Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 52.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Opposition tote der doktrinär« Liberalismus sie betreibt, da« Heil für da« deutsche Volk finden". Da» ist nun wieder einmal eine Ansicht Hanmann'«, die mit den Thatsachm nicht gut in Einklang zu bringen ist. Schreiber dieser Zeilen z. B. wäre vollauf zufrieden, wenn mit BiSmarck Männer wie Miaurl nnd Bmningsen einen bestimmenden Einfluß auf die Gesetz, gebung und die Berwaliung de« Lande« hätten; die Juden gebären freilich in grünerer Zahl ckls den übrigen Fraktionen den Deutsch-Freisinnigen an; indeß ist diese Partei bei weitem nicht so unversöhnlich, al« Hartmann sie schildert; sodann hat sie so warm für die Juden sich mgagirt. daß ein gewisie« Mab von Dankbarkeit nicht unberechtigt ist. Aber nur durch die Juden, so meint Hartmann, unser Freund, sind die Liberalm so schlecht gewordm; er hält un« «in lange« Sündmregister vor. indem er alle Konflikte zwischm der Rmirrung und den Liberalm auf unser Eonto schreibt. »Bei dem Berhaltm. da« die Judm bi« jetzt ringeschlagm habm, kann Niemand daran zweifeln, daß die Förderung de« Rationalwohle« durch dm doktrinären Liberali»mu» ihnen eine bloße Maske für die thatsächlich durch diese« Berhaltm erstrebte Förderung der Jnteresim -de« Judenrhum« ist". Schon wieder kann Niemand an dem zweifeln, wa« Herr von Hartman» persönlich glaubt. Die Tausmde, die für Ludwig Löwe oder Bamdergrr gestimmt haben, baden jedenfalls sehr stark daran grzweifelt. E« ist gewiß auch nicht leicht festzu» stellen. wa« wir Juden für rin Jnterrsie an der Samoavorlage habm. die rinstmal» durch Bambrrgrr zu Falle kam. Uebrige»« ,si auch daran zu erinnern, daß der einzige hervorragmde deutsche Sozialist, der die Sozialdemokratie zu einer nationalm Partei grstaltm wollte. Ferdinand Lasalle. rin Jude gewesen ist. Hanmann sagt: .Der grgmwänige Zustand, wo da» Judmrhum die Seele der gehässigen unversöhnlichen Opposition ist und seine politischm Leistungen darauf beschränkt, die Regierung der nationalm Wiedergeburt hämisch zu verdächtigm und zu unterwühlm. «nutz jedem deutschen Patriotm die Wangen vor Zom und Scham röthm und nicht« sollte mehr geeignet sein, die frrisinnigm Deutschen über die Wahrheit ihrer DoNrin stutzig zu machm, al« die jüdische Bunde»- qmossenschast und Oberleitung, welche sie ihnm zugezogen hatte." Ein seltsamer Satz für einm Judenfrrnnd! Hier haben wir vielleicht dm Schlüsiel für so manche« antisemitische Wüthen. Diejenigen, dir dm jüdischen Schachergeist tadeln, wollen mit un« schachem, und vielleicht könnten wir Ruhr erkaufe,', wenn wir willenlos un« der herrschenden politischen Richtung verschriebm. Wie kräftig und wie heftig wählt doch v. Hanmann die Wone: .die Regierung der nationalen WirdergebuN hämisch verdächtigm und unterwühlm;" wir Judm sind in der Politik nicht solidarisch, aber ist e« vergrffm, daß Bamberger, e« gewesen ist, der zuerst dem Au«lande BiSmarck'« Größe verkündet hat? ,Zom und Scham" rinpfindet HaN» mann über da« Judenthum nicht der Wirklichkeit, sondern seiner Phantasie. In diesem Zustande ist selbst rin aufgeklärter Mann nicht völlig in seinem Urtheile klar. Hartmann sieht eine Gefahr für Deutschland darin, daß dir Juden in einigm Gegmden eng zusammen wohnen; aber diese« Berhältniß besten sich von Jahr zu Jahr. Im Jahre 1869 wohntm im Königreich Sachsen nur in Dresden und Leipzig Juden; jetzt sind sie über da« ganze Königreich zerstreut, die Zahl der Juden in der Provinz Posm nimmt wesentlich ab; fast alle jüdischm Gemeinden im Posenschm sind kleiner gewordm; -»nzelne sind ganz von der Bildfläche verschwunden. Ueberhaupt l--." in den letzten dreißig Jahrm eine Dislocation der Juden in Dmtschland stattgesunden, die ganz dm Forderungen rntgegenkommt, die Hartmann an un« fieUt j und daß die produktive Arbeit unter dm Judm durch Vereine, durch Stiftungm gefördert, jetzt mehr al» je gepflegt wird, kann H. v. Hartmann in Berlin leicht erfahrm. Wir sind nicht taub für dm guten Rath unserer Frmnd« und können selbst dm Feind schätzen, um von ihm zu lemm. Rur hätte H. v. Hartmann, der Andere zur mahnt» nicht selbst die Geduld und die Mäßigung verliere, müssen. Er bittet die Richtjudm. Geduld zu habm mit fr konservotivm Langsamkeit, mit welcher sich die Judm in bir neum Verhältnisse finden lemm. Er hat selbst an tum anderen oben citirtm Stelle unsere Fortschritte al« über ist. warten msch und gmß geschildert. Un« scheint, wie es fr jeden Staatsbürger nur einen Weg zur politischen Reise giebt. nämlich dm: politische Rechte au«üben — so ist auch j nur die vollständige Emancipation da« Miltel, die Jude» z„! Emancipation zu befähigen. Der WeltherrschaftStraum. die jüdischm Sonderinteresse, sind Phantome, mit deren Bekämpfung rin so begabter Mann seine Zeit nicht vergeuden sollte. H. v. Hartman, verwahrt sich nochnial« in einem Nachtrag dagegen, ihn alt Feind der Juden hinzustrllen. Run. da» Schicksal fdnr« Buche» wird ihn darüber belehren, daß diese Verwahrung höchst nothwendig und doch am Ende nicht au«reichcnd tfi E« ist Wasser auf dir Mühle der Antisemiten. Wenn in jüdischen Schriften von einem jüdische» Bolle geredet wird, so ist die« nur eine Anlehnung an die biblische Redeweise; nicht« weiter. Wen» wir. wa» H. tadelt, bei der Rap Weisung von Rüsten und Polm au« dem deutschen Staatsgebiet schmerzlich ergriffm wurden, ko ist da« eine reine menfchliche Empfindung, die freilich durch religiöse Zusammengchörigkni erhöht wird. Die Maßregel mag nothwendig sein; aber Herr v. Hartmann wird sicherlich, ebm so wie wir. m sprciellen Falle die Härte mitfühlm. wenn Menschen, die unta der Sonne der Eivllisatio» leben, in Barbarei und Willkür zurückgestoßm werden. Wir wistm sehr wohl, daß der polnisch Jude uns in Deutschla»>d schadet, daß er. wir derPole überhaupt gcringschätzend aus den Deutschen, also auch ans den dmtschm Judm herab sieht. Aber so berechnend ist unser Mitleid nicht. — Herr Hartmann meint, wie er sagt, e» gm mit un»; aber er hat mit diesem Buche, da« dir Leidrnjchasie, der Antisemiten steigert, nicht nur den Juden, sonder» vor Allem dem deutschen Baterlande einen schlechte» Dienst rrwirsm. Gerichte ««> Äorrespo»de«ze». Deutfcdland. M«geß»rß. Der .Jwri". — ein recht gut rrdigirie». i» Brody erscheinende« hebräische« Wochenblatt — veröffentlicht mehrere Briefe, welche da« Schicksal der Ansiedler in de» traurigsten Fardm malen. Rrchnm wir etwa« der lcbhaftci Phantasie zu. dir sich im Auftrag«» dunkler Farben gefiel, so stimmen die Berichte von Freund und Feind überein. das alle Fehler, welche im Anfänge haben gemacht werden können, gemacht worden sind. Ungmügmde Krnntniß de« Lande» und seiner Weise, ungenügende« Bcrständniß der Arbeit, schlechte Auswahl der Einwanderer, zu geringkS Kapital - und doch zeigt sich hie und da besten« Gedeihe»! Dan» stimmen alle überein: Wer hingrht, ohne die Klärmig der Berhältniste abzuworten, handelt leichtsinnig. Die Türkei beharrt dabei, fremde Judm nicht zuzulastm und von de» Eingrbormen zu verlangm, daß sie in die Bügerverzeichmiß sich rintragen lastm und alljährlich 1'/, Medjidjr (ca. »Ä.) Kopfftmer für jeden Männlichen zahlm. Ohne da» l!aifi«l über geleistete «teuer hat man kein Wohnrecht und nicht d» Erlaubniß, da» Land zu bereisen. Da« Geld wird nicht vo> den Linzelnm, sondern von dm Gemeindmorstrher» finge* fordert. In Jerusalem wird e» von der Ehaluka und zw« in diesem Jahre mit 3009 Medjidjr (ca. 12000 M.) bezahlt- Dabci zahlm die Kollrlim, dir unter österreichischem, drniichw und holländischem Schutze stehen, nicht«, weil sie al» ckur» päer gelten. Die Last fällt nur auf die Russen, w>'tl da ruff. Eonsul die hier Wohnendm nicht länger al« ö )aha in seinem Schutze hält.