Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 1 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/6492351-8722841-5938194--0004-5377582- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— L — Er arbeitete seinen, in die Meeredtirfr seiner Hosentasche versunkenen Arm wieder au« derselben herau«, wa« nicht geschehen konnte, ohne daß zugleich eine Unmasse von Papierschnitzeln, abgeriebenen Steinchen u. s. ». mit herau«kamea und zu Boden fielen, während dir anderen Sinder mit rühmlicher Hilfsbereitschaft diese auflasen und ihm wieder in den Abgrund seiner Tasche senkten, griff er in die Westenrasche und holte au« derselben ' ein kleine« sorgfältig zusammengewickelte» Papierchen herau». Mi« verklärter Miene wickelte er dasielbe mit seinen vor Freude zitternden Fingerchen au«ei»aoder und brachte zwei Silbergroschen zum Borscheine. ,Zroei Silbergroschen!' sagten die Linder. O. »da« ist nicht viel!- Jokel wurde ganz blaß und traurig und sah die Sinder eine« noch dem ondern verlegen an. Er war da» Sind einer armen Wittwe und zwei Silbergroschen hatten ihm in seiner kindlichen Brrstellung so viel geschienen. Er hatte geglaubt, ein halbe» Vermögen in der Tasche zu tragen und dem Lehrer zu überbringen und nun hatten die Linder gesagt, e» wäre zu wenig? Der achtjährige Jacob Blumenfeld. einzige« Lind de» reichen Perez Blumenfeld. ein böeartiger Junge, der den kleinen Jokel immer gern neckte und ärgerte und sich schon viel darauf zu Gute zu thun wußte, daß sein Vater der reiche Perez war. holte au« seiner Tasche einen blanken THaler herau» und sagte! »Sieh einmal, wa» ich habe! Einen harten Thaler! Den gebe ich dem Lehrer! Zwei Silbergrosche» ist gar nicht»!" Auch die anderen Sinder hatten alle mehr; denn die Israeliten in Brixenhausrn waren alle, bi» auf Wittrve Birk, sehr wohlhabend. Der arme Jokel wurde immer trauriger und die Thränrn traten ihm in die Augen. Die anderen Sinder bemerk,,» diese» und hatten Mitleid mit ihm. »ES schadet nicht«. Jokclchen! E» ist für Dich genug. Du gehst noch nicht lange in die Schule" sagten sie zu ihm. »E» ist für da» Jokelchen genug", sagten sie dann zu einander, »er hat keinen Vater mehr". Jokel beruhigte sich zwar, aber seine Freude war gestört. Die Linder stürmten in die Schulstube lärmend und jubelnd ihre Plätze aufsuchend und auf densetven in heiterer Beweglichkeit »ach allen Seiten hin lachend und plaudernd: «ur der kleine Jokel war still und traurig eingetret,» und saß gegen seine Gewohnheit ganz ruhig aut seinem Platze. Es schien ihn Alle» nicht» anzugehen, wa» um ihn her ging. »Zwei Silbergroschen seien gar nicht»." hatte der böse Jacob Blumenfeld. den er gar nicht leiden konnte, gesagt und nun schämte er sich, sic dem Lehrer zu geben. Und die Reden der Sinder unter cinauder hatten ihn an seinen Later erinnert, den er so lieb lratte und der ihn so lieb harte und der nun schon über ein Jahr todt war. Da» war eine sehr schmerzhafte Stelle in seinem kindlichen Herzm und an diese war heute so täppisch gerührt worden. Armer Jokel! Auch Dir hat da» Leben schon seine Trübsale gezeigt und heute hat r» Dir die so lang herbeigcsehnte un« schuldige Freude vor ihrem Beginne schon so bitter vergällt! , Fortsetzung folgt». Jüdische Silhouetten aus «alizie». von Aalhan Samuel». n. Muser fHet*) Unser Eheder war ein niedrige« Zimmer mit einem Plafond, der mit seinen kreuz und quer gelegten Balken sich fast auf unseren Söpfen zu stützen schiene und nicht'tveniger al» 22, sage zweiundzwanzig waren unser, die wir untäglich mit dem Schlage 6 Uhr früh einfanden, um un» die Lehre eintrichtern zu lasten. Die Stube war übrigen» auch nicht besonder» geräumig und wir ivaren lange nicht die einzigen, die ihren Raum «»«füllten. Da« Eheder bildete •) „Sheder" heibr Im biblischen Hebräisch: Zimmer, wird aber im vulgären Sprachgebrauch meist nur für .Schulzimmerangewenbe«. nämlich zugleich die Wobnuna unsere« Rabbi, der — konnte e« ander« sein — der Besitzer einer Frau war. ivelche ihn i« Verlaufe ihre« vierjährigen Ehedündniffe« mit vier Sinder» beschenkt hotte. Der Ein tretende genoß den Anblick einer überaus t„, reichen Bevölkerung, die schnurrend, singend, lärmend, »einend, klappenid, glucksend und bisweilen auch miauend ihr Dasein bekundete. Der Thürr gegenüber stand ein langer Tisch, der «n allen möglichen Schnitzereien und Zeichnungen, die unsere kindliche Phantasie zu Stande dringen konnte, bedeck, ,^ar. Läng» deffrlben zu beiden Seiten, befanden sich zwei langt Bänke, auf welchen wir so gut e» ging, dicht neben einander saßen und mit näselndem Singsang, Einer den Andern über, schreiend, die Vorträge wiederholten, die un» der Aaddi tradirte. Dieser unsrr Rabbi thronte an der Spitze der Tafel umgeben von seinen Insignien, einem breitgeblümin, Taschentuche und riner großmächtigen Schnupftadackdose, i, welcher Daumen und Zeigefinger, wenn sie nicht mit der Raje beschäftigt waren, ewig herumwühlten. Er hatte ein schmaler längliche» Gesicht, mit einem kleinen, spitzen Bärtchen. da« er stet» mit der Hand gegen da» Gesicht hinausttrich, so daß e» immer einen Theil der Ladung vom Schnupftaback i» sich aufnahm, welche die große Niederlage, seine Nase, freigebig auszuschnauben pflegte. In geringer Entfernung vom Tische sta»de» zwei Betten, überdeck, mit reinen, iveißgewaschrnen Lcintücheni. Ueber dem cinen hing an einem Pflock an der Wand da» große, breite Rudelbrett, immer blank gescheuert und a» Fuße de» andern war an einer langen Schnur eine iveißgestreifte Satze angebunden. Zn Sommerszeit hatten wn noch intereffantr» Zuivach», denn von dem äußerste» Amsel de» Zimmer» her. gackerte au» einer Hühnersteig,- eine Mutterhennc. die dort mit ihrer zahlreichen, piepsenden Familie hauste. Hart an der Thüre war der große Backofen zn sehen, der Stammplatz der lieben guten .Rebbezin"*). Wenn sie nicht mit der Sehrbürstc in der Hand im Zimmer herumgmg, bald dir Wände bald den Plafond abstäubend, konnte man sie auf ihrem Staiumplatz beim Backofen sehen, unigebrii von drei Sindern, die bald lachend bald weinrnd sich an ihre Schürze hingen. In der Regel sah man sie dort mit aufgeblasenen, stet» gcrötheten Backen da» Feuer aus den Herde anfachen und al» Nebenbeschäftigung mit dem Fußt die Wiege schaukeln um den darin liegenden Schreihals zur Ruhe zu bringen. Diese treuherzige Frau mit ihre» g«- müthige», blauen Augen war unser gute Geist, der im* immer in Schutz nahm, wenn der Rabbi Miene machte, rin Strafgericht abzuhalten. Doch da» war nur selten »öthig, denn der Rabbi pflegte e» meist nur beim Drohen zu belasten und gestattete un» gar manche Freiheiten, weil er selbst Vergnügen hatte, wenn e» lustig um ihn Erging Er that al» ob er e« nicht merkte, wenn wir die Setze. t* für jeden Winterabend ein Anderer von un» zu liefern batte mit einem Haar umspannen, damit sie schmelze und rascher zu Ende brenne. Da eine Uhr zu den in einem Eheder nicht vorhandenen Dingen gehört — so hielt sich unser Rabbi an den damals noch üblichen Militairzapfcnsireich der da« Signal zum Rachhausegrhen bildete. Und da wir un« gar sehr darnach sehnten, so schafften wir un» l>e»nluh auf Generalkosten eine Pauke an, und einer von uns pflegte sich, sobald dir Zeit un» zu lange schien, unter einem Vorwaiide au» dem Zimmer zu schleichen und promrnittr paukend einige Mal auf und ab vor den Fenstern. So oft bas ge fchah. schmunzelte der Rabbi verständnißinnig, führte »einer Rase eine Prise Schnupftabak zu und schloß mit einen darauf gedrückt,» Suffe da» Buch. Alle folgten wir dies» Beispiele, mit einem lauten Gejohle zog man sich an, un» flug« ging e« unter Lachen. Singen und munteren Sprünge» nach Hause. (Fortsetzung f'in'l •) D. tz «abdtnrrlu.