Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 9 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
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Bildung verstehe. Du weißt, ich schätze diese sehr hoch, bin eingenommen für Wissen. sowohl wo* das Gebiet de» religiösen. als auch des weltlichen Wissen« betrifft, und vertrete die Ansicht, daß jede» Menschen, wefien Brandes er auch sei und welchem Berufe er auch angehöre, Antheil an der wirklichen Bildung gebühre und Jeder sich ein möglichst große« Maß derselben anzueigaen suchen müsse. Ader ich meine jene Schrinaufklärung. jene Scheinbildung, welche den Abfall von Gott und Religion, die Geringschätzung alle« dessen, wa« dem Menschen heilig und ehrwürdig sein soll, für Aufklärung, für Bildung hält, eine blankgeputzte Kupfermünze für ein echtes Goldstück hält, weil beide im Dunkeln Gleichmäßig schillern, aber auch nur im Dunkeln! Beim!age«lichtc besehen, zerfließt der Trug in Nicht»! Hüte Dich davor, mein Sohn! (Korisktzung folgt.) Jüdische Silhouette« auS Galizien. Bon Rathan Zamuelq. Meiert der hyewremacher. (Fortsetzung.) Meicrl verstand und rcisie Tag» daraus in Begleitung des Ahrele Paarer in das kleine benachbarte Städtchen. Ahrele hielt in der Thal Wort — was bei Leuten seine« Berufs nicht zu den gewöhnlichen Fällen gehört — und gab ihm Gelegenheit, das Mädchen zu sprechen. Meicrl fand die Photographie weit hinter dem entzückenden Original, das in der That, um mit Meiert zu sprechen, ein wahres Prachtexemplar war. Bei seinem agitatorischen Talente und seiner Eigenschaft, noch so spröde Leute schmiegsam zu machen und für seinen Verein als Mitglieder anzuwcrben. war es ihm ein leichtes, auch diese» schöne Mädchen, für welche» sein terz in Flammen ger>eth, zu werben und für sich zu gewinnen. uch die Eoncession der Eltern gelang e» ihm bald zu erwirken. Von den fünftausend Gulden, die Ahrele ihm al» ^Stammkapital vorl'picgclte. fehlten allerdings zwei ganze Tausende, allein Meicrl war von der Schönheit des Mädchens so geblendet, daß da» Gold gar keinen Glanz mehr für ihn hatte — und so war in zw«. Tagen die Partie geschlossen. Meicrl kam ganz liebestrunkcn nach Hause, und wovon ihm da» Herz voll mar. überströmtc ihm der Mund. Wieder sah man ihn in den Gassen flink wie ein Sperling von einem zum andern fliege». Wieder hielt er jeden, der ihm in Wurf kam, bei den Rockklappen fest, zupfte ihin beim Bane und streichelte ihm die Wangen, während es ihm wie Regentropfen aus dem Munde hervorspritzte, so daß der Arme förmlich wie unter einen Douche stand, al>er diesmal galt es gottlob nicht einem Vereine, sondern seiner Braut, von der er alle» Schöne zu erzählen wußte. Zwei Monate später reiste Mrirrl in Begleitung seiner Eltern. Verwandten und vieler Freund« auf feine Hochzeit. Der Vater der Vereine hat da» Städtchen verlassen und ruhig wurde es, friedlich ruhig.... Die Vereine höncn auf, täglich wie Pilze hcrvorzuschießen, die Leute, die oft die Straße meiden mußten, au» Furcht, Meierl zu begegnen und von ihm für einen Verein assenlirt zu werden, durften wieder ftei sich bewege». Meierl ließ viele Denkmäler zurück, nämlich seine Vereine; der eine zur Verbreitung gläserner Mesuse«, ein zweiter zur Heranbildung von Mohelim, ein dritter ivieder zur «ammlung von Lichtern für da« Ehanukafest und andere wieder, die in der Thal für die Äeineindr von Heil und Nutze» sind, so z. B. rin Handwcrtervcrei», ein Verein zur Unterstützung gefallener Kaufleute und eine Greisenversorgungs- Anstalt. Genug, eine ganze Legion von Vereinen, dir nur in dem einen Punkte sich alle gliechen, daß sie von ihrem Er»ruger nicht« wissen wollten, daß sie bei der ersten General- Versammlung, die sie abhielten, ihm dir Vaterschaft gekündigt haben. Biele dieser Vereine haben bald nach ihrem Entstehen al« Fehlgeburten da« Zeitlich« gesegnet, viele fristeten nur einige Monate ein sieche«, kümmerliche« Dasein und viel, blühen, gedeihen und bestthen bi« zum heutigen Tage. Gegen acht Jahre waren seit jener Zeü verfloffen. I* führte mich eine« Tage» eine Geschäftsreise nach Wien, ich die Fruchtbörse besuchte. In dem allgemeinen groß«, Tumult, der dort herrschte, und unter den Verschiedenen ao» aller Herren Länder, dir sich geschäftig dort herumtricbe» fiel mir besonder« ein NeineS, rührige«, rundliches Männin» auf. E« schien mir fast, daß e« mit vielen Mäulern reden, mit unzähligen Händen arbeitete und die Zauberkraft besäße, sich zu vervielfältigen. In einem und demselben Augenblick tauchte es in verschiedenen Gruppen auf. Mil einem Notiz, büchlein in der Hand und einem Bleistift hinter dem Ohn. flog e» wie ein Wirbelwind von einem zum andern. H,n zahlte es eine Summe Geldes au« und notine rasch eine, gemachten Schluß, dvrl nahm e» Differenzengelder in Einpfang und schon sah mau es unter einer ander» Gruppe, wo « mit geläufiger Zungenfertigkeit Eonjuncturen vorausberechnci«, inzwischen stand es mitten nnter zwei streitigen PaNeien und schlichtete. während e« hurtig mit einem Latze beim Busse! stand und dort ganze Reihen unter den ausgestellten Back, werten lichtete. Diese» rührige quecksilberne Männlein erinnerte mich auf den ersten Blick an Meierl dem Ehcivremachcr, doch fiel es mir im Entferntesten nicht ein, daß er es wäre, weil ich ihn ersten« am allerwenigsten in Wien vcrmuthete, dann sab ja auch Meierl ganz ander« au«. Er war damals, als er da« Städtchen verlassen, noch ganz banlo», steckte in einem langen polnischen Schleppkaftan und trug zwei krause Lenen, löckchen, während ich jetzt einen reichgekleideten Europäer vor mir sah mit einer schwerwiegenden goldenen Uhrkrttr und blitzenden Diamantenringen auf den Fingern, auch war sein Kinn von einem runden Vollbart umschattet. Ich könnt« jedoch meine Neugier nicht befriedigen und stagte einen meiner Bekannten, wer diese» kleine rührige Männlein sei. .Herr Max Grünstem", erwiderte mir dieser, „ein sehr jovialer Mensch, der hier von allen Börsendesuchern geliedi wird". .Herr Max Grünstein", ivicderhvlte ich befremdet. — In unfcrnl Städtchen ruft man eben selten Jemanden beim Familiennamen und dieser gar war mir vollend« unbckannl. „Seine polnischen HeimalhSgenossen", fuhr mein Bekannter fort, der mein Befremden merkte, „nennen ihn mit einem Lpitznamc»: „Meierl der Schwitzer" oder „Meierl Thudichum'. womit sie seine Rührigkeit und sein rasche«, flinke» Wesen bezeichnen wollen". Jetzt koniitk mir kein Zweifel mehr sein, daß dieser Heer Max Grünstcin eben unser Meierl Ehewrcmacher sei. Ich begab mich zu ihm hin, bevor ich jedoch noch Zat gewann, mich ihm vorzustcllen, erkannte er mich. „Ah, Sie hier!" rief er freudig au« und schon lagen seine beiden Hände auf meinen Schultern, bei welche» er mich schüttelte und rüttelte, wie einen Baum, von dem man die reifen Früchte heruntcrbckommcn will. „Nun, so erzählen Sie mir rasch, wa« man bei uns hört? Was machen dort alle meine guten Bekannten? . . . Sir sind mir aber ein schöner Patron — hier sein und mich nicht besuchen! Jetzt aber entkommen Sic mir nicht, oder sind Sie gar nicht neugierig., mein Heim kennen zu lernen? Da« ist eine ncttr Beschcerung. Sie hier zu finden!" (Schlui, i-igl.) Aron Bernstein. Der am l2. Februar in einem klrinm Landhaus z» Lichterfelde verstorbene Bernstein wurde in Danzig 1H12 Jeboren und sollte ursprünglich Rabbiner werden; zu diesem jwrcke kam er 1832 nach Berlin. Seine Erziehung verwirk ihn zunächst auf da» Gebiet der Bibel» und Talmudforschung und diese Saat hat später Früchte getragen. In seiner «ceie lag ein starkes kritische« Bermögrn. Er sah den Dingen bi«