Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 4 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
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— 14 glaub« daher. daß d«r Jude in Folge dieser Eigenschaften weit eher, al» diese» bei vielen Ehriflen der Fall ist. von einem Handwerke nicht nur anständig leben, sondern auch vermögentlich fvrtschreiten kan», wenn er das Hanlnvrrk mit Erns«. Luft und Liebe betreibt. Beispiel sind« vorhanden". DieseAnsichten bildeten seine wvhlbrgründete Ueberzrugung. die er bi« zum letzten Athemzugc fefthiclt. Ala die Krankheit ihn niedergcivvrfen hatte und er sei» Ende lnnmnnahen fühlte, rief er seine Frau zu sich an'S Bett: „Liebe Rosalie", sagte er. „meine Scheidcstunde »t nicht mehr fern, ich fühle es. Sei stark! Trage es mit Geduld u»v Ergebung! Gott wird mit Dir sein! Er ist ein Helfer der Wittwen. ei» Pater der Waisen! Erziel-e die Kinder gut und zur Frömmig. keit. Ich habe oft den Wunsch ausgesprochen, daß jeder meiner Löhne ein Handtverk erlernen und betreibe» soll. Ich lege es tveder Dir noch Ihne» als eine unter allen Umständen zu erfüllende Bcrpflichtung auf Der Befehl eines Ltrrbrndcu gilt bei uns in vielen Fällen Kindern gegenüber als bindendes Gesetz. Das will ich nicht! Es ist nicht gut. daß des Menschen Wille in der Wahl seines Berufes im Voraus schon auf diese Weife gebunden sei. Die Lebensvcrhältnisse sind oft stärker, als unser Wille und sie beherrschen ihn. Auch hat die persönliche Neigung ein Recht auf Gehör in solch' einer wichtigen Lebensangrlrgenheit. Aber mein Wunsch ist und bleibt es auch im Sterben noch!" Die arnie Frau war aufgclüs't in Schmerz und Thronen bei diese» Worten ihres Mannes. Einige Lage nachher war sie Witiive und der kleine Jokcl eine vaterlose Waste. _iZorifttzimg folg, i. Jüdische Silhouetten au» Galizien. Be» Aalvan Zamuelq. in. Per verlöre»« chkauöe. Der lange, hagere Jäkele Pfeffersamen mit den gelblichen Augen und drin dünnen Lpitzbäeichen iva» der mißtrauischste, ungläubigste Mcnsch der Welt und keine noch so sonnenklare Lache gab cs. die er nicht anzweifeltr. Dir Art, wie er seinen Zweifel zum Ausdrucke brachte, ivar etivas eigen» tbümlich. Mit einem Ruck schob er sich das rasch umgestülpte Bärtchen zwischen die Zähne, hob die Achsel in die Höhe, streckte beide HSnde flach vor sich hin und brummte »ich in daS Bärtchen hinein: „Ba, ba. ba — ich Jäkele soll glaube»!- So leugnete Jäkele Alle« weg, selbst waS seine Augen wahrnahinen, seine Hände tasten konnte, ja bisivcilen sich selber. Und doch hatte rS eine große Zeit >rines Leben» gegeben, wo er an zwei Lachen fest geglaubt und an die seine Zweifel sich nie herangcwagl halten. Ersten» nämlich an die Wunderkraft der Rabbis, die er von Zeit zu Zeit mit reiche» Lösegeldern zu bedenken und deren Rath er einzuholen pflegte und zweitens an Rcb Arele Großkopf, den er für de» vcr IrauenSwürdigsten. creditfähigsten Menschen auf Gottes Erdbaden gehalten hatte, für «inen fest verschlossenen Reisekasten, i den man, wie er sich ausdrückte, blindlings ungezählte Summen! anvertrauen könne. — j Arele Großkopf genoß übrigen» da» Betrauen des ganzen! Städtchen». Wittwen und Waisen verwahrten bei ihm ihr Vermögen, Bräute ihre Mitgift und Kräiner ihre Ersparnisse, kurz, Jeder, der in R. Geld hatte, legte r» in diesen Kasse-! kästen.! Eigentlich wußte Niemand den Grund anzugeben, warum! Arele Großkopf so sehr da» blinde Vertrauen aller Welt j!>enieße, denn er war weder von Haus au» reich, noch war : eine Ehrlichkeit je erprobt worden, allein er besaß — um» | eben im Städtchen mehr al» diese» galt — ein vertrauen- I cinflößende» Aussehen, ein kreisförmige» Gesicht, so feist, daß drin die Augen wie zwei kleine, schwarze Pünnchen erschienen, ein wohlgenährte» Schmerbäuchlein und einen breit au»aekämmten Vollbart. Auf seinem Tische lag immer ein großer >! Talmudfoliant aufgeschlagen und wenn er gleich kein Uon davon verstand, wußte er doch, sobald Schrine vor der 2t)üt( gehört wurden, sich rasch darin zu versenken, als ob jonii nicht« in der Welt für ihn Interesse hätte. Jeden Fre-iaz verstand er sich sehr auffällig, gefolgt von seinem Bedien,»,, in'» Schwitzbad zu begeben und auf dem Rückivrge mann sein rothverklärtes Antlitz zu zeigen. An Feieru,d Samstagen wnßte er mit unnachahmlicher Würde die Hand» hinter seinem Rücken auf dem Atlaskasta» zu verschling», und dabei seine dreizahnschwänzigr Mardermützc so au»;«, setzen, daß seine breite Stirne im ganzen Umfange (Krvorblickte. Sein Tisch >var mit den leckerste» Lpeise» und l<cH»n Getränke» besetzt und e» fehlten ihm nie iflästr, die frinn Ruhm weit und breit verkündeten Lolche und Lhnliäie u, widcrstehliche Mittel konnten gar nicht verfehle», Jedermann in R. von der Vertrauenswürdigkeit Arele Großkopf'» z, überzeugen und selbst der skeptische Jäkele Pfrffersamc», war in Bezug auf Großkopf nicht dlos gläubig, sondern ä, ivahrer Gläubiger, der ihn, die Hälfte seines Vermox« 5000 fl. anvertrautr. Ja, ivenn es sich um Vrrnunftgründc gehandelt hätte, so ivürde Jäkele entschieden gezweisell Iwbcn. allein wie konnte er sich der übrrivältigenden Beweiskraft der gestickten Pantoffcln und echte» Merrschaumpfeise verschließ»», mit ivelchen Arele sich täglich früh Morgen» vor der Jliurt seines Hauses zeigte? — Was Arele Großlvpf betrifft, so glaubte er nicht minder a» sich selbst. Bor Allem glaubte er an seine» groß», (Geschäftsgeist und stürzte sich in die tollkühnste» llnicrnchmuiigrn. Al» diese sein Vermöge» verschlangen, glaub,» er. daß di«: ihm anvertrautr» Gelder sein eigen ivaren und al» auch diese bald vcrschivanden und sein Privatere»» siL allmählich erschöpfte, glaubte er wiedci an die Harmiosigkcit falscher Wechsel, mit denen er zu manövrircn begann, um sich nur so über die „momenlunc Nothlage" hiniveg zu Oclrn. da doch die günstige Eonjunctur nicht ausblc>l>en könne, lind als zuletzt dieses Alles sich al» trügerisch erwies und h» schrecklichen Zahltage wie Foltrrgristrr heranrückten und ihn, unablässig zuflüstcrte»: „Das Eriminal, da» Eriminal!". rafft» rr seinen letzten Glaul>eii zusammen und mit demselben alle Wasch». Kleidungsstücke. Gerätlie, Werthsachen und alles zurück gebliebene Geld und ergriff die Flucht. Und so ivar dcr Kassckaslen spurlos verschwunden und mit demsrlben N» Wittwen- und Waisrngelder, die Mitgift armer Braute, d«e Ersparnisse klcincr EnverbSlrute. große und kleine Darlehen mitsamml endlich de» fünftausend Gulden unseres Jakrle Pfeffersamen. Bei dieser Gelegenheit nun geschah es. daß Jäkele mcht blo» sein hcilbes Vermögen, sondern den eine» von fcmci leiden Glaubensartikeln für immer verlor und ivenn baue irgend Jemand sein Vertrauen lvanspruchtr. so klemmt» a mit um so größerem Rechte daS Bärtchen zwischen de» Zahn»« und brummt wüthcnd hinein: „Ich Jäkele soll glaube»!' Immer jedoch war ihm der wichtigere Glaubensanikl verblieben, an den er sich al» den nunmehr einzigen um ft fester anklammcrte. Eifriger al» je setzte er seine Wallfahrt»« zu den Rabbi'» fort, spendete Lösegelder und vergaß nie sie darum zu bitten, ihm den Versteck jene» Betrügers mit;»- theilen, damit er ihm seine 5000 Gulden entreiße. lü» dieser treue Glaube wurde wirklich belohnt, denn in der Tb« geschah c» eine» Tage», daß er durch einen Wundertat», seine 5000 Gulden bi» auf Heller und Pfennig zurück beka», und da» trug sich in folgender Weise zu: Er befand sich gcschäftShalber in Rumänien und vernalM dort von einem neu a ifgetauchtcn, hochberühmtrn Rabbi, dcc die größten Wunderwerke vollbringe und alle» Dageivesenc i» dieser Branche übcrtreffe. Selbstverständlich' reiste er sc'ftd m die Residenz diese» großen Zaddik. Wie ein brauscadc» Meer strömte da» Volk zu demselben und fortgetragen w* der Menge, sah sich Jäkele bald vor einem kleinen Häusch«. da» von einer immer mehr anschwellenden Mrnsch>»ma!ft umlagert war. Hier hauste der heilige Mann. Zu