Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 6 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M 6. ftmili Aüdisches n 1884. -#=*- /tiiltlm.fifilajf der „Jwwlilifdini W«che«f»nft". § 1II tt. Der floltxiw «öden <|.nt »rzöhlung von «. Hause lHonsepung). — &rn»H * Rede bei der iiaiUx-Xtou*t|clctin der Berliner Sijiinfloflf. — Mattbaum- Rede am «rabe La«ker«. — «llerlel sür den öanrUientisch: Au» Warschau. — * v. Döezv — Instinkt eines Hunde«. Inhalt Der goldene Vode«. Eine tkrzöttlnng von V. Haus». 0, (8t<Miti< unlrt1ii|U Iokel hatte seine Schulzeit vollendet. Sowohl aus der iisentlichen Ort«- als aus der ReligionSschule war ihm bei jeiann Abgänge einstimmig das Zeugnib ertheilt worden, emer der bravsten, fleitzigsten und befähigtesten Schüler gr- KK« zu sein. Auch hatte er in beiden Schulen den obersten Platz mehrere Jahre lang inne gehabt und behauptet. Da er nebenbei auch noch Privatunterricht genossen hatte, so ivar er mit allem, für da« bürgerliche Leben erforderlichen visseiisstoff genügend ausgerüstet. Jakob Blumenfeld hatte schon zwei Jahre früher dir Schule verlassen und war in dem Vieh. und Getreidegeschäst seine« Vaters thatig. Iokel Mt seinem Entschlüsse treu geblieben. Er ividmctc sich dem echuhniacherhandwerkr und trat bei Johanne« Steffel in die übrc. Obgleich Brixenhausen rin Dorf, und zwar ein sehr «nschnlichc« und wohlhabend^ »var. hatte Steffel doch schr wenig zcwöhnliche. Bauernkundschaft. Er besagte sich mehr mit »odcrnrr Arbeit; er war. wie man dort zu sagen pflegte, ein„Modeschusler". Die Honoratioren und reichen Ockonomcn de« Orte» und der ganzen Umgegend machten seine Kundichost au« und gaben ihm vollauf Beschäftigung, so dab er »it vier Gesellen arbeitete. Seine Arbeit wurde als solid wd den Anforderungen der Mode entsprechend gerühmt. Ta er wegen seiner auSivärtigcn Kundschaft oft vom Hause atwescnd sein mutzte, so hielt er sich immer einen tüchtigen Lbergrsellen. der ihn in seiner Ab»vcsenl)rit vertrat und die »»deren Gesellen zu beaufsichtigen lpitte. Zur Zeit, al« Iokel bei ihm rintrat, nahm ein gewisser Han« Bonrwitz »ul Bautzen diesen Posten ein. und diesem wurde auch Iokel | »aterslellt. Dieser Han« Bonewitz war ein sehr tüchtiger zuverlässiger Arbeiter, aber ein drolliger Kautz. Gewöhnlich wurde er Han« Sach« genannt und er hörte sich gern so »rnnen. Er verdankte diese Benennung einem zweifachen Grunde, ersten« weil er rin Sachse war und zweitens, weil kr für Poesie schwärmte, selbst dichtete, wenn auch nur in tuiitclvrrsen. und mit Vorliebe in hochgeschraubtem Pathos Nach. untermischt mit vielen, den verschiedensten Dichter» ailehnttn poetischen Eitatrn. Sein Vater hat« ihn eigentlich zum Schulmeister bestimmt; da er aber bei der Aufnahme- Prüfung für da« Seminar wegen zu grober Unkenntnis der Musik zurückgewirsen wurde, mutzte er sich bequemen, da» ehrsam« Schuster Handwerk zu erlernen. Er war auch "diesem recht tüchtig geworden; aber er war rin unruhiger »eist und hielt e« nirgend« lange aus. Er hatte nur eine «ldenschaft: Lesen und Dichten! Wege» des Wirthshau«- vesuchrs hatte er wohl noch nie einen blauen Montag gemacht. obgleich er auch zuweilen im WirthShause vorsprach und einen Trunk nicht verschmähte; aber wenn ihm ein schSne» Buch in dir Hände fiel, dann konnte man ihn auch pst Montag« noch in seinem Zimmer statt in der Werkstätte antrefirn. UebrigenS war er ein sehr braver und verträgucher Mensch und hatte trotz seiner poetischen Schwärmerei sehr gesunde Lebrneansichtr». I» ihm fand sich dichterische Ueberspannthcit und nüchterner Verstand in wunderbarer Mischung vereinigt und schienen sich oft gegenseitig die Herrschast streitig zu machen. Gewann aber rinmul die Phantasie da« Ucbergewicht in ihm und wurde er von poetischer Sctswärmerri stark aufgeregt, dann verlieb er die Arbeit und wandcrte so lange ziellos umher, bis das Zuendegelsen seiner Sparpfennige ihn zwang, wieder Arbeit zu nehme». Mitgesrllen und Freunden las er Sonntags gern seine Gedichte vor. die ihm stets die Bewunderung seiner Zuhörerschaft eintrug. Zu leugnen war nicht, dab manche- Gelungene darunter war, dem nur die kunstgerechte Form fehlte, um sehr beachtcnswerth zu sein. In Brixenhausen war HanS Sachs bereit« ein Jahr, längcr, als er noch je in einer Werkstätte al« Geselle auSgehalten, was seinen Grund darin hatte, dab er oft Meisterstellc vertreten musste und ihm viel freie Hand gelassen wurde. An dem Tage, an welchem Iokel eintrat, mutzte der Meister gerade einen Gang über Land machen; er wieS ihn deshalb Hans «ach« zur Unterweisung zu. „Komme her, mein Junge!" sagte dieser, als der Meister sich entfernt hatte. «Ich führe Dich jetzt ein in den Kreis Derer, die Psticmen und Leisten in ihrem Wappcnschildc tragen. Unser Handwerk ist wichtiger, al» Mancher glaubt. Wir sind cS, die dem Menschen eine anständige, sichere Stellung geben und ihm dazu verhelfen, dass er festen, strammen Schritte» einhergehen kann. Wir sind die eigentlichen Beförderer de« Fortsch.itte«. Da« mutz man ivissrn, um in unserem Handwerkc mit Lust und Liebe und den, richtigen Selbstbewubtsei» arbeiten zu künn.n." In altem Schuhwcrke suchend umherkramend, fuhr er fort: .Da» isi'« ja, wa« de» Menschen ziere« Und dazu ward ihm der Beistand, Das, er im inncrn Herzen spüret, Waer erschosst mit seiner Hand." »Sirh'st Du hier," sagte er dann, indem er rin Stückchen Leder der durchlöcherten Stelle einealten Schuhes anzu» paffen suchte, „da ist ein alter Schuh, dem nähe diesen Flecken auf, an dem ist nicht» zu verderben! Merke Dir die Regel: zum Flicken nimmt man immer ei» weichere» und schwächeres Stück Leder, als da« ist, woraus der zu flickende Gegenstand besteht, sonst wird'« zu steif und sieht nicht gut au«! Denn >vo da« strenge mit dein Zarten, Wo Starkesich und Milde» paarten, Da giebl e« einen guten Slang. „Nun will ich Dir auch zeigen, wie Du näl>en mutzt. So mache e« noch, dann wollen wir einmal sehen, „Cb da- Spröde mit dem Weichen, Sich vereint zum guten Zeichen." Die übrigen Gesellen hatten ihre Hände in den Schoob gelegt und lachend zugehört. Er sah ernst auf. „Nun, wa» soll da«?" sagte er. „TS deucht mir daneben, Euch plage viel Weile, Ihr danst mir'S wohl, wenn ich Euch Arbeit erlheile'? Nur immer gearbeitet! Was ich dein Zungen sage, wißt Ihr schon lange, meine ich."