Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 6 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
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— 22 — Alle griffen rasch wieder nach ihrer Arbeit und Jeder schaffte nun still vor sich hin. Jokel hatte endlich seine Arbeit zu Ende gebracht und zeigte sie vor. »Gut. mein Junge!" sagte Han» Sach». .Du hast Geschick und hast e» schnell begriffen! Frei vor Dir liegt die Welt! Du wirst einmal rin tüchtiger Schuhmacher werden!" Zur Mittagsstunde ging Jokel voll stolzen Bewußtsein» und froher Zukunft«hoffnungen nach Hause. Untenveg« begegnete ihm Jakob Blumrnfeld. Dieser blieb stehen und rief mm beim Borübergehen mit spöttischem Gelächter zu: .Ei» Pechbruder!" Jokel ivendrte sich um und sagte: .Mit Dir tausche ich noch lange nicht!" .Hör' mir Einer de» Gascht*) an!" antwortrte Jener. Da» war Jokel zu viel! Sein Zorn flammte l)<ll auf. Er sprang auf Jakob zu und fahle ihn mit der einen Hand an der Brust, während er mit der andern auf ihn lvSschlug. Obgleich zwei Jahr jünger als Jakob, war er diesem doch körperlich überlegen. Letzterem gelang e» endlich, sich lo-zureißen. Er lief mit blutender Rase davon: Jokel aber hatte ein zerkratztes Gesicht davon getragen. Seiner Mutter ivar dieser Borfall sehr unangenehm und sie verbot ihm auf das Strengste, sich wieder dergleichen zu Schulden komme» zu lassen. Als er Nachmittags ivieder in dir Werkstätte kani und Hans Sachs ihn fragte, warum er im Gesichte zerkratz» sei, erzählte er ihm de» Hergang. „Alle Wetter!" sagte er. indem er seine Hand aus Jokel's Schulter legte. „Du bist rin tapferer Bursche! Ich schlage Dich hiermit zum Ritter vom Schusterschemmrl. Du hast am ersten Tage schon tapfer für Drin Handwerk gesochtcn. Tu hast Muth im Herzen und Mark in den Knochen! Aber in Zukunft, laß Dich in keine Balgereien ein und werde um AsieS in der Welt kein Raufbold! Man kommt nicht »veil damit und hat wenig Ehre, aber desto niehr Schaden davon. Erttage lieber Etwas! Solche Bengel, wie den Jakob, straft man mit Verachtung und läßt sie bei Leite liegen. Höre, wa» Einer unserer Dichter sagt und merke Dir'S! .Aas ged' leb Dir für Cd)re brciit? Was infinit Du wotii? Man mufi » Mil ollen fernen freundlich fein Mit Wort und Red' und WruR Und» Mätzchen jied'n zur rechten Zeit, -sonst bat man schimpf und kommt nicht weit!" iftortf. folgt) Fraukl'S Rede lei »er -L«tslerKra»erfeirr i» »er Berliner Syuagage. „Zur Ruhestätte Deines Heiligthums. König der Ehren, tragen wir heute die Bohre des auserlesenen Genossen, der, ' ein Meister der Rede, nur den Heiligthümrrn der Menschheit j sein Wort geweiht, der Berkündigung der Wahrheit. Darum! klagen wir heute in tiefster Wehmuth um den Erkorenen des i Volk». Lei gepriesen o Herr für die Wahrnehmung des! Heil», welches durch ihn von Neuem so wirksam uns kund! geworden ist: .Du o Herr hast ihn uns gegeben, Du o Herr! nahmst ihn uns, Dein Name sei gepriesen!" Amen. Als von jenseits des Meeres die Schmcrzcnskunde zu uns herüber drang. Eduard LaSker ist nicht mehr. er. der zur Rückkehr in die Heimath sich rüstete, sei zur rtvigen Heimath eingegangen, da trat zu der allein uns schon tief bewegenden Thatsache, daß Deutschland eines feiner besten und edelsten Sühne, die Menschheit eines selbstlosen, hinge. bungSvollen Förderers beraubt worden, noch auch die besondere schmerzliche Empfindung hinzu, daß der, in welchem jeder Athemzug dem Vaterlande gegolten, drflcn JünglingSträume Deutschland» Eintracht und Freiheit zum Inhalt hatten, auf fremdem Boden, fern von dem Lande seiner Liebe und Sehnsucht, sein edle» Leben au»hauchen mußte. „Weinet, ja weinet, daß er, der von dannen ging, nicht Wiedersehen sollte da» Land seiner Geburt." Aber dir gastliche, der unseren befteundete •) Zo viel, nie .armer Mensch I" Als Schimpfwort gebraucht, m -- so viel wie .Lump!" Ration, aus deren Boden unser Theuerer sein ruhmvoll Dasein au«hauchen mutzte, ehrte und betrauerte in ihm „ so ausgezeichnete Art den großen Sohn Deutschland», t, wackeren Streiter für Freiheit und Recht, den unermüdlich, Fortbildner der Menschheit, daß wir nun. da seine sterblich, Reste der heiligen Mutter Erde wiedergegrben werden, in eia, edlen Wettstreit rintreten müssen mit dem Lolke de« Sterin», bannrrs, um den zu ehren und zu bettaurrn, der bedürft»^ wie die Weisen der Borzeit, die reiche, gottverliehrnr u» durch unausgesetztes Ringen »ach Selbstvervollkommnung g seltener Hülfe gesteigerte Kraft allein dem Dienste und da Pflege des Volkswohls geividinel hat. So sehen wir heute in nnserrt» Gotteshause an da Bahre des Verewigten die Familie desselben, die Spitzen da Behörden, dir Vertreter de» Lande», dir Boten des Reichet dir Freunde des Gesinnungsgriivsir». dir Schulter a» Schnlia mit ihm gekämpft für Preuße»» und Deutschlands Mroh und Freiheit und dir 'ituti trauern, daß sie dr» treuen FreuU und mit ihm zugleich den Führer verloren haben. Meine Andächtigen! Wenn wir de» Freund einmund, sehe» in» Meer der Eivigkrit, da verlangt uns wvbl. ilm noch einmal zurückzufolge» in feinem Wirken, und dar« lassen Sie uns betrachten, wir nufer theurrr Verewigter seinen idealen Zielen, seinem Ringen und Kümpfen sich ',eign wie er ohne äußere Hilfe, allein durch seines (Mistes Kran, zu jener Hülfe sich emporgernngen. die seinetn Namen d» Unsterblichkeit sichert in der Geschichte de» geeinigten Denn», lands. In schlichtem deutschen Bürgerhause geboren, empfing M prächtig veranlagte Knabe eine säst einseitige jüdische Bildung Nachdem er die Mündigkeit erlangt hatte, verließ er du Vaterhaus, drni er bis an das Ende seiner Tage die dank barste Erinnerung l>ewahrt hat. und ihn begleitete das Won de» Psalmistrn: .Und dies sei Dein Schmuck: ziehe einlxi und dringe durch für Wahrheit, Sanstmulh und Gerechiigla und Große» wird Dir zeigen Deine Rechte!" Sein lföchiN Ziel waren Wahrheit und Wahrhaftigkeit; sie tvnrden zu bestimmenden Gnindzug seines Wesens, in seiner persönliche» Bedürsnißlosigkeit und Unabhängigkeit lag das Gelfeimmj feines Einflusses und Erfolges, in dem tieffirtlichen irm feiner Rede begründete sich die hinreißende Gewalt feint* Wortes. Am Liebsten ergriff er das Wort, tvenn es de» Frieden, der Versöhnung und Einigung galt und bann g«l Wahrheit Anmuth auf die Lippen; galt es jedoch einer erm» Idftuereti Rüge, galt es einzutreten für die verletzte Hob« des Staates oder der Gesellschaft, dann wurde sein Äon zu einem verwundenden Pfeil, der aber sicherlich dem eigene» feinfühlenden Gemüthe den tieferen Schmerz bereitete. « konnte irren — denn ein Sterblicher war er dem Jmlu» untenvorfen — aber niemals vermochte er zu bemäntelii. wo« feine Ueberzeugung war. Wahrhaftigkeit und Wadr heit: diese war sein Ziel und jene sein Weg! Rach diese» religiösen Grundsätze bildete und erzog er unablässig sich ielt» und danach ivollte er auch die Gesellschaft bilden und erziehen helfen. Sanftmuth und Gerechtigkeit waren in ihm zu ein» schönen Bunde vereinigt, durch Verbindung de» Reichsfreunde« und des Menschenfreundes in seiner Person üble er auf d» Gesetzgebung de» Landes und de« Reiches einen bestimmende« Einfluß au«. Wie die hehre RechtSidee selbst ihm majesiänsl unnahbar schien, so galt ihm auch jede« Einzelgesetz, so lantz eS zu Recht bestand, al» unantastbar in seiner VerbindliäM Dagegen war er bei der Bildung eine» neuen Gesetze« ersül vom Geiste der Milde und Liede, beseelt von Bettrauen «*■ Zuversicht zur angeborenen Güte der Menschennatur. Erd« eine Fülle von Erfahrungen und Kenntnissen au» der «ine» lehre aus. um in der Gesetzgebung und durch dir Gesetzgebtts im Volke sittlich« Triebe zu erwecken. Er kannte die Leidensgeschichte seine» Volke« und c» psand dieselbe nach und de»halb war chm jede Zwang»««»' regel, jede hatte Au»nahmebestimmuna ein Gttuel und j* gehässig« Au»zeichnuag, wen sie auch ttefftn mochte, et»»« i