Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 7 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 84% known words query
- IRI
…/6492351-8722841-5938201--0033-5377605- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1884. Jüdisches HkMlikil-A/-// |f*illrton«ßfilflgf Her „Zsraelitisihkl» Wochknslhnft". Inhalt: Der gvldknr Bvde» Eaie Erzilhlu»,, von B. Hause «Jorisr»»»»,. — Da« tlfniemvese» nach lalmiidischki» «,-chte. — Nebbich. — Allerlei fftr de» JVam11irntifcb: Berlin. -- Juiipbunzlau — An» Ungar». — Hermann Junker. tfb Laster. — I)r VI. Bernstein. — laiomosh. — iline steilere Episode au« dem pieustischen Landlage. — Nus dem Lpr»chschal>e de» lalmud. Bo» Mar Weinberg. Der goldene Bode«. 7 Eine Ei.chstlung von B. Hause. 7. («echviu« Hans Sad>« Wirft „och ein talbe« Jahr bei Steffel und niheille Ivkrl. de» er tasonders lieb gewonnen stalle, „och «nicht gute Untenveisnng i» gebundener und »»gebundener jirde. Da»» aber hielt r« ist» nicht länger. Die Wander- Infi war wieder lebendig geworden i» ihm. Der Meister ließ ist» »ngrr» gehe», al>er da hals kein Zurede». So war a! «o gatte er es schon seit Jahre» getrieben! Er war Inn Jü»gli»g mehr. Al» auch die Gesellen ihn lute», zu Ueiden. anlwvrtrie er »nt Pathos: .Das versteht Ihr nicht! Wo» ilrlit mich ein liese«, gliilnnde» kreisten In die blaue ,>>ue miichng stinau»? lt» lös» mich »ichl rnben, r* liisil mich »ich! bleibe», tf* engl mich die Mauer eo engl mich »ad Haue. Ich must in di» Well, ich uiiift in » Irrte. Nichl ividersled'n mag ich dem Drang Und >va« ich empsunden, beivastr' ich mtl kleue Und gcb' ed Euch wieder in Lied und otesang-, A» cuum Lvn»lag Morgen zog er ab. Jvkel tagleiiete ldn »och ei» Stück Wege». Wo die Flur Brixenhausr»'« Ende gs»g, blieb er siehe» und sagte: .So. nun geh' Wieder zuulck und sei brav und fleis,,g! Ich will Dir ein llkmk» Sprüchelchen als Absdiiedswort sagen, da» tatalie in Ochl und iviederholk es Dir oft. den» es wird Dich von llllrcchlrm Th»» abtalte»! Es ist »ur ei» kleine» Sprüchelchen. »der em grosser Man» hat e» ansgesprvchr» und eS enthält Krt. Es lautet: ,Wobl dem, der frei von Lchuld und Jestle, Bewastu die kindlich reine Serie!" DaS lab Dem Wahlspruch sein aus Deinem Lebenswege, «>>» wird Dir manche Thräne erspart bleitan! Nun lebe »»hl! Grüsie mir Deine Mutter, den Meister »nd dir •fidlen"* Daraus umarmte und küble er ihn. In Beider kl»gen glänzten Thräiien. Han» Sach» ivendele sich schnell »m und ging raschen Schritte« fürbab, ohne sich noch einmal »«zusrhen. Er schien seine Rührung verbergen zu wollen. iah ihm noch lange nach, dis er seinen Blicken entchwundcn >var, dann wandte auch er sich zum Cäehen. Jokel war in seinem Handwerk sehr aufmerksam und lnbig und begriff so schnell, dab er vor dem Schluffe de« »ellcu Lehrjahre« schon selnem Meister einen (Gesellen volldindig ersetzte. Er hatte endlich die drei Lehrjahre glücklich »dnsiandni. Da damals die Zünfte noch bestanden, so wurde 1 juustig geprüft und zum Geselle» ernannt. Die erste Llano» aus seiner haudlverkliche» Laufbahn rvar also glücklich "rncht und er durste mit Befriedigung aus die zurückgelegte vttkcke zurücksehcn. Er hatte sich nunmehr aus die wandervvrzubereiteu. Seine Mutter, die sich und ihre zwei «mder durch Rahen und Arbeite» m seine» Stickereien sehr «lsläudig ernährte, halte ihn für seine Wanderschaft sehr gut "«Mailet und vierzehn Tage nach seiner Lossprechung trat ^dieselbe auch schon an. Da« war eine schlvere Stunde. ™ irrnuu»g»slunde, für ihn und seine Mutter. Sie hatte •k «chatten schon lange vorauSgeworfe». Schon Wochenvorher, wen» Frau Birk in ihrem Stübchen an ihrer Arbeit fab und der Gedanke» sie übcrkam. dass ihr lieber Jvkel nun bald fort von ihr ivird scheiden müssen, um hinan» zu wandern in die rveile fremde Welt, all' den Wc« sährnisse» entgegen, an ivclche» diese so reich ist für den, der mit dem unerfahrene» Sinne der Jugend sich ohne Führung und Leitung derselbe» preiSgegcben sicht; da zog es ihr gar schmerzlich das Herz zusammeu, leise Seufzer entwanden sich ihrer Brust und au» ihren -lugen drängte» sich die Thränenl perlen in rascher Aufeinanderfolge. so dab sie in ihrer Näh- I artait iiinc teilten nuifne und das Taichcntnch vor ihr Angesicht drückte. uni sich tüchtig auszuiveinen. Auch Jvkel war es oft gar »vehmüthig im Herzen gewordenwenn er daran dachte, das; die Zeit nun bald hrrbelkomine. in ivelcher er sich von bem lietan lreurn Mutterhrrzen und von dem liebelt Brüderchen wird lvSreiben müssen. Aber in seiner ganze» Heiligkeit machle sich dieser Schmerz erst geltend, a!» die Tren»ungs,tnndr nun wirklich herl>eigekvmine» ivar. Die Mutier hatte, mit ihrem zweiten Sohne an der Hand, Jvkel, der ein wohlgesülltes Felleisen auf dem Rücke» trng, eine Strecke lveit begleitet nnd oft stehe» bleibend und zum Ab» schiede bereit, glaubte sic da»» iiniiicr nnd immer wieder »och eine weitere Strecke »ittgetan zu müssen, um die Abschiedsscene noch um einige Sekunden hinansznschicben. Endlich aber m»bte doch Ern>t gemacht werden und da« llnabivendbare geschehen. Sie bliebe» flehen. Die Mutter legte die Hände auf Jvkel'» Stopf und lispelte weinend Scgenaivortc. Es wrir, als ob diese lwiden Herze» sid, nimimr von einandrr trennen künnten, als ob sie sich ewig umschlungen halten müftte». Al« Jokel sich endlich losritz. hing sid) Lamnel an feinen Hals. Beide lichten sich »»zühligcmal und weinten sehr. .Sri brav, lieber Samuel und gehorche der Mutter stet«!** sagte Jvkel schluchzend und sich au» der Umarmung lo«rechend. .Adieu, liebe Mutter! Adieu Samuel! Lebt wohl! Es kann nichts helfen, id) nmij fort!“ rief er mit von Thränrn erstickter Stimme. .Adieu, mein Kind! Reise glücklich und bleibe brav und fromm!" Da» lvar Alle», wa« die Mutter hrrauSprcssc» konnte. Noch zwei lange gegenseitige Küsse zwischen Mutter und Sohn und Bruder und Bruder und Jokel ging allein die Stratze entlang. Sie sahen ihm »och lanae weinend »ach. Die Augen und Hände der Mutter hoben sich oft zum Himmel empor. Jokel sah sid, alle Paar Schritte um und lichte Mutter und Bruder mit der Hand. Dan» »var er an einer Strabe». bieguiig angelangt »nd ihren, Gesichtskreise entschwunden. Sie standen »vd, einige Ze«t weinend, dann lenkten sie ihre Schritte schweren betrübte» Herzen» dcnl Dorfe ivieder zu. Al« die Muter wieder in ihre Wohnung kam, da iiberkam sie der Trennungsschmerz erst recht. Sie sab lange weinend in ihren, Zimmer. Wa» sie cinpsand, vermag »nr rin Multertarz nachzufühle».. Al« ihre Thränrn versiegt waren, versank sie in schmerzvolles Nachsinnen. ans ivelchem sie sich endlich dod, gefabt und beruhigt erhob. Sie war eine Willensstärke Frau. Da« Leben hatte sie Entsagung gelehrt. Sie verstand e», sich in das Unvermeidiiche zu fügen. Sie richtete sich auf in dem Gedanken, dab da» Wohl ihre« Sohne« e« so erheische; in dem Gedanke», dab tr die Fremde