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Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 5 (1884) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
5 (1884)
Date
1884-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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1884. |fiilrton«Jrilfl|f -er „Israelitischen Wochenschrift". I« Der goldene Boden Eine Er>1I,Iung von B. Hause <Jottsepung>. — Jüdisch galizische Silhouetten. Von R. Samuel». LUlI)UlI . verlorene ttllaubc. ,Schluss. — Allerlei sür den Jamilienlisch: La-kcr» ieple ösfcnllichc Rede in Amerika. — Ucber V ' LaSkrro «usrnlhalt in England. — «u« der Kamilienstube. — Inserate. Der goldene Boden. Eine Erzühlung von V. Hause. ö. (»«chdrull uitlrifii|t.) Jokel machte in der Schule recht gcdcililiche Fortschritte inr Freude seiner Mutter und seiner wackeren Lehrer. An» sang» hatte sei» allzuleblmftcs Teniperamrnt Schwierigkeiten zcmacht. Als er aber erst gelernt hatte, seine Aufmerksamkeit Mmmenzuhaltcn, schritt er um so rascher vvnvärtü und lmitc mit Eifer. Sv waren mchrctc Jahre in gleichmäßigem Verlause dahingrflvsscn. Während die Schule seinen Geist in& sein Herz befruchtete, durchivärmte der Sonnenstrahl der Kutterliebe sein sür alles Gute empfängliche Grniüth und sulltk seine Kindheit mit all' dem Glücke aus, mit welchem me verstandestüchtigc Mutter aus dem unerschöpflichen Borne ihre» Mutterherzens das Kindcralter ihrer Lieblinge zu dnckilränkrn vermag. Einst fragte er seine Mutter, was er leim einmal werden solle. Die Mutter war bei dieser Frage lehr ernst geworden und anlwortrlc nicht gleich. Sie kämpfte «neu ErinnerungSschmrrz grtvaltsam nieder, um das Kind! iichi zu betrüben. AIS er seine Frage wiederholte, sagte sie adlich: .Tu bist »och jung, liebe« Kind! Da läßt sich da« »och nicht besliniine». Du mußt ja noch lange i» die Schule hchen. Dein Vater hat oft gesagt, er wünsche, daß Du einmal rin Handwerk lernst, und er hat diesen Wunsch emigr Tage vor seinem Tode »och geäußert". Bei der Er» »öhnung seine« Barer« füllte» sich die Augen Jokel's mit lhränrn. Da« Andenken an seinen Bater war in seinem Herze» »»verwischt geblieben. Sic hatten sich riliander so lieb gehabt! Er konnte sich seine Gestalt »och recht lebhaft «mellen und hing mit unbegrenzter Liebe an dieser Erinnerung. „Wenn mein lieber Papa c» gewünscht hat. so »ill ich auch ein Handwerk lernen!" sagte er mit weichem irnste. Die Mutter beugte sich gerührt zu ihm nieder und brückte einen Kuß aus seine Lippen, während zwei Thräne» tue ihren Augen auf seine Wangen perlte». »Was willst lu denn werden?" fragte sie. indem sie mit leichtem Lächeln aus ihn nicdersah. Jokel besann sich. Seine Gedanken schienen die ihm bekannten Handwerke die Musterung passiren i« lassen. Da fielen ihm dir schönen Stulpstieselchrn mit bm gelben Stulpschäften und den schwarzen Troddeln daran, «it welchen Fritz, des Schuhmachermeisters Johanne« Steffel'« jüngste« Söhnchen, jeden Sonntag einherstolzirte. Diese waren für ihn da« Höchste alle« WünschenSwerthen, und er blieb jede-mal stehen und betrachtete sie mit Bewunderung und sehnsuchtsvollem Verlangen, wenn Fritzchen ihmin biefm Stiefeln begegnete. Er hatte auch seine Mutter einmal gebttcn, chm auch solche machen zu lassen. Ala die Mutter chm aber sagte, daß diese mehr Geld kosten, al« sie für der» zlnchen au-gcben könne und daß Fritzchen sie auch nicht baden würde, wenn sein Vater nicht ein sehr wohlhabender Rann und dazu noch selbst Schuhmacher wäre, äußerte er mtsc« Verlangen nicht mehr; aber erswrben war r« nicht » ihm. Seine Blicke blieben immer noch mit Sehnsucht an tiefen Stiefeln hängen, so oft er ihrer ansichtig wurde. Diese gaben auch jetzt den Ausschlag: „Ich will ein Schuhmacher werden!" sagte er, „dann mache ich mir selbst ein Paar Stiefel, so schön, wie die, welche Srcfcl'S Fritz hat!" Die Mutter mußte lachen und sagte: „Es ist Dir unverwehrt. Du kannst Dir jede« beliebige Handwerk wählen." Jokel lief hinaus zu seinen Spielkameraden und erzählte jedem heimlich in's Ohr, er wolle ein Schuhmacher werden und sich dann ein Paar schöne Ttulpstiesel machen mit gelben Stulpschäften und schwarze» Troddeln daran. Die Kinder lachten darüber, dachten aber weiter nicht mehr daran und so war es tvi ihnen bald vergessen. Es gicbt Felsenklippen, auf welchen das Auge vergeblich nach etwas Grünem umschauet, auf welchen auch kein Krümmchc» Boden vorhanden zu sein scheint, in dem das kleinste Pflänzchen Wurzel schlagen und aus dem das kleinste Pflänzchen Nahrung ziehen konnte. Ta trägt der Wind, wie zufällig, ei» Samcnkörnlcin aus dem entfernten Walde durch die Luft auf die Felsenklippe und läßt cs in eine unsichtbare Fclsenspaltc falle» oder ei» Böglein bringt c« zufällig dorthin. Hier, dem Mcnschcnauge unl>cmerkbar. hatte da» Körnchen ein wenig Boden gefunden und, geschützt vor Sturm und Wetter, keimt und wurzelt es in demselben. Und die Wurzeln dringe» tiefer ein und umklammern da« Gestein und suchen sich Nahrung in seinen Spalten. Der Keim aber wächst dem Lichte entgegen, drängt sich durch die Spalte und wird ein Baum, und die Menschen sehen ihn und fragen verwundert: „Wie kommt ein Baum auf die Felsenklippe'? Wer hat chn dorthin gepflanzt'? und woher nimmt der seine Nahrung'?" Oder es wächst auch mitten im fruchtbaren Gefilde ein unbekannter, dort »och »ic gesehener Strauch oder Baum in die Höhe. Niemand kennt ihn, keine« Menschen Hand hat ihn gepflanzt: nur der Wind oder ein Böglein l)at das Samcnkörnchen dorthin getragen. Und nun stehen die Menschen und fragen verwundert: „Wie ist diese« Gewächs hier entstanden?" Ereignet sich dasselbe nicht oft atlch in einem Kindcrherzen, einer Kinderseele? Da regt sich als angeborene Mitgift nicht selten rin Drängen und Streben still und heimlich, von dem Niemand weiß, da« Niemand kennt und Niemand ahnt, bi« c« endlich plötzlich zum Durchbruche und zum Vorscheine kommt und über kurz voll und ganz vor unö steht und den Lebensweg bestimmt. Bei anderen ist e« wieder rin blo« AeußcrlicheS, oft Unbedeutendes, das die Anregung giebt und da« Verlangen hcrborruft, die nun deS Herzen« der Seele sich bemächtigen, zum Willen sich gestalten und in bestimmter Richtung und zu einem bestimmten Berufe drängen. Diese« Letztere war bei Jokel der Fall. Er sprach nachher nicht mehr von seinem geäußerten Entschlüsse hinsichtlich de« einstmals zu erlernenden Handwerke« und schien die Angelegenheit ganz vergessen zu haben. Selbst seine Mutter glaubte diese«. Und doch war dem nicht so! Der Gedanke spann sich in seinem Innern doch fort. Er malte sich denselben im Stillen immer weiter und mit den lebhaftesten Farben auS und befestigte sich in ihm, und so oft

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