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Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 5 (1884) · p. Seite 18

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
5 (1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 18 (sequence 2)
Language
German
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er Fritzchen in den Stulpstiefeln sah. blieb er stehen und betrachtete dieselben und dachte bei sich: .Wenn ich erst ein Schuhmacher bin, dann mache ich mir auch solche Stiefel!" Au» diesem Körnlein war in aller Stille ein Baum hervorgewachsen, der fest stand gegen Wind und Wetter. E» war wieder eine geraume Zeit verflosien, da kam die Wahl de» Leben»berufe» auch einmal in der Religion». schule zur Sprache. Der Lehrer fragte, da der behandelte Unterricht-gegenständ gerade einen Anknüpfungspunkt bot. die Knaben nacheinander, wa» denn jeder von ihnen einmal werden wolle. Da lauteten die Antworten in der ganzen Reihenfolge gleichmäßig: .Handelsmann!" bi» die Reihe an Jokel kam. Dieser antwortete mit resoluter Freudigkeit: .Ich will ein Schuhmacher werden!" Die ganze Schule brach in ein schallende» Gelächter au», und Jakob Blumrnfeld rief ziemlich laut: .Ein Pechbruder!" Jokel war ganz verdutzt nnd sah bald den einen, bald den ander» seiner Mitschüler an. Der Lehrer blieb ernst »nd ließ die Kinder erst fertig lachen, dann sagte er: »Warum habt Ihr denn nun eigentlich gelacht? Wohl, weil der Jokel gescheidter ist, al« Ihr? Meint Ihr denn, die Juden müßten alle Handelsleute lein? Und ist es denn gut. daß die meisten es sind? Habt Ihr denn noch nicht gehört, daß man uns diese» sehr zum Borwurfe macht und sagt, wir tvärrn arbeitsscheu, de-halb wollten wir kein Handwerk lernen? Und wie wollen denn bei der stattfindenden Vermehrung sich die Handelsleute schließlich alle vollständig ernähren? ES werden Zeiten komme», in welchen viele Eltern e» bitter bereuen werden, daß sie ihre Sühne kein Handwerk haben lernen lasien, und wenn Jokel seinem Entschlüsse treu bleibt und da- Handwerk tüchtig lernt, wird vielleicht später noch Mancher sagen: »Wäre ich doch auch so gescheidt gewesen, wie der Jokel, und hätte in ineiner Jugend ein Handiverk gelernt!" Glaubt mir, liebe Kinder! man sagt nicht umsonst: »Das Handwerk hat einen goldenen Boden!" d. h. wenn man ein Handwerk tüchfig gelernt hat und ordentlich oetreibt, so kann man sich "zu jeder Zeit anständig und in ehrenvoller Weise dadurch ernähren und e» auch oft zu schönem Wohlstände bringen. Der jüdische Handwerker steht auch al« Jude geachtet da und Niemand kann und wird ihm die Bonvürse machen, welche der jüdische Handel-mann oft hören muß. Bleibe Du nur bei Deinem Entschlufle. lieber Jokel' Dein Bater, der ein sehr braver und kluger Mann war, hat immer den Wunsch geäußert, daß Du rin Handwerk erlernest. Es ist ganz schön von Dir, daß Du seinen Wunsch auch nach seinem Tod« noch erfüllen willst. E» wird Dir sicher Segen bringen!" Die Kinder lachten nun nicht mchr und sahen mit einer gewissen Achtung auf Jokel hin. Dieser hatte bei den Worten de« Lehrer» mit stolzem Triumph« seine Mitschüler angesehen, bi» am Schlüsse seine» Pater» Erwähnung geschah. Da füllten sich seine Augen mit Thränr» und er blickte still vor sich nieder. Die Worte de» Lehrer» wirkten noch nach, nachdem er schon eine ganze Weile geschwiegen hatte. Die Linder saßen immer noch sehr still und ernst da. Nur Jakob Blumenfeld unterbrach diese Stimmung, al» der Lehrer sich einmal umwendete und rief mit boshaftem Lachen halblaut zu Jokel hinüber: »Ein Pechbruder!" Dir anderen Kinder lachten aber nicht mit, und der Lehrer hatte e« nicht gehört. Jokel schwieg still und achtete nicht darauf; aber die Benennung „Pechbruder" blieb ihm. Jakob sorgte dafür, daß er nicht wieder in Vergessenheit gerathe. Jokel fühlte sich zwar immer sehr gekränkt, so oft man ihn so nannte, aber seine Mutter hatte ihm strengsten« geboten, jedem Streit au« dem Wege zu gehen. Er ertrug e» de»halb geduldig und ließ sich auch in seinem gefaßten Entschlüsse durch diese Benennung nicht irre machen. ,Fortsetzung folgt). Jüdische Silho»ette« a«» Galizte». Bon Raihan Tamurly. Per oerkorene chknnße. (Schlutii. Jäkele brannte schier vor Ungeduld, zum heiligen Raa, }u gelangen und ihm sein Leid vorzutragen. Mit seiac» pitzigen Ellbogen stieß er sich durch dir Menge bi» er di« Thüre de» Andienzzimmer» erreichte. Hier aber stand wie ein ErrbcruS der Leibdienrr de» Zaddik, ein baumstarker Kerl mit geballten Fäusten, der den Bordringenden ein gebieterische« „Halt!" entgrgrndonnertr. Durch die freundliche Vermittlung jedoch eine« Guldenzettel» wußte der viel erfahrene Jäkele das flammende Schwert diese» El^erub'S in die Scheide z, bringen. Die Thüre öffnete sich ihm und mit einem Ruit sah er sich in das Zimmer de« heiligen Manne» versetzt. Da» kleine, halbdunkle Gemach war mit Mensche, voll gestopft. Der Zaddik saß unnahbar in einem weiße, Kittel vor einem Tische, auf ivelchem ein Stoß Banknote, aufgethürmt lag. Länger als ztvei Minuten dauerte keim einzige Audienz, doch verließ jeder heiter und glücklich dieselbe, und immer neue rückten mit ihren Lösegeldern heran. Endlich kam auch dir Reihe an Jäkele und man konnte bemerken, wie der heilige Mann trotz de» Dämmerlichte« am Griffe erkannte, daß dessen Lösrgeld eine etwas längen i Audienz beanspruche. .Was ist Dein Brrlangen?" fragte der Rabbi, der alle! Welt dutzte, indem er Jäkelen zwei Finger seiner rechte, > Hand zum .Schalem Aleichem" gnädig hinhielt, j .Heiliger Zaddik!" fing dieser an, »ich will wiffen, wo ich den Betrüger finden könnte, der mir vor zwei Jahre, > mit 5000 Gulden durchgebrannt ist?" I »Fahre »ach Hause, mein Kind!" schnarrte der Rabbi j nach riiiigcr Ueberlegung, beide Hände segnend ans de« Frager« Haupt legend, »der Betrüger wird Dir selbst nach Hause In« | Geld zurückbringcn". »Wann, heiliger Rabbi?" .Fahr' gleich nach Hause, er ist schon auf dem Wege! dahin". »Heiliger Zaddik", Hub wieder der vor Freude über diefe Heilsbotschaft zitternde Jäkele an. indem er auf de» Dich au» Dankbarkeit ein zweite» Lösrgeld niederlegte. »Was willst Du noch?" fragte der Rabbi milde. »Ich will dem heiligen Zaddik meine» Namen nenne, damit er ihn i» sein theuere« Gebet aufiikhme". .Sag ihn!" .Ich heiße Jäkele Pfeffersamen, bin au» N." »Geh' in Frieden", erwiderte der Rabbi rasch, »ich wer« Deiner stet» gedenken". .Heiliger Rabbi", fuhr Jäkele fort, .ich will Dir auch den Name» de« Betrüger« nennen, damit der heilige Zalnk ihn zum Schlechten gedenke". .Ist nicht nvthig. ich kenne ihn schon, geh' in Frieden!' rief der Rabbi. In diesem Augenblick erschien der Leibdiener mit zwei brennenden Kerzen ut der Hand. ..Hinweg mit den Lichtern!" donnerte der Rabbi plötzlich, indem er mit den Händen vor sein Gesicht fuhr, alwollic er sich vor dem grellen Scheine schützen. Der Diener wich mit de» Lichtern zurück; allein so kurj sie geleuchtet hatten, so wurde doch Jäkele'« Hirn, wie vo» einem Blitzstrahl erhellt. .Alle sollen hinau-aehen", donnerte wieder der Rabbi. Sie gingen, nur Jäkele, wohl da» erste Mal in feine* Leben dem Befehle eine» Zaddik ungehorsam, blieb siehe». Dann aber schritt er auf den heiligen Mann zu und raun« ihm etwa» in'« Ohr. Wa« der Rabbi erwiderte, hat kein Mensch bi» nun j» erfahren bekommen, nur da» weiß man, daß er «»ehr al« eine halb«

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