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Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 9 (1884) · p. Seite 35

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
9 (1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 35 (sequence 3)
Language
German
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— 85 — «f dm Grund und so vermochte er trotz seiner Jugend sich «hi dem blinden Dogmenglaube hinzugeben. Zunächst führte hn der Zwiespalt zwischen Vernunft und Glauben zu einer Kiitn Laufbahn. Mehr al« die Bibel, in welcher er eine» ft wcrthvollsten Littemtur» und Geschichtswerkc de« Alterhum» sah, zog ihn allmählich die moderne Littcratur an. -ald nach seiner Ankunft in Berlin wagte er die erstm christstrllrrischen Versuche unter dem Pseudonym Rcbenstrin. K Hai e» oft selbst mit liebenswürdigem Humor er- ■blt. wie er seinen ersten Essay über .Da» junge Deutschland" giUibdlb AllLis anzubieten wagte, wie er dann klopsrndm ^rzenS in seinem Dachkämmcrchcn einen Brief de« berühmten lomanschriflstellrr« und Verleger« erwartete, wie er , Himmel» ochjauchzend" da« erste Honorar empfing und seinen Artikel r .Freimüthigen" la« und wie stolz und erhoben er sich idlte. al« ihn Willibald Alrxi« in den «reis seiner berühmte» kollegcn al» jungen Schriftsteller einführtc. Ln jenen Tage» erfaßte ihn schwärmerische Begeisterung fci Poesie. Er veröffentlichte außer jenem Essay über »Das >»»gc Deutschland" weitere .Litterarischc Studien", dann eine rottresslichr Urbertragung und Bearbeitung de« „Hohen SM*»" und schrieb Kunstrrferate für dir Spenrr'sche und «adere Tageszeitungen. In die vormärzlichc Zeit fallen auch mnc novellistischen Produkte. Wahre Perlen der Littcratur ü»& beide Robcllen aus dem jüdische» Volksleben .Mendel 8>dbor" und .Vögele der Maggid". Bernstein hat damit a» ganz neues Genre hcrvorgerufen. und rirle namhafte Novellisten. wie Xvmpcrt und Marl Emil Franzos, sind ihm at dies Gebiet gefolgt. Diese beiden Novellen. welche sich , Bezug auf seine Beobachtung und köstlichen Humor den dnm Arbeiten de« Boz-Dicken« zur Seite stellen lassen. Enden zurrst für Wcril-eim's Berliner Kalender geschrieben O erst nach 15 Jahren in Buchform herau-gegeben. E« ist al» rin Kuriosum erwahnenswcrth, daß Bernstein, ln verdienstvolle Versager der naturwissenschaftlichen Volks» tichci. vor seinem zivaiizigsten Lebensjahr keinen Globus ge» jede» hatte. Trotzdem er im Anfang seiner schriftstellerischen rausbahn stand und sich für des Lebens Unterhalt tüchtig »logen mußte, fühlte er sich Ende der dreißiger Jahre mächtig «geregt durch die gewaltige» Fortschritte aus dem »aiur- «sjeiijchastlichcn Gebiete und gab sich mit glül)endem Elfer da» Studium der Physik und Ehemie, der Mechanik und klmonomie hin. Die erste Frucht dieser Studien war die >dt>andlu»g über die »Rotation der Plansten", eine Arbeit, mlchc die Aufmerksamkeit aller Fachmänner erregte und zu aucr Bekanntschaft und dauernden Verbindung mit Besscl siillNk. Wie die Astronoms» Mädler, BruhnS, Nclvconib »»d Itlinkerfucß oder die größeren Förderer des Maschinen» da»». Rcdtenbacher und Stephenso», hatte sich Bernstein erst ivat dem »atunvissenschaftlichcn Gebiete zugnvandt, und wie W besaß er die Gabe, das Resultat wissenschaftlicher Forchvngen populär zu machen. Er besaß die Gabe, das Licht da Wissenschaft in die VolkSklasscn hineinzutrage», denen er mstommtc, in mindesten« ebenso hohem Grade, wie jene der »dmgknannte» Berühmtheiten. Seine Darstellung war so «r und anschaulich, daß Jedermann au» dem Volke die dhwierigsten Probleme begreifen konnte. Bernstein'« .Natur» »ssnischoftliche Volksbücher" habe» die großen Masse» mit d"> neue» naturphilosophischcn Ideen mit den Entdeckungen >»b Erfindungen bekannt gemacht, halben die Vcrdmste v»rrrr Entdecker und Erfinder gewürdigt und auf neue »»kgaben und Unternehmungen hingewiesen. Mit Vorliebe dmieste sich Bernstein in die Kulrursortschritte seiner Zeit W> die Erkmntnisse der Errungenschaften unserer freien Mlchung stimmten ihn dankbar und hofsnungsfreudig. Mit wiaunlichrm Scharffinn und großer Beredtsamkrit wie« er >eden Kultursortschritt hin. Er war ein Popular-Philosoph " brr allerbesten Bedeutung de« Wort». Er hat sich aber durch praktische Arbeiten an dieser Vorwärtsbewegung brvülgl. B. war einer der ersten, welche in der Telegraphie w Problem lösten, auf ein und demselben Draht mehrere Depeschen zu befördern, er hat einen selbstthätigen Barriören- Verschluß für Eisenbahnübergänge erfunden, er hat stet« da« System der unterirdischen Telegraphen befürwortet, kurz, sich aus den verschiedensten Gebieten durch seine reiche Erfindungen und Verbesserungen hervorgethan. Im Jahre 1845 regte die freie religiöse Bewegung Bernstein an, eine jüdische Reformgemeinde zu gründen. In jener Zeit wandte er sich wieder der Bibel» und Talmudkritik zu und später erschien von ihck die kritische Schrift über die Erzväter Abraham. Isaak und Jacob. Die jüdische Reformgemcinde kam unter Bernstein'« Leitung zu Staude und er legte die Principien, von denen dieselbe geleitet wurde, in einer besonderen Schrift nieder. Die große revolutionäre Bewegung de« I ihres Achtundvierzig zog auch ihn in seine Wirbel und er nahm nach den genraltige» Stürme» der Revolution den innigsten Antheil an unserm politischen Lebe». Im Jahre 1849 gründete er dir ..Urwähler-Zeitung", welche bald in Berlin eine große Verbreitung gewann und im Jahre 1853 polizeilich unterdrückt wurde, nachdem Bernstein zivei Jahr zuvor schon eine längere Haft erlitten hatte. Gemeinsam nur Franz Duncker und vr. Veit ries er dann die .Volks-Zeitung" ins Leben. Bis ans Ende seines früchtereichen Lebens behielt der verdienstvolle Mann seine Blicke aus die Kultursortschrittc der Menschheit gerichtet, und sein Buch „Naturkrast und Geistes» walten" gicbr Zeugniß dafür, wie unerschütterlich sein Glaube an die ungestörte Fortentwickel ing de« Menschengeistes und an eine goldene Zukunft der Menschheit war. Dieser Glaub« an den Sieg de« Guten hat ihn beseelt und erhoben in heiteren und trüvcn Tagen, diese Freude an neuen Enthüllungen, dieser Drang nach Wahrheit hak seine Arbeiten beflügelt, seine Schaficnskrasl erhöht, seine Energie unüberwindlich gemacht. Und mit diesem Glauben in der Seele ist er seinem Freunde Schulze»Delitzsch in« Grab gefolgt, dem er noch vor wenigen Jahren durch seine Biographie ein stolze« <Yeistc«dcnkmal setzte. Am 15. Februar wurde B. auf dem alten jüd. Friedhof, wo auch Lasker ruht, zur Erde bestattet. Zahlreiche Kränze ivarcn von der Fortschrittspartei des AbgeordnetciihauscS, der Volkszcitung, dem Berliner Handivcrkcrverein, dem Verein Berliner Presse, dem Verein Waldcck. dem liberalen Verein zu Grvß-Lichtericlde, der deutschen Gesellschaft für Mechanik und Optik und anderen Vereinen sowie vielen Privatpersonen gespendet, um Zeugniß abzulegen von der Verehrung, deren sich der Verstorbene in den weitesten Mretfett erfreute. Unter der großen Menge der Lcidlragenden, die erschienen ivaren, dein Heimgegangene» die letzte Ehre zu cnvcijcn, bemerkte man die Abgeordneten Virchoiv, Ludwig Löwe, LaiigerhailS. Löwe-Kalbc, Duncker, Phillips, Goldschinidt u. A., den Gemeindevorsteher Justizrath Meyer, die Rabbiner vr. Frankl und vr. Maybaum sowie mehrere Stadtverordnete, vr. Ritter, Prediger der jüd. Rcsormgcmeuidc, hielt ihm die Grabrede. Allerlei für den Familienlifch. Berti«, 24 Februar. Eine zweite Gcdächtnißfeicr für Eduard Lasker fand gestern Abend, vom B e r l i» e r H a n d» wcrkcrverein vcranstaltcr, im großen Saale des Vereinshauses statt. Der Saal zeigte eiuen der Feier würdigen Schmuck, vor der Rcdnerbühne war da« lorbeerumkränzte Oclbild LaSkcrS i» einer reichen Pflanzengruppirung ausgestellt, dahinter erhoben sich die drei florumhülltcn Fahnen des Vereins. Unter den Ehrengästen befanden sich zahlreiche Parlamentarier und andere nainhaste Persönlichkeiten u. Ä. Ludwig Bambrrgrr, Franz Duncker, Julius Rudenberg. Professor Joachim. Justizrath Meyer, Justizrath Makower u. s. w. Rach Beendigung eine» Liede« und eines von einem Mitglied gesprocheuem Prologe«, hielt der Abgeordnete Lande«direktor a. D. Rickrrt die Gedächtnißrede.

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