Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 8 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 2)
- Language
- German
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feiner gute», frommen SRuttrr und seine» geliebten Bruder« ihm zum Himmel gestaltet und wo Pflege und Fürsorge ihn so warm, so wohlig umgeben hatte zum erstenmale hinau«- gezogen in die ferne Fremde, wo ihm Alle« so fremd entgegenkam. wo ihn Jeder so theilnahmsloS, so kalt anblickte und wv er so ganz aus sich allein angewiesen war. Da« durchzog sein Herz so bang, so wehmuthsvoll. Er wäre so gern wieder umgekehrt, um den süßen, warmen Hauch der Mutterliebe wieder zu empfinden: aber er wußte, e» kann, e« da« nicht sei»! Es mußte überwunden werden, und er fühlte den Muth und den Willen in sich, es zu überwinden! Aber re drängte ihn dann unwiderstehlich, Alle« wa« ihn erfüllte, der Feder anzuvertrauen. um e« seiner geliebten Mutter initzutheilen, seinen Schmerz und seine Hoffnungen, seine Wünsche und seine Entschlüsse. seine Erlebnisse und seine Pläne vor ihrem treuen Herzen bloszulegen. Und so wandette dann an jedein Morgen ein Brief von ihm nach Brixenhausen. Und wen» die Siunde l>erbeikn»i. i» welcher die Post ankoinnien mußte, und sie kam in Brixenhause» jede» Tag ziveimal a». und endlich da« Posthorn sich hören ließ, dann lies Samuel eilig zur Post und Frau Birk saß jedesmal envartungsvoU a>n Fenster. Der lierlieistürmende Samuel zeigte dann den in Empfang genommenen Brief schon von Ferne und mit vor Freude zitternden Hände» erbrach sie ihn. Ein sehnsuchtsvoll envarleter Brief von einem in der Fremde befindlichen geliebte» Kinde in der Mutter Hand: nur eine Mutter iveiß, was das heiße» will! «Zorikpung solgi.» Jüdische Silhouetten aus Galizien. Bon Watban Samueln. Meiert der Ktzewrem«cher.*f Meierl ist ein rührige'«, lebhafte'« Männlein, i» dein e« ewig wogt und zuckt, als ob eine immer gespannte Feder dahinter sähe Diese« Männlein sah man oft in de'» (lassen S. wie ein schnurrender Kreisel sich heruindrehen. bald vor dem Einen, bald vor dein Anderen stellen bleiben, den Ertpischten mih den unruhig herumfahrenden Händen, bald an de» Schultern, bald am Ba«e fefthalten, ihm zä«lich zu blinzeln, die Wange streicheln und dabei die Zunge wie eine Klapperinühle bewegen, oder richtiger ivie ein Wasserrad, denn nlit den Wo«en spritzte der (lischt ihm zugleich an« dem Munde. Wenn man ihn so mit allen Leibeskräften arbeiten sah, so konnte man mit voller (Gewißheit annehmen, daß Meierl daran ist, ein neue« Mitglied für irgend einen neuen von ihm gegrüiideten Perein anzuwerbe». Und Meierl ist eben immer dran. Denn Pereine gründe» war sein leidenschaftlicher Trieb und Mitglieder reerutire» seine höchste Le ben«lust. Die Folge diese« Triebe« war« eine förmliche Legion von Pereinen, von denen Maierl sich umgelten sah und die er mit Stolz seine Kinder nennen konnte. Leider aber ivaren e« keine guten und gehorsamen, sondern widerspenstige und rnißrathene Kinder, die sich voll Undank ihrem Erzeuger zu entfremden pflegten. Meierl nämlich deklagte da« böse (beschick, daß jeder von ihm in» Leben gerufene Perein, kaum daß derselbe ftügge wurde, da« heißt, so viel Mitglieder zählte, daß die erste (Generalversammlung stattfinden konnte, feine Thätigkeit regelmäßig damit begann, ihm die Paterschaft zu kündigen und die Präseswürde, welche er bis zum feierlichen Moment der ersten Abstimmung führte — ihm unwiderruflich und für immer zu entziehen. Meierl machte dann gewöhnlich eine Figur, wie eine Henne, welche Enteneier auSgebrütet und dann zusieht, wie die keinen Entchen lustig in« Wasser gehen, während sie am Ufer verlasse» stehen, bleiben muß. Meierl glich aber auch hierin einer solchen Bruchenne. daß chn sein Berhängniß nicht stutzig machte, sondern so wie diese, tröstete er sich bald und setzte sich auf neue Eier, um einen neuen Verein auSzubrüten. Hier erfuhr der Arme das gleiche Los», brachte e« nicht einmal zum AuSschußmitgliede und begann dann wieder die Sache von vorn. *) Soviel nie „8tcrin«mritr". WaS der verborgene Grund dieser stet» so mißglücke» Brut war. ist noch nicht vollständig klar gelegt worden, doch vermutheu manche, daß da« ewige Gackern jedenfall« eine Mitursache davon bildete. Meierl ivar nämlich auch leidenschaftlicher Redner und um nur aufrichtig zu sein, nicht von der Begabung eine« Demosthene«. Die ersten paar Sätze gingen allerdings ihm leidlich vom Stoppel, aber kaum das, er in ein tiefe« Fahrwasser gerieth, so blieb er auch schon wie ein schwer beladener Karren in einem Sumpf stecken, andern er mit aller Kraft sich vergebens herauszuarbeiten suchte Der arme Mann, er zappelte mit Hände» und Füße», ivand und krümmte sich wie bei einer heftigen Kolik. Schweißtropfen in der Größe von Haselnüsse» traten ihm aus die Stirne — alle« umsonst. Er versuchte verzweifelte Mittel und stieß bei, ängstlichen Hilferuf aus: .Meine Herren!! Meine Herren!!- allein kein mitleidiges. hilsl»ereiteS Herz befand sich unter den j Herren, die anfangs lächelten, dann aber lachten »nd als die! Roth am größten war. in ein schallendes, grausames «N! lächter auSbrachen. Meierl pflegte so ii» allgemeine» Larin. j sein LooS still verwünschend, die Präsidentendühne zu ver! lassen, um sit in diesem illereine nie wieder zu betrete». Eine« Tage» nun g«'chah e«, daß Meierl eben wieder! nach einer veningliickten Rede kopslhingensch nach Hause! ging, ohne zu bemerfen, daß ihm vom Pereine aus ein ' kurze« Männlein mit einem breitkräinpigen Hut und einer feuerrothen Nase beharrlich nachtrabte. .Auch das", murnrelte Meierl vor sich hin. .war wieder eine total verfehlte Gebu« — ein neuer Perein muß j gegründet rverden!" Da ging eS plötzlich hinter ihm lo«: .Bravo! gut gesagt — auch ich bi» der Meinung nur ein »euer Pereni!" Aufgeiveckt blickte Meierl hinter sich und gewahrte ben breitkräinpigen Hut. unter ivelchem die seuerrothe Nase hervor leuchtete. .Was wollen Sie'?" brauste Meierl auf. .Wer sind Sie'? Ich kenne Sie nicht!" .Kennen Sie mich ja, oder kennen Sie mich nicht', flötete die rothe Nase unter dem breitkräinpigen Hu». .Ahrele Paarer kennt einmal Alles! Glaul>e» Sie mir, ich schwor, e« Ihnen Ivi Bart und Pries, daß ich Ihnen verhelfen kan», einen Perein ,;u gründen, einen großen, schönen Perein. wie Sie Ihn noch nie gegründet haben!" Ba« und Peie» — dieser Schwur iinponirte Meierl — und ein Verein war e» ja auch, vo» dem der Man» spricht' .Wolle» Sie nicht", fing er milde» Tones an .siäl etwas deutlicher erklären?" .Deutlicher!" kreischte e«, .was kann da deutlicher >e»,? Ein Perein, sage ich. ein Perein ist ein Perein und dieser ist ein solcher, tvre Sie ihn in Ihrem ganzen Leben noch nicht gegründet habe». klebrigen« sollen «ie e« noch deutlicher haben: Ich ivill Ihnen verhelfe», daß Sie einen Pem» gründen, einen großen, schönen Perein. doch mit noch Jemande« und dieser Jemand wird Ihne,« mit in die Gründung a» Stammkapital von fünftausend Gulden dringen!* Ein Perein — fünftausend Gulden Stammkapital — lauter Zauberklänge! — Meierl wurde noch um einige Skalen milder. .Darf ich nicht, lieber guter Freund, wissen, wer dieser Jemand ist?" fragte er. „Cb Sie e« dürfen?" flötete e«. .Sogar zeigen kan» ich Ihnen diesen Jemand! Dabei gnff Ahrele in die Brusttasche und holte au« derselben die Photographie eine« hübschen Mädchen» hervor, die er ihm überreichte. Da» ist dieser Jemand", sagte er. »Ist gar nicht übel, wie ich glaube, mit so einem Jemand einen Perein z» gründen — ha?" Meierl schmunzelte. „Ah. Sie Schelm!" ries er. »Sie sind gar ein Heirath»' Vermittler!"