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Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 11 (1884) · p. Seite 42

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
11 (1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 42 (sequence 2)
Language
German
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— 42 — „Böse Gesellschaften verderben gute Sitten", und als einst ein junger Mensch einen Weisen ftagte, was er von ihm halte, antwortete dieser: „Sage mir. mit wem Du umgeh'st, so will ich Dir sagen, wer Du bist". Darum beim wir auch in unserem täglichen Gebete, Gott möge uns hüten .Mechowcr ro" d. h. „vor bösem Gesellschafter!" Jokel blieb, wie gesagt, ein ganzes Jahr in diesem Städtchen. Er verlebte glückliche Tag» in demselben und Knn an Selbstachtung und Sclbstbewußtsrin. Liebe und hschätzung wurden ibm von allen Seiten entgegrn-?gebracht, und er wußte sich dieselben nicht blos zu erhalten, andern sein Betragen steigerte diese immer mehr. Auch sein Meister war mit seinen Leistungen stets zufrieden und er machte an Geschicklichkeit im Handwerke bedeutende Fortschritte. Mit seinen Mitgcsellcn stand er in gutem Vernehme». obgleich er sich ihnen gesellschaftlich nur selten anschloß. Seine Art und Weise zu verkehren, war von der ihrigen zu sehr verschieden, als daß ihr Umgang ihn hätte befriedigen können. Wenn zuweilen Mißstimmung über seine Zurückhaltung Platz greifen wollte, so wußte er durch Nachgiebigkeit. Freundlichkeit und kleine Gefälligkeiten dieses schnell ivicder auszuglcichen. E» waren drinnach alle Bedingungen vorhanden, welche ihn für lange Tauer an diesen Ort hätte fesseln können, wenn nicht da« der Jugend innewohnende. sehr natürliche und berechtigte Streben nach Erweiterung de» Gesichtskreise« und sein Verlangen nach noch größerer Vervollkommnung im Handwerke den Wunsch in ihm hcrvorgerufen hätten, den Wänderslab wieder zu ergreifen. Bis jetzt hatte er, im Gedanken an die Ennahnnngcn seiner Mutter, es noch nicht gewagt, diese» (Gefühlen Rechnung zu tragen. Da machte eines Tage« Oppenl)eim ihm de» Vorschlag, das Handwerk aufzugcben und als «Gehilfe in sein Ledergcschäft einzutreten. Er malte ihm die Vortheile dieses Anerbietens mit sehr glänzenden Farben au» und bot ihm ein recht ansehnliches (Erhalt nebst freier Station. Jokel lehnte diese« Anerbieten dankend ab. Er begründete diese Ablehnung sowohl mit der Rücksicht auf de» Wunsch seines verstorbAic» Vaters, als auch damit, daß er es nicht für ehrenhaft halte, ein einmal erlerntes Handtvcrk ohne zwingende Gründe aufzugcben. Tiefes sähe nicht blos der Arlvitsscheu ähnlich, sondern habe auch wirklich oft in dieser seinen Grund. Er wolle sich einer solche» nicht schuldig mache». Der Mensch sei zur Arbeit bestimmt. Wer sich dieser cntiehe, handle der menschlichen Bestimmung entgegen und ündige gegen sich selbst und gegen die menschliche Gesellschaft. <ftortff>ung feint.) „Haman und Bileam." so lautete das Thema, über welches Herr Prof. Steinthsl am 23. v. M. int Saale der Gcsrllfchast der Freunde gesprochen hat.*) Sein ganzer Vortrag gestaltete sich zu einer liegenüberslelluilg dieser beiden, als Feinde des jüdischen Stammes geschilderten Personen. Haman und Bileam sind beide genial gezeichnet, sind aber verschieden in ihrer ganzen Erscheinung, in ihrem Auftreten und in ihrer Gesinnung. Bei beiden wird allerdings die Historik nicht stark berücksichtigt, allein die poetische Wahrheit und der ästhetische Staitdpunkt sind zugleich sittlich und religiös. Daß jedoch zwischen beiden eine so große Kluft liegt, das ist eine Folge de» Umstande«, daß ztvei ganz verschiedene Männer sie dargrsl-llt und ihren Schöpfungen ihren eigenen Geist eingehaucht haben. Redner wendet sich zuerst zu dem Buche Esther. Der Verfasser muß circa .'100 Jahre später gelebt haben, als die Personen, welche er auftrete» läßt; darauf weist mit ziem- *1 Da« Thema seine« Vorträge» war ursprünglich unter dem Titel „Haman, vilcant und der Israelitische Aabi" anaektlndigt, allein der Herr Vortragende enischuldinte sich, daß er den «heil vorläufig weglafsen mllffe und versprach die Autxinandersepung Uber da» Wesen und Wirten de« israelitischen Radi (Propheten) später einmal zu geben. sicher Sicherhett seine Unkenntniß der persisch«, Zustände; Zeiten de« LrrxeS hin und die Art und Weise, wie er Do diesem Könige, als einem schon lange den Augen entrücke zu sprechen pflegt. Seine Anschauung ist sehr naiv und a seiner Erzählung ist der Märchenton sehr hervvrtretend. : sieht er den König nicht ander» vor sich al« aus dem Thr^ sitzend, das Scepler in der Hand, die Krone auf dem Hnnp^ ein gewöhnlicher asiatischer Despot. So wenig nun im Buche Esther von Komposition und künstlerischem Aufbau die Rede sein kann, indem Begeben heue, wie sic sich zugetragcn, mitgrrheilt werden, so beivcist da Verfasser iintnerhin ein ganz vorzügliche« Erzählertalm Der heitere Eingang bildet einen gefälligen Kontrast zu t« düster» Mitte, dir Lust wandelt sich in Trauer (Basti) uri nach hin und her schwankenden Ereignissen und Zustände, tritt da« Umgekehrte ein: die Verzweiflung schwindet m>, macht dem Jubel Platz. Diese Kontraste und die packendc- Scenen überhaupt sind uirget-d durch Weitschtveisjgleit u Ausdruck irgendwie abgefchwächt, sondern der Erzähler de fleißigt sich der möglichste» Kürze und Prägnanz überall, m solche erforderlich und von Wirkung sind. Zuletzt findet, nm die Tendenz. dem Piirimfestr, welche« lange Zeit hindurch nur von den östlich wohitenden Juden gefeiert wurde, auch nach Welten hm Eingang zu verschaffen. Was die Motivirung der Eharaktrre attbetriffl. so rit dieselbe frei von allen pshchologischcn Momenten und äußern naiv, doch liegt in der Darstellung der Thatsacheu selbst cmr scharfe Zeichnung der einzelnen Eharaktcrc, ivelche uns üdn nicht» im Unklaren läßt. Ahasverus ist offenbar na schwacher, den Einbläserrien seiner Höflinge sehr zugänglicher und aufbrausender Mensch. Haman ist. vom Glücke be günstigt. äußerst eitel und in Betreff der Ehrenbezeugung«,, ivelche ihm zukommen, sehr empfindlich, wenn sie irgendwo vernachlässigt werde». Seine Eitelkeit und EmpfiudUchlm über da» Verfahren Mordechai'« führt ihn zur Grausamlär. und er hat die elastische Form aller Judenl>etzen begründ» in seiner Anklage: Es giebt ein Volk u. f. w. (Esther e. 3. Esther ist nicht näher beschrieben, aber r» heißt tun ihr: sic fand Gunst in den Auge» aller, welche sic sahen. Sic ist cttva« schüchtern und furchtsam, was wir daraus er sehen. daß sic erst bei der dritten Zusainmenkunft mit den Könige es wagt, ihm alles zu entdecken Aber sie ist nicht» destotveniger klug, fromm und treu ihrem jüdischen Volle ergeben. Mordechai. der liebevolle Pflegevater der Esther, m welchem Eharaktcr mir die Person de« Verfassers wohl feldit zu suchett habrn.ttimmt plötzlichdirschlimmstrn Eigenschaften seine» Gegner» Haman an ('?), in der Ehrenbezeugung, die ihm;« Thkil wird, dir kleinliche Eitelkeit und nach dem rsachsilM seiner Macht, die Rolle des tödtenden Feindes. Tiefer Um stand gehört zu den Schwäctse» des Verfassers, weit mobt aber noch die Eigemhümlichkeit, welche uns sehr peinlich de rührt, daß der Goltcsname in dem ganzen Buche nicht i» finden ist; der Verfasser des B.'S Esther zeigt hier offenbar, daß er nicht im Stande gcivesen wäre, auch nureinrn Psalm pl dichten. Bei der Nachricht von dem Mvrdplanc Hama»» richtet Mordeckiai keinen Blick nach oben, sondern sucht »m menschliche Hilfe; vor dem Kainpfe fleht er nicht zu Mt um den Sieg und nach dem Siege spricht er kein Tankgebel. Da» religiös jüdische und innerliche Moment ist völlig vernachlässigt und darum hritzt cS auch im Talmud von de« Buche Esther, e« sei nicht im heiligen Geist geschrieben- Trotzdem aber gewann da« Buch Esther lediglich seines beruhigenden und tröstenden Grundgedankens wegrti viel Liede bei den Juden. Gar oft fanden dir Worte: „Denn wir sind verkauft zur Ermordung" zu Zeiten, in welchen da» Schwert Haman« über ihrem Haupte.drohte, schmerzliche» Wiederhall in ihrem Herzen, gar oft stickten jüdische Männer, welche zu hohen Ehren gelangt waren. eingedenk de« hochherzigen Ausspruchs: "nun 1211t .12211 ,c. dir gedruckt» Lage ihrer Stammesgenossen zu heb«, und riefen sich, wen"

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