Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 2 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Jtiubcrn gefühlt, nnd nun war plötzlich dir arge Kränkung über ihn gekommen und hatte den Hellen Freudenschimmer au» seinem Herzen uu.> von fdnrm Gesichte völlig hinweygewischt. Die tröstende > und lvruhigende» Worte, welche die neben ihm sitzenden Mitschüler ihm zusküsterten, fanden kein Gehör. Jacob lachte über die Wirkung seine» vermeintlichen Witze»: dir übrigen K,ude> aber, äußerten sich mißbilligend und hatte» Mitleid mit dem kleinen Jokel. den sie alle gen> hatten. Al» der Lehrer sich umwendete und Jokel «einen sah. ging er zu ihm und fragte ihn nach der Ursache; aber e» war keine Antwort an» ihm heran-zubringen. -lach die übrigen Kinder wollten nicht Rede stehe», bi» endlich nach wiederholtem Fragen Leiten» de» Lehrer» ein größere« Mädchen ansitand und ihm den Lachverhalt erzählte. Der Lehrer wurde roth vor Zorn. Jacob mußte zur Ltrafe von seinem Platze Weggehen und wurde ganz allein gesetzt. Da« rief seinen Trotz wach. Leine Eltcrn waren die reichsten Leute im Crtr, sei» -later war zudem Vorsteher der israelitischen Gemrindc und er hatte drin Lehrer eine» ganzen Thaler gebracht und sollte ^etzt diese Ltrafe erleiden wegen de« Jokel, der doch nur der «ohn einer armen Wittwe war und nur zwei Lilbergrosche» gebracht hatte! Lo legte er sich die Lache in seinen Gedanken zurecht, und da« Berfahren de« Lehrer« wollte ihm nicht zu Gehirn gehen. Er glaubte sich in seinem Rechte verkürzt und Unrecht zu erleiden. Plötzlich sprang er auf und wollte sich fortbegeben. Der Lehrer aber faßte ihn am Kragen und brachte ihn an den ihm angewiesenen Platz zurück, indem er zngleich versuchte, ihm durch Worte da» Unrechte seine» Benehmen begreiflich zu machen. Jacob trotzte noch eine kurze Zeit. Ter süße Duft der noch unberührt vor ihm stehenden zweiten Tasse Ehocolade trug aber endlich doch den Sieg über seinen Trotz davon, so daß er wieder zngrisf. Aber hatte er b>« jetzt ohne besonderen Grund, sondern blo« au« Mnthwillr» den kleinen Jokel bei jeder (Gelegenheit zu necken und zu ärgern gesucht, so war er setzt voll de« bittersten Grolles gegen ihn und fest entschlossen, «hg die wegen seiner erlittenen Strafe entgelten zu lasien. Dieses tha» er denn auch bei jeder Gelegenheit. Dadurch entwickelte sich zwischen diesen beiden Knaben von dieser Zeit an eine gegenseitige Abneigung, die immer mehr Rahrung und Perschärfung fand und sich durch ihr ganze« Schullcden und noch über dasselbe hinan« hinzog. Jokel hatte sich durch viele« Zurede» de« Lehrer« endlich auch bewege» lassen, Ehocoiade und Kuchen wieder in zrvcck» entsprechende Pcrwendung zu nehmen, aber kindlich heiter, wie gewöhnlich, wurde er heute nicht wieder, auch bei dem gemeinschaftlichen Spaziergange nicht, welche Lehrer und Kinder später zusammen in'» Freie machten. Jede Freude, dir wir genießen, ist ei» bunter Schmetterling, der durch unser Leben flattert. Faßt man die Flügel diese« Schmetterling« mit rohen und unvorsichtige» Händen an, dann ist der Farbenschmelz, der sie schmückt, unwiderbringlich dahin. Der Vorfall in der Schule hatte einige VcrdrnsseSwolkr» zwischen dem Lehrer und den Elter» Jacob'« heraufbeschworen; mit der Zeit waren dieselben doch wieder verflogen, ohne eine merkliche Spur zurückzulassen. Jüdische Silhouette» aus Salizie«. Bon Naihan Zamuely. n. Anser -Hetzer (Fonfttzung., Der einzige Abend, an welchem un« die Zeit nicht . lange schien, war der de« Donnerstag«. Da pflegte sich auch die gute .Rebbezin" un« beizugesellen» die al»dann einen Thell de« Tische« für ihr Rudelbrett in Anspruch nahm, auf welchem sie die Eballo« (oder Barche») für den heiligen Eabbath formte» indes sie gleich un« auf die Worte ibre« Manne« lauschte, der au» der Thora die schönen Geschichten der Patriarchen vorla« und erklärte. Wie nämlich Jacol den großen Stein, denn alle Hirten zusammen — t* ivarr, ihrer, wie der Rabbi betheuerte. mehr al« zweihunden — nicht heben konnte, mit leichter Hand vom Brunnci, weg. wälzte. Wie er don der Ankunft der schSnäugigrn Rachel entgegenharrte. wie er sie dann, ai» sie mitten in der Schaar ihrer weiße», blöckendrn Schäfte,n erschien, mit Helle» Thräna, auf den Mund küßte. .Wohlverstanden." — pflegte der Rabbi hier erklärend hinzufügr», — .weil er m» pr«. phetischcm Auge voraussah. daß sie dir Stamm-Mutter zweier große» Stämme in Israel werde» würde nab da», dereinst» wenn ihre Kinder in'» babylonische Exil würden »vandern müssen, ein leuchtender Engel ihrem Grabe ersteigen werde, um für sie zu Gott zu beten, wie c» da „ der heiligen Schrift heißt: .Eine Stimme ließ sich in den Höhen vernehmen, Rahrl weint um ihre Kinder." — sonder« ergreifend wirkte» auf un« alle die Erzählungen von Joseph, dem wunderbaren Träumer, wir er von seine» Brüdern gehaßt und verfolgt wurde, weil ihm sei» Paier einen bunten Rock machen ließ, wie sie ihn heimlich verkaufte» und wie ihn Jacob mit den Worten derveintr: .Trauenid will ich zu meinem Sohne in die Gruft steigen?' Wie Joseph aber »nterdrflcn Picekönig von Egypten wurde, wie er sich seinen Brüdern zu rrkemicn gab und ihm der reise -later lautschluchzend mit den Worten um den Hals cl: .Genug, jetzt kann ich sterben, ich habe meinen Lohn Joseph gesehen!" Und wir alle Kinder schluchzten mit und auch der guten, treuherzige» .Rebbezin" «raten die hellen Thränen in die großen, blauen Augen und so manche dieser Thränrn rollte herab und fiel in den Teig, der zu einem schöngrflochlenen Barche« für den heiligen, lieben Sabdatd wurde. In dem kleinen Gemache trat dann eine verklöne Ruhe ein. die Kinder, die sich an der Schürze der Mmicr hielten, sahen fast andächtig mit ihren großen Kmderaugen zu ihrem Pater empor, ja auch die Katze wagte nicht laut zu schnurren und stand unbeweglich, wir gebannt von de« Zauber dieser heiligen Geschichten — und wir überhörten den Zapfenstreich ... Ach. wir sehnten wir un« nach diesem Donnerstag, und wie oft muß ich noch jetzt an ihn denke»! — Aber auch andere Wochentage konnte» un« mituntrr sehr , angenehm werde», namentlich wr»n der Rabbi uns eine längere Erholungspanfc gönnte und wir im Hofe ein Spielchen arrangieren oder luftige Streiche ausführte». Au« Da»tbarkrit überraschten wir oft den Rabbi mit einer große« Düttc Schnupftabak, denselben Schnupftabak, den er wieder gegen un« al» Strafmittel anwendete. Der gute Rabbi hatte nämlich die Eigenheit, den Knabe», die etwa« verschulde, hatten. eine ausgiebige Ladung seines Schnupftabaks in die Rase zu schu-ben und den hiermit versehenen Sünder unter den Tisch zu verbannen. Mitunter saßcn aus diese Weise unser drei oder vier unter dem Tische, wo wir um die Wette en oompagnie niesten, so daß es förmlich wir Böllerj schütze jedrSmal von eincm Andern von un« mit dem Rieße« j losging. Rach jeder Explosion ertönte die Stimme des Rabbi von oben: .zur Gesundheit!" und die ganze Schule stimmte mit unendlichem Gelächter mit rin: .zur (Gesundheit" Selbst gegen die gute Rebbezin wurde von ihm diese« Rießpulver mit Erfolg al» Drohmittrl angewendet, zum Beispiel wenn sie nach angestrengter Arbeit sich nicht «t Bisehen Ruhe gönnen wollte, zum Strickstrumpfr griff oder säubernd mit der Bürste an den Wänden herumstäubtc und seinen Ermahnungen, endlich doch autzzuruhen, kein Gehör schnitte, dann trat er vor sie hin mit einer furchtbar groß» Priese zwischen Daumen und Zeigefinger gegen ihre Ra» gerichtet. woraus sie lächelnd die Arbeit bei Seite zu lege« und sich zu ihm hinzusetzen pflegte. ... Zu den Gewohnheiten unsere« Rabbi gehörte e« auch m allen Fällen, in denen er sich nicht zu entscheiden muß», den Talmud wie ein Orakel um Rath zu fragen. Dirft Anfrage geschah gewöhnlich durch da« Aufschlagen de« Talmud-