Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 51.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/5369809-5935099-5938191--5525-5377567- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 301 — I ,nd ähnlichen. ..ein uneingeschränkte« Rationalgefiihl erfordenden I Stellungen au«zuschließen-, anstatt ,die Juden entweder I gesetzwidrig von den betreffenden Prüfungen fernzuhalten oder I kn weiten Spielraum der ExaminationSwillkür zu mißbrauchen I „d der Abwehr de« Bewerber« ein Mäntelchen umzuhängen-. I Sollte, wenn ein Mann von dem Ernste Ed. v. .Hartmann I g«gen eine Regierung, der er huldigt, solche Anklage» er- I hebt, die »abstrakte Schablone de« Liberalismusso ganz I mwechich sein? Gewiß würde die Erschliche Regelung, daß jüdische Freiwillige nicht Reserveoffiziere werde» können, »ackere und diensteifrige junge Leute vor Enttäuschungen dcwadren. aber ist wirklich seiten« der jüdische» Reserveoffiziere irgend eine Pflicht versäumt worden, daß eine solche Maßregel zu begründen wäre, oder kann eine Regierung die Hypothese oom jüdischen StammeSgrfühl in eine obrigkeitliche Berndnuiig aufnehmc»? Hartmonn will den Juden den Eintritt in dir Staat«- Ktiwltunfj versperren, damit sie nicht dort ein ähnliche« Uebergrwicht erlangen, wie sie es in der Eommunalverwaltung «fichirdener großer Städte schon erlangt haben. Auch hier Ugt sich Ed. v. Hartman» herab, ein von de» Antisemiten asundene« Märchen nachzusprrchc». Wer kann behaupten, dir Juden hätten in der «Verwaltung von Berlin da« Ueber- «mtchi, ohne sich mit den kvncrrtrn TlMsachen in schreienden vidcrspruch zu setzen? Und wo ist der Nachweis erbracht »orden. daß die jüdischen Bürger, rvelche von dem Brrtraurn ihrer (Genossen in die städtischen EoUegirn berufen worden sind, ihren Einfluß zu Gunsten de« bekannte» „WeltherrschaftSttaumcsgemißbraucht habe»? Hartmonn findrt, e« liege im allrreigrnstrn Jnterrfle de« Zadeuthum«, daß alle »och bestellende» »Zurücksetzungenackn langsam schwinden; wir Mächten un» gern zu dem Glauben bereden, daß der große Philosoph e« ehrlich mit m meint; aber er macht e« un« nicht leicht; denn e« scheint «fsmkundig. daß. so lange die Staatsämtcr in zivei Klassen Sheilt ivrrden, und nur dir eine «lasse den Juden offen _ >> und die andere verschlossen bleibt, der eine Theil der elaatst'eamten sich' gegen den andern zurückgesrtz« »vähnt und sich bemüht zeige» wird, auch au» diesen Bahnen dir Juden derauedränge». Darum bietet nur die vollständige Eman» cipalio» ei» Heilmittel gegen de» Antisemitismus, während de unvollständige ihn nährt. Da« ist rine sehr unzeitgemäße Bahrl^it in einer Zeit, wo selbst Philosophen rine Gefahr darin erblicken, ivenn Juden wie bisher Reservelieutenant» »erben, aber der Beobachter scheint krinr«>veg» unbefangrn l» sei», der in diesem Verlangen ein Strebe» „nach Macht- »ägermig für den weitern Kampf um dir Herrschafterblickt. Ein ähnliche« Argument, gegen da« r« keine Berufung Eb«. ivic bei den staatlichen Zurücksetzungen, wendet Hartmann den Zurücksetzunge» in der Gesellschaft an und hier »merhin mit etwa« größerer Berechtigung; wie er dort den Lille» der Regierung al« entscheidende Instanz i»'« Treffen Wn, weist er un« hier mit dem denkbar einfachsten Argument lurütf: die nichtjüdische Gesellschaft kann Euch nun einmal »ich« leiden. Gewiß ist r» richtig, e« verräth wenig Selbstgefühl, »oll«en wir fragen: warum ladest Du mich nicht zu Deinen Gesellschaften. oder »varunr schließt Ihr unü von Euren llasino« au»? Wir wollen auch gar nicht darüber streiten, die Juden in der Thal die gesellige» Vorzüge in erheblich jmngerem Grade besitzen, al« die entsprechenden Klaffen der »ichijüd,scheu Bevölkerung, wenngleich die Thatsache, daß die wUiflffit in Berlin am Anfang dieses Jahrhundert» ivesrnt. ich von jüdischen Familien gepflegt worden ist und daß d'kse dir Elite de« Geistes und der vornehme» Welt damals ,m sich vereinigt haben, jedenfalls da» Hartmann'sche Dogma »on der geselligen Unfähigkeit der Juden rin ivenig erschüttert. Aber Hartmann übersieht, daß i» den letzten Jahren nn Rückgang der geselligen Assimitation in Bezug auf Juden - ^'chtluden siattgefunde» ha«, der durch nicht« zu begründen W Jüdische Frauen (diese steh,,, nach dem Vers, noch auf einer viel niedrigeren Stufe al« die Männer), die lauge Zeit in den Easino's von Beamten und Offizieren mit aller Rücksicht behandelt worden sind, wurden wie auf Verabredung ignorirt. neu eintretende Mitglieder au» der Reihe der Staatsbeamten ließen sich absichtlich jenen nicht vorstellen und dergl. Unzuträglichkeitrn mehr, die schließlich diese Inden, deren Vorfahren oft schon von höheren Gesellschaftskreisen al« ebenbürtig für de» Verkehr ivaren angesehen worden, zivangen, aurzutreten oder de» Vereinigungen fern zu bleibe». Run giebt es ja freilich deutsch.' Familien genug, die über so'che Borurtheile hinaus sind. Aber ist e» nicht naturgemäß. daß gerade der Jude, der eiwaS auf sich t>ält. durch 3e unmotivirte Unarten verschüchtert worden ist und sich tlich zurückzicht au» Furcht vor Jiisulte». daß sonach auch eine Kluft zwischen Juden und dem Theil der deutsche» Gesellschaft entsteht, der sich von Borurrheilen gegen die Juden frei iveiß. Wenn bei den Männern diese neuerdings entstandenen Schranken nicht so trennend wirken wie bei den Frauen, so liegt die» gewiß nicht nur an dem geringer» geselligen Takte der Jüdinnen. Die Frauen au» unserer deutschen Beamtcmvelt in den mittler» Schichten sind gerade nicht ausgezeichnet durch den Zauber ihrer Aninuth; die deutsche Bcamtenfrcru hat im Allgemeinen wenig Gelegenheit ihren Gesichtskreis zu erweitern, während der Man» durch seinen Berus sich fortbildet und in seinen Anschauungen freier wird; die Frau ist titelr- und orden-stolzer als der Mann, auch den Regungen de» Neid« und der Mißgunst leichter zugänglich, daher können sich die Frauen der Beamten noch schlechter al» diese selbst mit den Juden vertragen. Wir läugnen nicht, daß die Juden un Allgemeinen noch Manche« an sich abzuschleifen haben. um sich völlig in den deutschen Verkehr einzulrben, aber e» scheint, al« ob es auch denen, die längst diese Vorzüge einer guten Erziehung besitzen, die« herzlich «venia nützt, gegenüber den neuerdings ertvachten antisemitischen Regungen. Hartmann ist e« nicht entgangen, daß dieser Gegensatz schon bei den Schulknaben zum A »«druck kommt, er erinnert mit Recht daran, daß bisher das «iterhältniß zwischen jüdischen und nichtjüdischen Klassenkameraden durchaus freundschaftlich und frei von Antivathie gewesen ist; aber er irrt, ivenn er die« darauf zurückführt, daß früher die jüdischen Schüler eine verschwindende Minderzahl gebildet habe». O »ein, diese Schülrrfeindsrligkeit ist rine Wirkung der Hetze unter den Erwachsenen; man hat bi« zum Jahre, da Stöcker und Förster und Henrici ihr Friedenswerk begannen, »venig von dieser Feindseligkeit verspürt, die sich jetzt so gut in Berlin, wie in den Provinzen äußert; gerade die unbefähigtrn christliche» Schüler sind dir Hauptanstifter und Pfleger diese« Schulantisen«iti»mu». denn er ist ihnen eine beguemc Handhabe sich dafür zu rächen, lvcmt mancher jüdische Schüler e« «vagt mehr zu leisten al« der Sohn eine« hochgestellten Beanlten oder eine« adligen Herrn. Allgemein wird bestätigt, daß auf katholische» Schulen diese Arußerungen des Judenhasses nur sehr selten sind, daß dagegen auf evangelische» Lehranstalten die jüdischen Schüler vielfach darunter zu leiden haben und daß anbei die von den Lehrerkollegien geübte Schuldisciplin gerade eben nur da« Röthigste thut, um die Schül.'r zu schützen. Hartmann räth un» zur Geduld, und wir Huben u»S diese» Rath schon längst selbst gegeben, zumal e» uns gar nichts nützt, »ngeduldia zu iverden; ab« es ist zu fürchte», daß die Wirkung seine« Buche« auf die gebildeten deutschen Volksschichten die Geduldsprobe nur verlängern ivi-d. Wenn er stet» die .WirthSvölker" und die Inden i» Gegensatz stellt und immer wieder daran erinnert, daß «vir vor vielen Jahrhunderten al« ungebetene Gäste in« Land gekvmincn sind, — und die Sache ist doch schon so lange her. daß sic füglich vergesse» sei» könnte —, so wird das nicht gerade unsere Wirthe, um Hartmann'S Ausdruck zu benutzen, den» «vir betrachten un« nicht al« Gäste, freundlicher gegen uns stiinmen.