Mantel abgelegt und zeigte sich in seiner Militärunisorm. Jokel sah i» verwundert an. trat, nachdem n die Anwesende» gegrüßt l»atte. auf ihn zu und sagte: »sie entschuldigen ivohl eine Frage, mein Herr! Ich habe gestern Abend vergessen zu sagen, daß ich Jsrarlitc bin. daher auch nur israelitisch-erlaubte Speisen esse und am Samstag nicht, dafür aber am Sonntag, arbeite. Ich möchte Sie daher bitten. mir gütigst zu sagen, ob an dem One und in der Wcrh'lättr, wo ich arbeiten soll, dieses ausführbar ist; denn nur in diesem Falle kann ich die Arbeit annchmen." Alle im Zimmer anivesenden Personen brachen bei dielen Worten Jokcl'S in ein schallendes Gelächter aus. »Sie scheinen arg geträumt zu haben, Kamerad!- antwortete der Angeredetc. .Was faseln Sie denn da von einer Wcrkstättr? Sie sind löniglich holländischer Soldat geworden, angeworben für ein indische» Regiment und werden mit dem nächsten Schiffe nach Java abgrhen. Da girbt'S kein koscheres Essen und wird auch kein Sabbath gefeiert. Davon stcht im militärischen Reglement nicht»'?- Jokel stand wie versteinert und sah dem Sprecher noch starr in's Gesicht, nachdem derselbe schon längs« zu sprechen aufgehürt hatte. Endlich ermannte er sich und sagte: »Sir treiben Scherz, mein Herr! Aber ich bitte, beontrvvrtcn Sic meine Fragen ernstlich!- »Habe ich denn das nicht gethan?" rief Jener. »Greifen Sie doch nnmal in Ihre Tasche, ob sich nicht die vier Dukaten in derselben befinde», die Erc gestern Abend als Handgeld bekommen haben! Da» muß Sic doch genügend auftlärrn! eie erhalten außerdem gute Löhnung nebst Kost und Montur und können bei guter Führung leicht avancircir. Sie können m 15 bi» 2V Jahren schon General sein. Das Avancement licht Jedem offen. Morgen in aller Frühe marschirrn wir von hier ab.- Der Mann sprach da» mit solchem Eifer und Nachdrucke, daß Jokel wohl merkte, daß hier der bitterste Ernst herrsche. Er war so erschrocken, daß er Anfangs keines Wortes fähig war und am ganzen Leibe zitterte. Dann aber bemächtigte sich seiner heftiger Zorn. »Das ist nicht wahr!- rief er. »Ich habe Arbeit bei einem Meister in meinem Handwerke gesucht, aber nicht erklärt, holländischer Soldat zu werden. Es hat mir auch Niemand gesagt, daß das mir gegebene Geld Handgeld für den Eintritt zum Militär sein solle, und wenn man das jetzt behauptet, so ist d<rs ei» Betrug. Hier lsabtn Sic ihr Geld wieder!" Mit diesen Worten warf er die vier Dukaten auf den Tisch. »Das kann Ihnen nichts helfen; belsalten Sic Ihr Geld nur!" sagte der militärisch gekleidete Mann, indem er dicht vor ihn hintrat. »Mäßigen Sie Ihre Ausdrücke, sonst lasse ich Sic cinsperren! Sic stehen nunmehr unter militärischer Diseiplin. Sehen Sic diese Tressen hier'?" fügte er hinzu, indem er auf seine Unterofsiziersauszcichnung hinwics. »Sic halten Ihren Unteroffizier vor sich, das incrkcn Sic sich?" Der Wirth brachte el>en de» Kaffee für Jokel. »Trinken Sie Ihren Kaffee und verhalten Sic sich ruhig!" fuhr der Unteroffizier im beschlenden Tone fort. »Ich will Ihren Kaffee nicht und habe hier nichts zu thun! Machen Sie mir die Rechnung, Herr Wirth, ich will gehen!" Dabei griff er nach seinem Felleisen, um dasselbe an sich zu nehmen. »Halt!" sagte der Unterossizicr. ihn fest nur Kragen fassend, »sic bleiben! Und rvcnn Sic sich nicht ruhig verhalten, so lasse ich Sie augenblicklich in'» Gcsängniß abführen." Jokel fing an bitterlich zu weine». Die übrigen jungen Leute traten zu ihm hin und redeten ihm beschwichtigend zu. Sic sagten ihm, daß cs ja gar nicht» Schlimmes sei, als Soldat nach Indien zu gehen und jedenfalls viel besser, denn als Handwcrksburschc umhcrzulungern. sie gingen ja auch mit u. s. w. Jokel aber achtete nicht darauf. Als er sich ausgeweint hatte, griff er wieder nach seinem Felleisen. »Ich will doch sehen," sagte er, »ob hier kein Recht zu finden ist." Der Unteroffizier sprang wieder auf ihn zu und rief: »Ich sage Ihnen, Sie bleibe»! Ich befehle es Ihnen!" »Ich bleibe nicht!" rief Jokel in größter Aufregung. „Sic haben mir nichts zu befehlen!" »Zum Donnerwetter!" schrie der Unteroffizier vor Zorn kirschbraun im Gesichte werdend und sich feinem in Civil gekleideten College» zuwendcnd: »Rufen Sie mir einmal zwei Polizisten, daß sie de» Kerl abführen!" Dieser ivendetc sich eben der Thüre zli. als diese sich öffnete und — Hans Sachs hcreintra». Nachdem er gegrüßt hatte, blieb er einen Augenblick an der Thür stehen. Jokel hatte ihn nicht gleich bemerkt. Es trat eine plötzliche Stille ein, welche Hans Sach« in geivohntcr Weise durch ein poetische« Citat unterbrach, indem er anh^b: »Blau Glöckchen thut läuten Bim — bim — bim! Wut hat da» zu bedeuten? Ach, da» ist gar zu schlimm!" Jokel blickte auf und sprang mit einem Freudenschrei auf Hans Sachs zu. »Ach. lieber Hans Sachs," rief er, »wie geht e« mir! Helfen S'c mir!" »Ach armer ttnappe, wie dauerst Tu mich! Die bösen Geister umlagcni Dich!" dcklamirte Jener ruhig, Jokel die Hand reichend.