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Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 9 (1884) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
9 (1884)
Date
1884-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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M S. Jüdisches 1884. lf«ilrtoii‘ßrilQflf der »Zsraelitisckkn UJodirnfdirift”. Inhalt |f«ilrtoii‘Jrilfl|r -er Jaraditifdjfn Wochenschrift". Dfr goldene Boden Eme Erzählung von B. Haus» <Aoeisctzuna>. — Jüdisch« Silhouetten au» val^icn. Bon Bai Han Sa- * mu«ly. Meierl b«r Ehewremacher. <Fonsepung«. — Aron Bernstein. — Allkrlei für den Familicnlisch: Berlin. — Blinder ivlaube. — Jnsrraie. Der goldene Bode«. 9 Eine Erzählung von B. vause. (Nachdruck urtt-rsagt.) iZorlsepung.) Wenn >m Frühlinge der Sonnrnball sich erhebt, um die Erde aus den Fessel» der Nacht zu befreien, und seine rtrahlcn dann die Erde füfjrn, dann regt und bewegt sich'» überall und in allen organischen Körpern zittert und stürmt und sprüht und glüht r«. So regt und bewegt, zittert und stürmt und sprüht und glüht es in einer Mutter beim Empfange eines solchen Briefe». Und Frau Birk war eine sein- und tirsfühlende Mutter! Wol-er sollte denn eine schwache Feder die Farben nehme», um ganz entsprechend zeichnen zu lünnen, wir mächtig und tief ihr Innere« aufstürmte, so oft an Brief von Jokcl ankam. Sie la» und la« diese Briefe gewöhnlich so lange und so virlmal, bis sie von den Thränen der Freude und de« Schmerzes, de« Glücke« und der Wchmulh, welche sie dabei weinte, ganz durchnäßt und unleserlich Seworden waren. Beantworte» hatte sie »och keinen dieser lricsr können, weil.Jvkrl ihr bis jetzt noch nicht hatte angeben könne», wohin sie ihr Schreibe» adrrssirrn solle. Aber jetzt, da er endlich ein Unterkommen gefunden hatte, theilte er ihr diese« nebst den mrrkwürdigen Umstände», durch welche er diese« Ziel erreicht l>attr. mit, und nun wußte sie, wohin sie ihren Brief zu richten habe. Diese« jüngste schreiben Jokrl« hatte sie mit einem unaussprechlichen Alücksgefühl erfüllt und sie dankte Gott auf's innigste für diese wunderbare Fügung. Sic begriff augenblicklich die ganze Tragweite derselben. Diese bestand darin, daß ihr «oh» nicht nur Beschäftigung erhalten hatte und dadurch de« unfruchtbaren Umherlaufen« überhoben >var, sonder», «a« noch wichtiger war. daß er auch zugleich bei einer anständigen. ihm wohlwollende» Familie einen Anhalt gefunden und dadurch vor mancherlei Versuchungen und verführerischen Einflüssen sicher gestcllt war. Sie beeilte sich dalsrr auch, ihrem Freudengefühl in einem Antwortschreiben an ihren Cohn Ausdruck zu gebe» und ihm für seine weitere Wander«- zeit manche BerhaltungSrcgcln zu rrtheile», die sie ihm zwar mündlich zu gebe», nicht unterlassen hatte, die sie aber schriftlich zu wiederholen für gut fand, damit sie auch vermittelst de» Auge« de» Weg zum Gedächtnisse und zum Herzen finden und durch öftere« Lesen in denselben bleibend gemacht werden. E« ist der erste Brief, den sie an ihren 2ohn grschricl>en hat. und er giebt ein so lebhafte« Bild von der geistigen und gemüthlichen Beschaffenheit dieser vortrefflichen Frau, daß e« auch für andere nicht uninteressant sein dürste, diesen Brief kenne» zu lernen. we»halb wir ihn hier vollständig folge» lassen. Derselbe lautete: »Mein innigstaelirbtrr Sohn! Bierzehn Tage sind seit Deiner Abreise verflossen; e« scheinen mir eben so viele Jahre zu sein! So langsam scheint v>k leichtbeschwingte Zeit dahinzufließen, wenn dir Bleigowlchte der Sorge und de« Schmerze« auf unserer Seele m»cn! Deine sämmtlichen lieben Briefe habe ich erhallen und {“• "uch erfreut und erquickt. Daß Du nicht so schnell in den ersten Tagen schon Arbeit finden konntest, hat mich weder überrascht, »och außer Fassung gebracht. Da« Leben trägt un« seine Erfolge nicht so leicht entgegen. Sie müssen mühsam errungen werden. Und e« ist auch gut so l Wir lernen sic dadurch erst schätzen und festhalten. Wer leicht Beschäftigung und Verdienst findet, giebt da« Gefundene auch oft leichtsinnig wieder auf. Du wirst jetzt schon ein» gesellen haben, daß man diese« nicht thun darf. Daß die Religion Dir Hindernisse bereitet hat. wird Dich hoffentlich nicht kalt und gleichgültig gegen dieselbe machen. Wa« wäre un« die Religion, wenn wir ihr kein Opfer zu bringen im Stande und bereit sind? Wer sciner Ueberzcugung kein Opfer bringen kann, der hat keine Ueberzcugung oder ist ein verächtlicher Schivächling. Aber >va« man sich durch Opfer erhält und bewahrt, wird uns auch dadurch weither und lieber; denn e« ist alsdann nicht mehr ei» un« blo« Gegebene«, Ueberlieferte«. sondern r« ist nunmehr auch zugleich ein selbst Erworbene«. selbst zu Eigen Gemachte« geworden. Und da« soll und muß dir Religion bei jedem Einzelnen sei», wenn er ihrer Segnungen vollkommen theilhaftig werden soll! E« ist nicht genug, Jude zu heißen, man muß auch Jude sein! Daß man durch die Opfer, ivclchc die Religion un« auflegt, nicht zu Grunde geht, hast Du auf Deiner kurze» Wanderschaft schon wunderbar genug erfahren. Dein jüngster Brief hat mir ungemein viel Freude u»d Glück bereitet. Da» ist eine sichtbare Hilfe Gotte«, dir Dir widerfahren ist. für ivrlchc Du Gott gar nicht genug danken kannst. Ich >veiß mich de« Herrn Oppenheim noch sehr gut zu erinncr». Grüße ihn herzlich von mir und gieb ihm den einliegenden Brief! Ich habe dem Drange nicht widerstel>en können, ihm meine» Dank abzustattcn. Mache Dich der Dir zu Theil grtvordcncn Hilfe durch gute« und aiistündige« Betragen auch stet« würdig. Du bist »och zu jung, um e« vollständig ermesse» zu können, wie wichtig e» für einen jungen Menschcn ist, in der Fremde zu einer anständigen und gebildeten Familie, wie Du nur die de« Herrn Oppcnlreim schilderst, Zutritt habe» zu können. Nicht« ist für die Jugend wichtiger, al» der Umgang. Da« Gute, wie da« Böse, da« Anständige, wie da« Unanständige hat für dieselbe eine ansteckende «rast, wenn sie c« von ihrer Umgebung oft üben sieht. Mit welchen Untugenden behaftet, durch welche Widerlichkeiten verunziert sieht man oft junge, von Hau« au» wohlerzogene Menschen au« der Fremde zurückkehren! Welche schwere Opfer hat ihr Aufenthalt dasclb>t ihren Eltern aufgelegt, und nun gehen sie geistig und sittlich al« Zerrgestalten einher! Mir steht vor Angst das Blut im Herze» stille, wenn ich daran denke, daß auch Du diesen Untugenden und Widerlichkeiten zur Beute werden und mir einst so zurückkehren könntest. Ich habe Dir diese Untugenden oft benannt, aber ich muß Dich schriftlich noch einmal vor denselben warnen. Der Aberglauben früherer Zeiten hat den Menschen Amulette angehängt, um sic vor Gefahren zu schützen; möge mein Brief Dir ein solche« Schutzmittel sein! Und er wird e« Dir sein, wenn Du ihn oft liesest, wa« zu chun ich Dich bitte. Hüte Dich vor dem Ausklärungsdünkel! Du kennst mich genug, um zu wiffen, daß ich darunter nicht wirkliche

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