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Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 10 (1884) · p. Seite 38

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
10 (1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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88 ihn so lieb und so warm in da» Hertz hinein redete. Und er erschrak ordentlich, wenn er dann ansblickte und inne wurde, datz er ganz allein war und seine Einbildungskraft ihn getäuscht hatte. Er weinte Thränen der Freude und der Rührung bei dem Gedanken, datz die Hand keiner geliebtm Mutter diese Zeilen geschrieben habe. Er küfttc jede Seite de« Briefe« und dann die Unterschrift seiner Mutter »»< zähligemal, so innig und inbrünstig, al« ob er seine Mutter selbst küsse: .Ja. liebe Mutter!" sagte er. den Brief endlich sorgsam zusammenlkgend und einwickrlnd, .ich werde immer Dn» lieber, guter, braver Sohn bleiben! Ich werde Deine Hoffnungen nicht täuschen, so Gott mir da» Leben läßt! Deine Worte sind eingegraben in mein Herz und die Ilersührunaen der Welt solle» mir nicht« mehr anhaben. Ich werde reiner »nid de« lielv» Vater« würdig bleiben! Er schlos» eine inbrünstige Bitte für seine Mutter in sei» Nachtgebet ei» und legte sich dann auf sein Vager, wo der Schlaf sich bald aus seine Augenlider senkte. Im Schlafe umgaukeltr» ihn Iräume, die alle in der Welt spielten, i» welcher sein Wen» sich so oft bewegte und der er heute fast auSschlirtzlich angehürt hatte, nämlich der Welt, welche von de» vier Wänden de« Eltcnihause« umschlossen ist. Der »iminrrschlafende u»o »immerruhende Weif» »vrbt ja. während sein (Gefährte, der Körper, von de« Schlafe« Banden unisangen ist. die Traumbilder in der Regel au« dem (Yedankenstoff. an welchem er auch im Wachezustande de« Körper« arbeitet. Am Morgen, kurz vor dem Erwachen Jokrl'S gestalteten sich diese Traume zu einem Bilde, welche« so unmittelbar a» die durch sein Einschlafen abgebrochene Gedankenkctte anschlotz, al« wäre r« dazu bestimmt gewesen, sein Einschlafen und sein Wiedrrerwachen miteinander in Verbindung zu bringeii. (itettftfung folgt.) Jüdische Silhouette« aus Galizien. Bon Aaihan Lamuetq. ' * ' Meiert der Ktzewremacher. (Lchiuh). Er lieh mir keinen Augenblick Zeit, aus alle virse Fragen j nur eine einzige Antwort zu erstatten, sondern fuhr unablässig fort, während seine beiden Hände von meinen Schultern einen kleinen Seitensprung zu meinem Barte hinübermachten. ' .an den sic umdarmhcrzig hrrumzupften. .Also Freundchen" 1 sprudelte re weiter .von Entkommen kann keine Rede mehr j sei», und zwar müssen Sie sogleich mit mir gehen Rur einen kleinen Augenblick »verde ich Sie um Geduld bitten, ich I mutz nur »och hier ein Geschäft abschlietzen!" Ein Geschäft war re wahrlich nicht, datz er in dicsem! Augenblick abgeschlossen, e« mutzten deren wenigsten« zwanzig gewesen sein. Diesem gab er. jenem nahm er Geld, diesem projektirtr er einen Kauf, mit Jenen beglich er alte Diffcrenzen und inzwischen ritz er don Einen rücklings beim Ohrläppchen und itand zugleich, da« Rotizbüchlein in der einen Hand und mit der ziveiten. in welcher er einen Bleistift hielt, in dasselbe eifrig schreibend, sodatz der arme Gezupfte vergeblich den Angreifer überall herumsuchte, während er undesongrn in seiner unmittelbaren Nähe stand — und bei allen diesen verschiedenen Beschäftigungen, verlor er mich keinen Augenblick au« dem Auge. .Jetzt Freundchen, gehen wir" sagte er mir bald drauf und schob gleichzeitig seinen Arm in den meinen, mit welchem er mich kräftig nach sich fortzog. Auf dem Wege glaubte ich schier den Athem zu verlieren. so sehr qaloppirte er mir mir durch die verschiedenen Gassen und Gätzchen und schon standen wir in einer Vorstadt vor seinem Hause. »Mein eigene« Hau«" sagte er. .da« habe ich mir ehrlich erarbeitet!" E« war in der That ein sehr schöne«, stattliche« Gebäude. »Ich »ohne ü« zweiten Stocke" sagte er. während wir die Treppen hinauf gingen. »Ich hätte mir zwar in dem ersten die Wohnung nehmen kännrn, aber ich liebe e« immer einen Stock Häher zu steigen. Bewegung chut wohl!" In dem nach neuesten Stil prachtvoll meublinen Em. pfana«zimmrr. da« un« aufnahm, fanden wir seine Frau, ein frische«, dralle« Weibchen, mit rundlichen, rosigen Wangen und schönen, tiefblauen Augen, mit der Handbürste rasch im Saale herumfliegen und von den Möbelstücken den Staub absäubern ... .Orelchen" sagte er ihr. al« wir in'« Zimmer traten, indem er sie in seine Anne schlotz und ihr die frischen, kirschenrothen Lippen kützte, »Du wirst Dich hoffentlich freuen, einen meiner Bekannten und HeimathSaenvssen kennen zu lernm — Mein Weibchen . . . Herr S." stellte er un» gegenseitig vor ... . Unbefangen und ohne alle Ziererei reichte sie mir ihr kleine« lilirniveitzc« Händcheu und hieb mich mit einem reizenden. herzgewinnenden Lächeln .Willkommen!" Ich fühlte mich in dieser lieblichen Umgebung fast wie zu der Familie gehörend und bald faßen wir traut beim Tische, wo da« liebliche runde Weibchen auf reichem Silbergeschirr mit verschiedene» Erfrischunge» aufwartete. Nicht langr dauerte r« und wir waren mitten in dem traulichsten Gespräche. Maierl wurde nicht müde von den verschiedenen Wandlungen feine« Leben» zu erzählen. Wie er nach seiner Hochzeit in einem unglücklichen Geschäft sein ganze« Vermöge», bi« ans den letzten Pfennig verloren hatte und wie ihm fei» Orelchen. da» klügste Frauchen der äklt. dazu ermuthigt hatte, nach Wien überzusiedel». weil für seinen regen Geist Galizien nicht der rechte Boden sei, wie er ihren Rath befolgt, nach Wien gekommen und hier Gottes Segen gefunden. In allem, was er mir damal« erzählte, spielte fein Orelchen die Hauptrolle, so datz diese sich bewogen fühlte, ihm mit neckisch lachendem Tone zuzurufen: Hör doch aus Max. Dein Freund könnte noch glauben, Du seift wirklich so närrisch, wie Du Dich giebs»!" .Rein" ivehrte er ab. .ich mutz Dir in'« Gesicht sagen. Du dis« ein Herz, Du bist ein Prachtweibchen — ohne Dich wa« wäre ich jetzt'? Ein Armer, ein Verlorener, ein — Vereinsmacher in Galizien!" .Hatien Sir die Vereine ganz fahren lassen?" mischte ich mich jetzt >»'« Gespräch, dir gute Gelegenheit benutzend, ihn über seine einstige Leidenschaft anszuzirhen. .Haben Sic hier nicht auch schon einen Verein gegründet? .Jawohl!" erwiderte er ernst, .aber, wie gesagt, nur einen einzigen, dieser jedoch blüht und gedeihet hier, nicht wie jene andercn, dir ich in Galizien gegründet!" .Also einen doch!" sagte ich, ohne ein Lächeln unterdrücken zu können. .Und wa» für einen!" betonte er würdevoll, „ich kann Ihnen sogar die Mitglieder vorslrllcn" — fügte er mit eine» versländnihvollc» Seitenblick zu seiner Frau hinzu. Diese entfernte sich au« dem Zimmer, und ehe noch etwa zcha Minuten vorüber waren, ließen sich vor der Thüre Trommelschlüge, Trompetenschall. ein Trampeln und Lärmen vernehmen. als würde ein kleiner Transport Soldaten herannaheii — und schon marschinen sie hinein, die kleinen Mitglieder, einer um einen Kopf kleiner al« der zioeitc, alle mit lihrr« Rüstzeug versehen — voran ein kleiner, etwa achtjähriger Trommelschläger, dann ein siebenjährige« Dämchen mit einer Kinderharmonika. dann ein kleiner Mar«, da» Gewehr geschultert, und umgüNN mit einem Schleppdegen, dann di dreijährige« lustige« Bürschchen mit Stulpenstiefelchen un» einer Reitpeitsche und endlich ein zweijährige« Dämchen mil einer Porzellanpuppe in Händen. Alle schmuck, blüheud und putzig herau«stafsirt rückten sie einer hinter dem andern « Reihe und Glied an un« heran. Ich zählte bereit« fünf kleine Mitglieder, doch noch immer war die Zahl nicht erschöpft, denn nach ihnen folgte der Rachttab — eine wohl-

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