Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 12 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 2)
- Language
- German
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wohin er seine Richtung nehme und erklärten desselben Weg» zu gehen. Ihre Gesellschaft war Jokel sehr unangenehm. Eie warsen im Gehen oft begehrliche Blicke auf dawohl» Sefüllte Felleisen Jokel'-. wa» diesem nicht entging. Er eschloß daher, sich unter allm Umständen von ihnen los zu machen, und dieses um so mehr, al« er wußte, daß die Straße durch einen, Wald führe. Nicht weit vor dem Walde mußten sie ein DirthsbauS passiren. Hier kehrte Jokel ein, unter dem Vorhaben. daß er zu müde sei, um weiter gehen zu können. Sie folgten ihm in dasselbe und suchten ihn zu bereden, mit ihnen zu gelten, indem sie ihm versprachen, langsam gelte» zu wollen. Da sie sahen, daß ihr Bemühen fruchtlos blieb, zogen sie schimpfend iveiter Jokel wußte, daß in einigen Stunden die Fahrpost in derselben Richtung vorbei müsse und wartete diese ab. Jin Falle dieselbe besetzt sei. wollte er lieber in dem WirthShanse übernachten, als sich der (Gefahr aussetzen. im Walde au-geraubt zu iverden. Die Post kam und war glücklicherweise nicht vollständig besetzt, so daß er mit dieser zur nächsten Stadt gelangte, wo er die Nacht blieb. Als er am andern Morgen gegen zehn llbr von dem Besuche der Meister in sein Quartier zurückging, wurden seine beiden gestrigen Begleiter von GenSd'armen geschlossen vorbeigesühtt. Sie hatten in einem Dorfe ül'ernachtet und daselbst bei dem Wirthe. der zugleich Krämer war, in der Nacht einen Einbruch in den Laden gemacht. Sie waren i» dem Augenblick ertappt worden, al» sie gerade mit Ausleerung der Kasse beschäftigt waren. Jokel sah jetzt ein. daß er gestern durch seine kluge Borsicht einer große» Gefahr entgangen war. Die Strolche hatten sicher die Absicht gehabt, im Walde über ihn herzu fallen und ihn zu berauben oder wohl gar zu ermorden. Er mußte drei Wochen umherwandern, ehe er' wieder Arbeit bekam, und zwar fand er diesesmal einen sehr tüchtigen Meister in der Stadt Hannover. Da da» Zehren an» eigenen Mitteln seine Geldkasse bald erschöpft haben würde, so ivar er genüthigt. sich hier um Freitische in jüdischen Familien umzusehe». welche zu erhalte» ihm auch in dieser wohllmbv>den und wvhlthätigen (Gemeinde nicht schwer wurde. Er blieb sieben Monate in dieser Stellung. Gegen Weihnachten Hane sich die Arbeit bei seinem Meister >v gehäuft, daß dieser sie kaum bewältigen konnte. Er verlangte daher von Jokel, während dieser Zeit auch am Samstage zu arbeiten. Obgleich Jokel ihm vorstellte, daß er ja zum Ersätze dafür stets de» ganzen Sonntag über in der Werkstätte gearbeitet und nie einen „blauen Montag" gemacht l-abe. so beharrte er doch bei seiner Forderung, und da Jokel auch bei seiner Weigerung lvharrte, wurde der Meister ivuchtig, nannte ihn einen dummen Judenjungen und wie» ihn an» der Werkstatt. Jokel that dieses sehr leid, da die Strenge, mit der der Winter eingetreten war. jetzt da» Umherwandern doppelt unangenehm machte. Er versuchte daher, bei irgend einem anderen Meister Annahme zu finden: da aber alle da» Arbeite» am Samstage zur Bedingung machten, so blieb ihm nicht« andere» übrig, als bei zwanzig Grad Kälte de» Wanderstab wieder zu ergreifen und Hannover zu verlassen. (Forts, folgt.) Las Saragossa-Purim in Jerusalem. In Jerusalem leben etrva zwanzig jüdische Familien, die einer in ihrer Mitte bestehenden Ueberlieserung nach von ehemaligen jüdischen Einwohnern der Stadt Saragossa herstammen, welche im Jahre 1492 nach der Vertreibung der Juden aus Spanien in der heiligen Stadt sich angejiedelt haben. Daß in diesem kleinen Kreise von Nachkommen derselben das Bewußtsein ihrer gleichen Herkunft Jahrhunderte hindurch sich erhalten hat und auch heutzutage noch einigermaßen gepflegt wird, hat seinen Grund in einem alten religiösen Brauche, der in der jüdischen Gemeinde in Saragossa eingeführt und mit einer geschichtlichen Erinnerung verknüpft war, die sich auf ein Ereignis bezog, welchefür dieselbe ein besoi:dere4 Interesse hatte, nämlich in der Feier deim 14. Jahrhunderte entstandenen Saragossa-Purim. Die (ft,, setzung localer Gedenktage. die durch freudige oder traun*1 Begebenheiten veranlaßt wurden, war bekanntlich in frühen, Zeiten nicht» Seltene-, nur sind dieselben, da sie zinnai, nur in einer einzelnen Gemeinde oder Provinz begang» wurden, nicht immer so allgemein bekannt geworden. Zu,-, hat in seinem Werke .die Ritus de« synagogalen (Motte* diensteS" einen fast vollständigen Kalender localer Fast unt Festtage enttvorfe», zu welchem z. B. fünf blo» aus die jüd Elemeinde in Frankfurt a. M. entfallen. Auch in Saragoss, würbe alljährlich eine solche Feier gehalten, die sich aus -,wn Tage vertheilte, von denen der erste der mit Fasten ueri'un denen Bußübung gewidmet war. währenddem der folgende al» ein Freudcntag begangen wurde. Es ist die» schon au» dem einem Grunde, daß au» den Ländern der phreuäische, Halbinsel sonst kein zweite« Beispiel der Einsetzung.rum localen Freuden- oder Iranerfeier bekannt ist. besonders „ beachten, der .Saragossa Purim". welcher von den in oeru salem wohnenden Nachkommen der au» der Hauptstadt Ara gonien» stammenden spanischen Exulanten noch heutzutage in herkömmlicher W-ise begangen wird, gehört aber auch '« de» wenigen jährlichen Gedenktagen dieser Att. über bert» Entstehung und Veranlassung in aussührlicher Weise Nach richt gegeben wird. Mit der Feier desselben ist nämlich der Vor trag einer Feitgeschichte verbunden, in welcher der Hergang der Ereignisse, zu deren Andenken er eingesetzt ist. in klaren Worten und in vvlksthümlicher Weise dargestellt wird. lit Urkunde, die diesellv enthält. ist in neuerer Zeit vollständig veröffentlicht worden, nachdem bereit» in einer älteren Vcschreibung der palästinische» Grabstätte» ein Auszug aus derselben gegeben tvurde. der weder den richtigen Sachver halt angiebt, noch die Quelle erkennen läßt, der die Er-,adlung entnommen ist. Es wird nämlich in der auf Pergament geschriebenen Urkunde, aus der die tx-treffende Feflvor lesung stattsindet. Folgendes berichtet. In der jüd. Weinernte in Saragossa, die fünftausend Familien zählte und zwölf große Shnagogen hatte, war es vorschriftsmäßige Sitte, daß wen» der König turnt) das Jndenviertel kam. ihm an der Spitze einer großen Procession die zwölf Rabbinen und vier undzivanzig Rabbinalsadjuncte» entgegenzogen. jeder eint Ihorarvlle. die sich in einem Gehäuse lx-sand und mit leitbarem Zierrath lx hangen war, in der Hand haltend. Ein mal kamen die Vertreter der Gemeinde, die cfür nngc zinnend hielten, daß stets bei solcher Elelegenheit die heilige« Schriftrolle» aus die Straße hinaus,)etragen werden, auf de» Gedanken, bei dieser Parade immer nur die mit allen Schnnxk gegenstände» dersellx-n bekleideten (Gehäuse zur Schau zu Helle». Das geschah nun so eine Reihe von Jahren hindurch, ohne daß es irgendtvie bemerkt wurde. Da traf es sich aber, daß im Jahre 1128. dem zwölften Regierungsjahre des König Alphon» V.. ei» Angehöriger der (Gemeinde. dem dies nid« unbekannt war, zum Ehristenthniiie übertrat und unter dem neu angenommenen N«men Markus zu einer hohen Ehren stellung am Hose qel ngte. Al» Alphon» einst von einem Rundgange durch die Residenzstadt, der ihn auch in den von den Juden beivohnren Stadttheil geführt hatte, zurückgelehn tvar uird von der ehrenvollen Ovation erzählte, die ihm heute wiederum von den Juden bereitet worbe, erhob sich Mark»», der sich in der Umgebung de» König» liesand und dieses Lob der Juden mitangehört hatte, und erklärte demselt-en. daß die Juden nicht im Entfentteste» daran denken, ihm mit ihren heiligen Ihorarollen zu huldigen; der ganze Auf zug sei eitel Schein und es seien nicht» inchr als anjgeputzlc Gehäuse von Thorarollen. die man ihm vor Augen stelle. Alphon» wurde über diese» Trugspiel, da» die Juden mit ihm getrieben haben solle», sehr aufgebracht und beschloß wenn Markus Anklage sich als richtig Herausstellen sollte, an denselben blutige Rache zu nehmen. Schon de» anderen Tage» ivollte er. ohne es die Juden ftüher wisien zu lassen, in ihrem Quartier erscheine» und, wenn sie nun wieder in dem gewohnten Auszuge vor ihm erscheinen, deu Befehl gebe«.