Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 52.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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— 899 — |tn4 Schriften, wie dir Hartmann'sche. erst der Hatz ringelotet, den sie vorau«setzt. I Herrn. Har »mann nimmt sogar Exreffr. wir wir siei» Hinter- I sommern erlebt haben, in Schutz, al« einen Durchbruch „der I^mruiurrn Gewalt de» VolkSgefühl« gegen die anerjogrne Ik,do>di»ation". al» eine völkerpsychologische Erscheinung, str welche die unter jüdischem Einfluß stehende Presse kein gaitändniß habe. Da» ist eine der außerordentlichsten dlsmiigen de» — judenfreundliche» Autor». In den Beuch», >n ivrlchen diese Excesse vorgrkommen sind, ist die jüdisch« tz>vöikerung nicht besonder» zahlreich; aber diese Bezirke sind Ljeslc Burg der Reaktion und brave Leute au» Berlin tetet' selbst dort »och mit Worten und mit — Branntwein dieser .rirmciitarcn Gewalt de» Volt-gefühl»" erst zum Durchbruch Häfen müssen. Dir liberale Presse hatte damal» nur dem tzedauern Ausdruck gegeben, daß die Bersührten bestraft «uten und die Persührer straflos blieben. Hr. o. Hartmann thut, als habe da» Judenthum in Dwiichland anher ihm nur noch bezahlte Benheidiger. Zur lktzic unseres Vaterlandes giebt e» jedoch in ilim noch rhr- Ikbc Männer genug, die sich der Unterdrückten annehmen ■nt) dir sich nicht dupircn lassen, wenn man diese Schwachen ■nb Wehrlosen al» Mächtige und WrltherrschaftSlüstrrne ««girbt. In d'rsem ableugnendrn und beschönigenden Verfahren te» Judenthuin» sieht Hr. v. Hartmann den Hauptgrund te» Wiederaufleben» de» AntisemitiSmu«. Da verwechselt der tzdilnioph Ursache und Wirkung. Giebt e» denn Jemand, ter ablrugnet und beschönigt, wenn nicht vorher Jemand «klagt? Der AntisemitiSmu» wurde au» der Rüstkammer hm-rgesucht, zur Zeit als die Liberalen an die Wand gctiäcki wrrde'n sollten. In einem weitern Kapitel redet sodann Hr. v. Hartmann «ondenMittel » der deutschen Abwehr gegen Vir Ausbeutung. Segen diese Mittel der Abwehr haben wir vvm jüdischen ktandpunkte nichts rinzuwenden, e» sind allgemein volks» »nhschaftliche Moßregel» und selbst unter den bösen Juden «rd c» Viele geben, die wirksame „Gesetze gegen unreelle ScschästSsührung und gegen llumäßigkeit" mit Freuden be- Iwßcn. Aber auch hier begegnen wir einige» Behauptungen, die mist zu nehmen un» eine grohc Anstrengung kostet. Zwei oolkswinhschaftliche Richtungen bekämpfen sich bekanntlich sa« eniigrr Zeit in Deutschland; die Freiheit auf dem Gebiete ter Bolkswirihschaft und die staatliche Bevormundung, der kiaaissocialismu». haben beide ihre beredten Bcrlheidiger; hartmann fürchtet, daß in dem freien Ringe» der Arbeiter und de» Kapitals der Arbeiter, al» der wirthschaftlich schwächere, zu Grunde gehen könnte und betrachtet e« al» die hohe Aufgabe de» Staate» ausgleichend, helfend, erziehend j» wirken. Soweit werde» ihm Viele beipflichtrn. Aber wenn gegen manche Mahreget de» Staate», der doch mit diesen Gesetzen ganz neue Bahnen betritt, Einwände erhoben werden, so sieht Hartmann hierin nur de» Feldzug te« jüdischen Kapital« und findet „<* auch ganz begreiflich, te>h im jüdischen Sonderinteresse alle Hebel in Bewegung ßesetzt werden um da» Zustandekommen solcher Gesetze zu verhindern." Wenn e» ei» jüdische- Sonderinteresse giebt, I» besieht e» darin, unfern Widersachern jede Möglichkeit zu derartigen Beschuldigungen au» den Händen zu winden; da« »odile Kapital und da- Judrnthum sind wahrlich keine Begriffe, die sich dcckrn. Mit besonderer Sorgfalt untersucht Hartmann auf fast och> Seiten den Vorschlag der Antisemiten: Kauft bei keinem -»den; e» ist jedr-sallrigenthümlich, eine» Plan, der am kchluh obgrlehnt wird, so sorgfältig in allen Detai« auszu» orbrnen; ja H. findet sogar, wen» dieser Plan au«geführt würde, „da« Ergebniß schließlich ebenso vortheilhaft für die »uden. wie für die deutsche Ratio»", denn dir Juden würden «an zu produttiver Arbeit gedrängt werden. Nun wenn Hartmann da« Recept, da» er schliehlich verwirft, auch noch so sorgfältig aufschreibt, er wird den nüchternen jüdischen Kaufleutcn keinen Schrecken einflöhen; da» Volk wird stet» da kaufen, wo die Waaren am besten und billigsten sind und wirs beim Rock oder Stiefel nicht nach der Konfession fragen; der jüdische Kaufmann weih sich in seinein Geschäfte vom christliche» nicht unterschieden; die beste Widerlegung der Parole: Kauft bei keinem Juden, ist stet« — rin solider Prei«kourant. Wenn der Autor für sofortige Bezahlung und für feste Preise eifert, so ivird er. bei den Kaufleuten nicht viel Gegner finden; nur muh er W Frauen dafür gewinnen, die im Hrrabdrücken des Preise« um einige Pfennige den Beweis ihrer Tüchtigkeit liefern wollen und die in der Freude über ei» neue» Kleid sich durch die in der Kasse entstandene Lücke nicht stören wolle». Daß er bei dem Kapitel von der Ausbeutung auch einmal den Ausgebeuteten die Wahrheit sagt, ist nur zu billigen; wenn ein junger Offizier beim Spieltisch das vom Wucherer geliehene Geld vergeudet und dadurch seine Eltern in'« Elend bringt, so sieht jeder Besonnene bei dem Handel zwei schlechte Subjekte, wie den» auch daü altjüdischr Z>n«- gesrtz sowohl den Leihende» wie den Verleiher für strafbar hält. Da» moderne Recht hat diese Theorie wohl nur dc«> tvegen falle» laffen, weil e» daun beim Verbreche» de» Wucher» fast nie eine» Dcnunciante» gegeben hätte. Dah die Interessen des Judentyum» mit denen de» Kapitalismus identisch seien, diese Meinung halten auch tvir mit Hartman» für sehr einseitig und beschräntt. Denn da« Judenthum ist eine Religio», und nur den Berliner Weisen neuesten Datum« war e« Vorbehalten, eine Beziehung zwischen einer Religion, deren Bekenner ein unendliches Martyrium erduldet haben, und dem Börsenzettel, zu entdecken. Auch wa« Hartmann über den Einfluß der Juden in Kunst, Wisse »schaft undPresse vorbringt, ist nicht über jeden Einwurf rrtjabe». Er behauptet, dah die Jude» im Exil und in ihrer gegenwärtigen Verfassung nur Talente, aber kein Genie hervorbringen tönntr»; hierbei ist ihm Spinoza etwa« störend, den bisher die Welt für eine» genialen Philosophen gcljalte» hat; aber Hartmann weih sich zu helfen und um Spinoza seiner Originalität zu entkleiden, sagt er: „so lieferte der portugisische Jude Spinoza in den protestantischen Niederlanden die Synthese zwischen dem CartesianiSmuS und dem Pantheismus Bruno'» und verband diese mit der Scholastik seiner spanischen Vorgänger;" andern Sterbliche» schien bisher diese Vereinigung der auf den verschiedensten Gebieten erblühten Gedanken zu einem System wahrljaft genial; Hartmann vermißt diese Einheit; indeß, e» ist doch nicht billig, so en passant durch eine dreizeilige Anmerkung Spinza von seiner Höhe stürzen zu wollen. An den Erfolge» der Juden in Wissenschaft und Kunst mißt er der cliquenhafte» Solidarität einen großen Antheil bei; „überall ist e» die Routine, das Raffinement, der darrt?;oüt, kurz die Spekulation auf den schlechten oder doch de« cineren Kunsturtheila baaren Geschinack der Masse, durch welchen die Juden ihre Erfolge erzielen; überall entadcln sie die Idealität durch Herabziehen ihre» Betrieb» in die geschäftliche Sphäre de» Gelderwerbs". Da« ihun sie überall, in ganz Sodom sind nicht fünf Gerechte. Wie viele Namen hat da« Judenthum, um solche Anklagen zu widerlegen; es wäre unwürdig, nur einige zu nennen, und e» ist fast unmöglich, alle zu nennen. Gegen die Presse hat Hartmann einen tiefen Groll; er möchte durch allerhand Gesetze ihren Einfluß herabsetzen; interessant ist hierbei, daj! alle diese Beschränkungen nur für die Tagesblätter gelte» sollen, daß dagegen die Wochenblätter und MonaiSrevuen alle Vergünstigungen genießen sollen; eine Vergünstigung genießen sie schon heute, indem Hartmann nur ihnen seine Feder widmet. Bei der Politik tadelt Hartmann, -daß alle deutschen Jude» nur auf dem Wege der systcinutisch-intransigenten