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Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 7 (1884) · p. Seite 26

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
7 (1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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— 26 — such«, müsse zu seiner Vervollkommnung im Berufe, zu seiner Heranbildung zum Manne und daß e» gut sei. wenn der Jüngling nnmal aus der weichen und verweichlichenden Umgebung des Elternhauses herauskommt, damit seine Kraft sich stähle an den scharfen und eckigen Kanten, welche die verschlungenen Wege der Außenwelt ihnen entgrgenstellen, und damit sein Charakter Gestaltung und Festigkeit erlange. Was aber dennoch schwer aus ihre Seele wirkte, war der Gedanke an die Gefahren, welche dem Herzen, der Unschuld und der Frömmigkeit ihre» Sohne» in der Fremde nahe treten und sie schädigen könnten. Wir. wenn er der Verführung anheimfiele? Wenn er auf Abwege geriethe? Wenn er dereinst nicht mehr als der fromme, gute Sohn zurückkehrte, als welcher er von ihr geschieden ist? Dieser Gedanke er- Iüllte sie mit namenloser Bangigkeit und legte sich wie ein chwerer Alp auf ihr Gemüth. Sie machte endlich ihren chwerrn Gedanken in einem herzinnigen Gebete Luft, empfahl ihr Kind der Führung und Hut Gottes, der ja ein Vater der Waisen, ein Beschützer und Helfer der Wittwen ist. Da» erleichterte ihr Herz und richt«e es vollends wieder auf! Und da sie dieses Geb« tagtäglich in ihr Morgen- und Abendgebet cinschloß, so befestigte sich diese vertrauensvolle Ruhe immer mehr in ihr. Sie nahni jetzt ihre gewohnte Beschäftigung wird« zur Hand und fand in derselben wohl» thuende Zerstreuung. Geb« und Arbeit haben sich ja stets als die besten Heilmittel bemüh« bei allen Scelrnleiden. _ iszonskpung folfli.) Da? Armenwese« «ach talmudische« Rechte. Aach einem Bortrage de« Rabbiner» Dr. Ungerieider in Berlin. Rach einer einleitenden Auseinandersetzung der jüdische» Rechtsidee im Vergleiche mit der römischen wendet sich der Vortragende zu den sozialen Zuständen der Alten und kommt zu dem Resultat, daß überall, wo man sich bemüht, die Ungleichheit des Besitzes zu verringern, das MitleidSgrfüvl % nicht diese große Rolle spielte, welche cs unS zu spielen scheint. Die treibenden Kräfte zu diese» Bestrebungen waren vielmehr in den klassischen Ländern die Furcht und die Sorge um den eigenen Besitz. So entsprang dir Wohlthätigkrit in Griechenland einem Gebote der Ruthwendigkeit, während sie in Rom in Folge der sozialen Einrichtungen fast nur ei» Mgebniß der politischen Klugheit und der Sirgergelüste d« einzelnen Parteien war. Bei den Juden aber war das Hauptmotiv für die Wohlthätigkrit die Gerechtigkeit, wie auch in der Sprache beide Begriffe mit einander identisch sind (Zedak&h) und das ganze jüdisch-soziale Leben ist von dem Gedanken durchdrungen, daß alle Menschen vor Gott und dem Gesetze gleich wären und alle gleichberechtigt, an dem. was die Erd« dem Sterblichen biete, theilzunehmcn. Im mosaisch«, Rechte nun find« diese Auffassung ihren Ausdruck in der gleichen Ve«heilung des Badens und der Einsetzung de» Jobeljahre»; ferner in den Bestimmungen über die Erntefeld-Ecke. Garbe- und Zehntengaben und schließlich in den vielfachen Aufforderungen zur Mildthätigkeit. Die biblisch Sprache hat keinen Ausdruck für Almosen oder Bettelei, sondern betracht« da», wa» der Reichere dem Armen giebt, für einen schuldigen Tribut und es ist charakteristisch, daß in der Bibel »ie von einer ausgestreckten bittenden Hand die Rede ist, sondern st«S von einer gebenden, zu diesem Zwecke sich aufthuenden. Dazu kommen noch die Vorschriften üb« die pünktliche Auszahlung de« Lohne» an die Arbeiter und dir menschliche Handhabung de» Schuldgesetze» und wir «blicken die RechtSidee des mosaischen Gesetze« in Beziehung auf die versuchte Ausgleichung zwischen arm und reich auf einer so hohen sittlichen Stufe, daß wir uns eine höhere schwerlich vorstellen können. Bevor nun Redn« dazu überacht, au»«nandnzusche», auf tvelche Weise im Talmud Die Armuth bekämpft wurde, kann « nicht umhin, seinen Groll üb« die v«urtheilend« Behandlung, welche die talmudische Litt«atur zu erdulden hatte und noch immer hat, ein wenig Lust zu machen. Er verglich den Talmud mit einem größt, und schr schönen Gatten, welch«, wie jede andere menschl,^ Pflanzung, nicht ganz ahne Unkrant sei; diejenigen ab», welche wegen «»zeliier darin vottommenden Ansichten wcglverfend über ihn urtheilrn, vnglei.hr er mit solchen Men,che«, welche in einen mit den schönsten Pflanzen geschmückici Garten hineinkommen. ihn durchwandern und bei dieser öt. legrnheit kein Auge für alle seine Schönheiten besitze», sonder, nur sorgfältig jede« Unkraut auflese», da« sie mitte» untn den herrlichsten Gewächsen finden. Mit all diesem Uukrani beladen, kommen sie nun zu dem Herr» des Gartens zurück und zeigen ihm ihre Ausbeute mit dem Bedeuten: „Lolche Pflanzen sind in Deinem Garten!* Was ab« aiitivorret ihnen Jener? „Wenn unter allen Gewächsen de« Garte« nur diese Euer Interesse aurcgen konnten, so könnt Ihr mir allesammt recht herzlich leid thun!" — Rach dieser kleine, Abschweifung kehtt Redner zu seinem eigentlichen Tlicma zurück. Wen» da« talmudische Recht überhaupt sich von dem mosaische» im Princip auch nicht im Ofc, ringsten unterschied, so mußte die praktische Basis i» Folge der ungeheueren politischen Veränderungen und der sin, ivciter fottschrcitenden sozialen und geistigen Entwickelung eine ganz andere tverden und diese Grundlage bestand au» drei Dingen, welche die ältesten Lehr« im Talmud als Nor« aufftelltcn: »Studire fleißig die Thora, bete und sei »>,ld. thätig!" Besonder« da« Letzte wurde stark betont und R. Jochanan pflegte zu sagen: .Wohlthätigkeit ist mehr al, Opferspendc-, wie un» überhaupt Aussprüche wie: „VonÄohlthätigkeit ist noch niemand arm geworden-, und.Wohlthäiigkeii ist da« Salz des Geldesnicht zu den Selteuheiren gehöre». Ein jeder war gesetzlich verpflichtet eine bestimmte Suinmc je nach Verhältniß seines Vermögens an die Armenkasse abzuliesn» und wurde» rückständige Beiträge mit der größten Strenge cingetrieben. Man muß »»n vor allein zwischen der Privatwohlthätigkeit und der öffentliche» u»t«,cheidcn. Bei der erftere, handelt es sich zugleich darum, den empfangende» Armen die Beschämung zu erspare», welche die Gabe eine« Einzelne, oft genug hervorruft und seine moraliichc Existenz zu schützen. Scho» im Tempel zu Jerusalem gab cs eine Kaffe für verschämte Arme und in den talmudische» Zeiten betrachlelc man es vielfach al« eine Ehrensache, weder den Empfänger z» kennen, »och von diesem als Geber ettannt zu werden. Auch pflegte man die früheren Lebensgeivohnhcitcn d« Hilssdcdürftigen zu berücksichtigen. lvobei man nicht selten wohl auch über da« Maß hinaus ging, was sowohl ans emzelnni talmudische» Erzählunge» hervorgeht, als auch besonders aus einer der zn Us.cha ausgestellten Norme», welche bestimmte, daß Ricmand mehr, als den fünfte» Theil seines Vermögens zu ivohlthätigen Zwecken ausivende» dürfe. Ru» darf man ab« au» dies« ausgedehnte» Mil» thätigknt dein Talinud nicht den Vorivurf machen, die Arbeitsscheu begünstigt zu haben, denn an vielen Stellen wird hervorgehoben, dass Arbeit, jede Arbeit, den Menschen ehrt, daß man seine Kinder sttt« zur Arbeit anhaltcn und seine Bedürfnisse beschränken solle, wie ja überhaupt die größte, talmudische» Lehrer selbst Handwetter waren. In der üffcntliche» Armenpflege finden wir 2 Klasse»: 1. die Büchse (Kuppay) oder Beut« (Kiß). 2. die Schussel (Tamchuj). Au» der erster« erhielten nur solche Leute Unter stützungrn, welche nicht so viel Vermögen besaßen, »» 14 Mahlzeiten sich zu beschaffen, au« der zweiten solche, die nicht mehr zu 2 Mahlzeiten hatte». Sic «hielten >» diesem Falle auch Speise und Trank. Die Vettheilung fand statt: l. au» der Kuppah jede» Freitag, 2. au» dem Iamch»j jeden Tag. jedesmal vurch drei Beamte, und zwar je nach Charatter, «tand, Gelehrsamkeit und Würdigkeit de« Hilft' bedürftigen. Frauen erhielten stet« den Vorzug vor de» Männer». — Die Beiträge zur Kuppah wurden von 2, du zum Tamchuj von 3 Vertrauensmännern eingezoge». AUt Aemter in der Armenpflege waren sehr schwierig, sehr ver-

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