Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 13 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 60 sollrn -Sie hiermit angeworben sein. Wollen Sie'?' »Ja. ich — ich — will!' stammelte Jokel mit schwerer Zunge. «So. gut!' lagte Jener. .Hier haben Sie vier Dukaten -Handgeld!" Bei diesen Worten legte er vier blanke Dukaten vor ihm aus den Tisch. .Hand — Handgeld?' sagte Jokel. indem er den Mann mit gläsernen Augen ansah. Was — was ist das?" .So ist es Brauch Mi uns," antwortete Jener. .Jeder, den wir anwerben, bekommt vier Dukaten Handgeld, damit wird die Sache fest, daß er auch bei uns bleibe." .Hand — Handgeld! O, ich — ich bleibe!" stammelte Jokel wieder und strich die vier Dukaten mit trunkenem Lachen ein. .So den haben wir!' sagte der Militär zu dem Andern gervendet. Die übrigen jungen Leute, die im Zimmer waren, lachten; Jokel aber schlief sitzend ein und liest den Kop« langsam auf den Tisch sinke». Man brachte ihn endlich zu Lette. >vv er alsbald in tiefen Schlaf versank. Jokel ivar in eine sehr bedenkliche Lage gerathen, ohne die mindeste Ahnung davon zu haben. (Sr glaubte für eine Schuhmacherwerkstätte angenommen zu sein, während er ohne sein Wissen und Wollen holländischer Soldat geworden war. (kr >var holländischen Werber» in die Hände gerathen. rvelche den Beruf habe». Soldaten für die ostindische Colonie anzuiverben Er hatte das Handgeld »> Empfang genommen und war dadurch unwiderruflich gebunden. Zwar war er unter falschen Borspiel» igen über die Grenze gelockt worden; zwar hatte man ihm auch nachher keine llaren Mittheilungen gemacht. ihn vielmelie absichtlich i» den Zustand der Trunkenheit verletzt und hatte er in diesem bewußtlosen Zustande das Handgeld angenommen: aber wer sollte n»d wollte ihm das bewahrheiten? Die Regierung billigte ein solches Verfahren allerdings nicht; aber mancher Werber hat sich dessen doch schon schuldig gemacht, um der Belohnung theilhastig zu werde», welche für die Einbringung eines jeden Rekruten ausgezahlt wird. Oft gelang es den» auch einem solchen Werber, den auf solche Weise Angeivorbenen durch Borspielung gläiizenttz:r Aussichten, rvelche sich ihm auf die ostindischen Inseln eröffneten. nachträglich zufrieden zu stelle»; »nd gelang eS > ihm nicht, so war der junge, unerfahrene Mensch doch seinem Schicksal verfallen. Wie manches junge Leben wurde auf diese Weise schon n,ch den fernen Inseln geschleppt und erlag hier dem heißen Klima oder den tückische» Angriffe» uneivilisirter Feinde. Armer Jokel, wie wird es Dir ergehe»! Arme Fra Birk, welche Gefahr bedroht Dein Mutterherz! Wirft Du Deinen lieben Sohn je wieder in Deine Arme schließen? Wird er je wieder einmal in Deine treuen Mutteraugen blicken können? Die trübe Lage, in welche Jokel gerathen ist, läht nach dem gervöhnlichen Gange der Verhältnisse keine bejahende Antwort auf diese Fragen gebe». ifartf. folgt.) Salomo» Sulzer, der Hlef»r»«t«r de» jüd. Ae»»et-ef««-es. Mit detn Mosenthal scheu Worte: Mli dem Olefe« der tünsilerllchrn Lchöiik Band er die alten hciinachtosen Töne leitet die .Leipziger Illustrirtc Zeitung', einen mit dem Bildnisse des penftonirten greisen Wiener Eantors geschmückten Artikel ein. der freilich den Mund ein wenig zu voll nimmt, wenn er Sulzer und Montefiore sich in die danklare Verehrung ihrer Glaubensgenossen gleich theilen lästt. wen» er angievt, daß in den Tempeln von Jerusalem, die herzbewegenden Weisen Sulzer« ertönen. Doch einem .Jubiläum». artikel" darf man ein zu reichlich Maast nicht für ungut nehmen. Enthält er doch ein gut Theil berechtigten Lobe» und allseitig empfundener Anerkennung. Ueber Schir Zion wird Hanslick« Unheil angeführt, da« folgendermaßen lautet: Schir Zion ist nicht eine Compilation oder Bearbeitung älterer Gesänge, sondern durchweg eigene freie Composttion Sulzer«. Rur 'ist 'wenigen Chören, sowie in vielen der reeitativen Einzelgesänge de« CantorS hat der Eompoiin ältere, im jüdischen Gottesdienst zur besonderen Bedeuw^ gelangten Melodien zu Grunde gelegt. Die Gesänge »■), wie e» der Ritus vorschreibt, durchaus voeal, ohne Jnsttimentalbegleitung. und werden vom Cantor tHeils allein, tbetlt gemeinsam mit dein Chor vorgetragen. Letzterer ist ei» qt, schulter Sängerchor von Männern und Knaben. . . . L, Sulzer'schen Compositionen gehören zwar dem modernen und Modulationssystem an. lassen aber ein eigenthümlut orientalisch-jüdische« Gepräge nirgends vermissen; dieser Typ«, markirt sich besonders in dem Vorwiegen de« Reeitativen uni in gewissen rhylm,scheu, harmonischen, vorzüglich aber meto bischen Grundzügen wiederkehrenden Eadenzen und Schlußformeln. — Dah Sulzers Melodien von einein national» lwir meine» .religiösen' R. d. W.l Grundto» beseelt finl, meint auch Liszt: .Ich habe — schrieb er — ein einzig«»! Gelegenheit gehabt, eine Ahnung von dem zu empfinden, iw, eine Mische Kunst werden könnte, ivenn die Israeliten allc Jntensivität des in ihr lebenden Gefühls in Formen ihr» eigenen Geistes lundgebe» " Diese Aeußerunq bezog sich aus Sulzer, de» Liszt in der Synagoge eine seiner Evinpositionn, singen hörte. Selten habe ich — bemerkt Liszt i» sein» blumenreiche» Sprache — eine so überwältigende Erschüttern«- aller Saiten der Gottesverehrung und der menschlichen Ernpfindung erlebt als an diesem Abend, wo beim Schau der de» Plafond gleich Sternen übersäende» Kerzen a« seltsamer Ehor anhob von dumpfen, gutturale» Stimmen, al» wäre jede Brust eine Kerkerzelle, aus deren Tiefe» sie sich emporrangen, um den Gott der Bundeslade in Elend und Gefangenschaft zu lobsingen, ihn im festen Glaul>en anzurufn voll der Geivißheit einstiger Erlösung aus endlos langet Sklaverei, einstigen Entrinnens au» diesem verhaßten Land, einstiger Wiederkehr in ihr Königreich vor den Blicken da entsetzten Rationen mit einem Triumphe voll »nvergleichiicha Pracht. Beim Aussprechen dieser hebe. Worte glaubte ma» dunkle Blume» sich von ihren Stengeln erl-eben und ihn klingenden Kelchblätter in die Latte verstreuen zu sehen; biefe rauhen Töne, schimmernden Diphtonge und knitternde» Endungen durchfchweben den Raum und streifen, wie mit leckenden Feuerzungen, den Raum .... Man glaubt du Psalmen wie die Geister de« Feuer« über sich schweben z« sehen, die dem Fuß des Höchsten als dienende Stufe sich neigen. Dann entrollten majestätische, siegesfrohlockendt Klänge, das Schauspiel der ganzen Kraft deS Gottes Adel'« und Roah's. Jfaae's und Jarob's und es ivar unmöglich nicht mit allen Sympathien die Seele >u den gewaltige» Aufruf diese» Chores einzustimmen, der wie aus nesigat Schulten! die Last so viel tausendjähriger Ueberlieferungai und göttlicher Wohlthate», so vieler Empörungen und Züch tigungen und so unerschütterlicher Hoffnungen trug.' 55 Jahre (von 1826— 1881) hat der „alte" Sulzer. wie ihn die Wiener nennen, als Obercantvr der Wiener israel Cultusgemeinde gewirkt. Er ist der Regenerator des jüdische» Tempelgesanges. Als Meistersänger hat er ein halbe« Iaht hundert lang seine Gemeinde und die musikalischen Kreijr Wien« durch die Pracht seiner Stimme und die Glut und Kunst seines Vortrage» entzückt. Orden und Ehren allet Art ivurden ihm reichlich zu Theil. Die Stadt Wie» verlieh dem berühmten Zionssänger da« Bürgerrecht; seine vn schiedenen Alter«- und Amt»jubiläe>i gestalteten sich zu >” posanten Demonstrationen. und al» er nach 55 jähriger Thätigleit tn den Ruhestand trat, votirte ihm die Cultusgemeinde auf Lebenszeit ein hohe« Ehrengehalt. Alter von alle« Auszeichnungen, die der berühmte Cantor besitzt, dünli «hm keine kostbarer, als der sillterne Lorbeerkranz mit der Inschrift- „Dem Künstler Sulzer von den Künstlern Wien». 1866" — Am 80. März d. I vollendet der Sängerpatriarch sei« 80. Lebensjahr. Mit innigen Herzenswünschen gedenke» dankend seiner BerMenste um die Veredlung de» Syna> gogengesange« zahlreiche Cantoren und Gemeinden auf dem Erdenntnde.