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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1884-01-01 · 15. Jahrgang Nᵒ 51. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
15 (1884)
Issue
15. Jahrgang Nᵒ 51.
Date
1884-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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— 890 — hätten, un» zu emancipiren, wenn sie e» nicht eben au« freien Stücken gewollt Hütten. Qkroife sind dir Völker im Bereiche ihre«Machtgebiete» souverän und sie künnrn einen Theil der Bevölkerung unter Au»nahmegesetze stellen. Rur hat eine solche Maßregel, wenn sie ohne den triftigsten Grund verhängt wird, den Anschein roher Gewalt; r» ist eben nur eine Fiktion, un» im Hinblick auf unser künftige«, vom Nordpol bi» zum Südpol sich erstreckende» Weltreich al» Fremde im Lande darzustrllen. Es istkeinem jeernstlich eingefallen. dieGleichberechtigungder Juden zu fordern, ohne „innerliche Gegenleistung" derselben. Jndeß. diese innerliche Gegenleistung läßt sich nicht kontroliren, (nur der Philosoph, der Her^ und Nieren prüft, weiß, daß. wenn wir e« auch leugnen, wir die Weltherrschaft im Sinne haben.) und so muß sich der Staat damit begnüge», wenn der Jude gleich den andern Staatsbürgern seine Pflichten erfüllt. Daß er Rationalgefühl hat. ist die Voraussetzung, so lang«' nicht da« Gegentheil durch Bersaumniß dieser Pflichten zu erweisen ist. Jetzt thut unser Autor einen Schritt um zu zeigen, daß | wir schon in der Gegenwart mit den Acitherrschaftsbestrrbungen Ernst mache». Die ^.lliauo« ioraälit« universelle wird zu diesem Zwecke citirt. Auch hier arbeitet Hartmann mit einer Waffe der Antisemiten. Merkwürdig genug hat die Allianz wohl fünfundzwanzig Jahre bestand,'», bevor einer a» ihre Gefährlichkeit für die europäischen Staaten dachte. Ihr Stifter ist ein Stockfranzose, wie er fanatischer gar nicht gedacht werden kann. Eremieux hatte'aus einer Reise nach dem Orient da» geistige Elend, die Verwahrlosung der dortigen Juden mit eigenen Augen gesehen, und nach dem Muster jüdischer Wohlthätigkeit, wie sic Hartmann in diesem Buche so schvn schildert, dachte er die Roth durch die Gründung von Schulen zu mildern, zu heben. Der pathetische Franzose gab dem Verein einen glänzenden Namen, aber die Ziele haben mit Politik nicht« gemeinsam. Kümmern sich Protestanten oder Katholiken nicht um ihre Äenoffcn in der Diaspora? Lartmann unterschätzt die Macht der Religion, lvenn er nicht au» ihr allein e» zu erklären vermag, wie da» Leid fern wohnender Glaubensgrnoffrn die Herzen der europäische» Jude» erregt Er giebt un» .den Rath, „die Thätigkeit der Allianz auf »hre ostensiblen Zw?2e zu beschränken und sie mit zunchmrnder Erreichung derselben allmählig erlöschen zu lassen". Er darf versichert sein, daß wir diesen Rath schon befolgt halien. bevor er gegeben worden ist; er verfällt in den Fehler, den er den Antisemiten vorwirft. daß sie die Bedeutung der Allianz überschätzen und übertreibe», rvenn er behauptet, daß sie in den Augen der jüdischen Patrioten die erste embryonische Anlage zu einer Centralregierung der künftigen jüdischen Weltherrschaft vorstcllt. Hartmann hat ein Experiment zur Hand, an dem man am besten ersehen könne, ob da« Stammesgesühl oder da« deutsche Rationalgefühl in einem Juden stärker sei; wen» von zwei gleich würdigen oder gleich bedürftigen Mens,Yen der sine ein frrmdstaatlicher Jude und der andere ein nicht« jüdischer Landsmann ist, wen» wird der deutsche Jude helfen? Hartman» übersieht, daß da« Experiment leichter erdacht, al» praktisch darstellbar ist; er verkennt ferner, daß z. B. der polnische Jude dem deutschen Juden sehr wenig sympathisch ift und häufig, wenn irgend ein Amt in einer deutschen Judengemeinde vacant ist. ausdrücklich die Eonkurrenz fremdländischer Bewerber auägeschloffen wird; endlich beachtet er nicht, daß die religiöse Zusammengehörigkeit bei vielen Menschen, ein fast noch wichtigerer Faktor ist. al« die staatliche, daß also da» „jüdische Stammesgesühl". selbst wenn da» Experiment hi» und wieder zu Gunsten de« fremdstaatlichen Juden ausfiele, noch keinesiveg« erwiese» ist. Wa» wir nun auf Sefte 5t» ganz im antisemitischen Styl lesen, „daß. wenn von den Juden die uneingeschränkte Mitarbeit am nationalen Kulturleben gefordert wird, dann da» religiöse Stammesbewußtsein sich zeige, ivelchc« dem au»- ' erwählten Volke Gotte« alle Gojim wie Mensch?» ziveiter Klaffe gegenüberstelle", ist un» vollend« unverständlich. Tusq strenge Dei»mu« der Juden, den Hartmann so gering schz^ »veil er in ihm da» Prinzip der Immanenz vermißt, (vielltich aber ist der biblische Gott doch nicht so absolut tra»>cc,idcah fft un» ein heilige» Erbe, .zu deffen Besitznahme wir ><d»ch alle „Gojim" berufen wähne». Hartman» hält da» Jude» thum für einen überwundenen, ja sogar für einen längst überwundenen Standpunkt; wir wollen darüber „ich, ihm rechten; aber er kann sich doch nicht zur Bet>auvlu», versteigrn. daß rin Monotheist, selbst ivenn er kein Schivänefieisch ißt, kein guter deutscher Bürger sein könne. Diese» StammrSgefühl nun. daß wir nicht zugebeii. nt ihm ein hinreichender Grund für die Zurücksetzung im Llaa:.-. über welch« die Juden in Deutschland klagen. E» ist vielfach behauptet worden, der Antisemit,»,nu» sei gerade dadurch so aufgeschoffru, weil die Ema»cip.nio, der Juden sich nur auf einigen Gebieten vollzogen habe. Zu, Beispiel, ein Edelmann hat zwei Söhne, der eine ist begabt und widmet sich der Justiz, der andere ist weniger befähig, und wird Offizier. Der Jurist hat jüdische College» um sich der Offizier nicht, ist e» nun so unwahrscheinlich, daß der Bruder, der Soldat ist, den anderen, der sich der juriNischc, Karriere gewidmet hat, mit seinen Kameraden Cohn und Lewy neckt und dadurch in dem Juristen da« Gefühl criveck. der Staat muffe ihn für etwa» 'Schlechtere» an sehen, al» den Soldaten, da er ihm Gcnoffen gebe, die der Offizier sich nicht gefallen zu lassen brauche? Sein Standesbewnßiikm empört sich gegen diese vermeintliche Kränkung, und soion iti er. lvenn er nicht eine» besonder» edlen Charakter hat. da der Arbeit, die Juden auch au» dieser Bahn, die ihnen eröffn» worden Ist. herauSzudrättge». Hartman» sagt: jeder besonnene Jude wird einräumm. daß beispiel«weise die Erfahrungen, die man mit der Eröffnuag der Justizkarriere gemacht hat. für die Jude» so »xn>g schmeichelhaft sind, wir möglich. „Jeder besonnene Jude wird rinräumen". Wir klug erdacht ist diese schlistische Wendung um eine persönliche, un« wenig wohlwollende Meinung de« Autor« in de» Augen de» Leser« zu höherer Geltung empor zuhebe». Der Staat stellt noch fort und fort jüdische Richtn an, da wird wohl auch ein besonnener Richtjude einraume». daß im Großen und Ganzen die jüdischen Juristen zum rodet nicht mehr Anlaß geben al« ihre christlichen College», und ivenn hin und wieder ttnzuträglichkeitrn stattgefundrn hal>cii. so kommt dir« daher, daß diese« eine Gebiet de» Staats»,enileo den Juden eröffnet ivurde, während dir anderen ihnen san verschloffen blieben, und sich sonach in diese« eine Gebiet ungebührlich Biele drängten. Einfachen Leute» gilt da» Rcchtsprrchen al« die erhalt»!»'« Funklion im staatli.che» Leben; nach Herrn von Hartman» jedoch muß ei» Reservelirutenant mehr Rationalgefühl haben, al» ein Richter. Hartman» redet verächtlich von der »ab strafte» Schablone de» Liberalismus;" wir könne» in dieie« verächtlichen Ton nicht einstimmrn, weil diese abstrakte Schablone die einzige Schuhwehr gegen die Willkür ist. Auf unsere Klagen über Zurücksetzung giebt Hartman« un« zur Antwort: „die Regierung will r» »un einmal s». ihr könnt sie nicht zwingen". Da« wisse» wir leider nnr allzugut. aber ift e» edel und würdig, sich aus da« formelle Recht zu stützen, wen» da» materielle Recht fehlt? In einem besonder« stagnirendc» Punkte giebt Hartman« zu, daß un« Unrecht geschieht. Biele Jahre hindurch »«* die Einjährig-Freiwilligen jüdischen Bckenntniffr« in gleicher Weise wie ihre christlichen Kameraden zu Reserveoffiziere» befördert worden; plötzlich ist da» ander« gcrvorden; e» er»tiw> keine neuen Berordnungen. dennoch gehört e» jetzt zu de» außerordentlich seltenen Ausnahmen, wentk rin Jude Reserve' Offizier wird oder nur zu dem betreffenden Examen zugelaisc» wird. Hat die Krieg-tüchtigkeit der Juden so rapib abge> nommen? Hart »an» kann sich zu dieser gewagte» Ertläruag nicht entschließen, aber er verlangt von der Regierung, dal sie den Math habe, jüdische Beiverber au»drücklich von d,e>er A

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