Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 50.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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— 388 — schwer und wie selten finden sich Katholiken bereits, bei btt Schließung einer Ehe die Schranken der Konfession zu durchbrechen. Und da sollte es erst besonderer ethnologischer Differenzen bedilrfen, um es zu erklären, warum bei der Aaitenwahl Juden und Jüdinnen ihre Glaubensgenossen suchen? Wo die Religion aufgeyvrt hat. ihre Macht über die Gemüther au-zuüben, da kann man häufig genug der Ziede begegnen: ich mache mir nichts daraus, einen Christen oder eine Christin zu heirathen. Wenn wir Juden aus verschiedenen Ländern nedeneinanderstellen. so merken wir. daß sich der deutsche, der ungarische, der böhmische, der polnische Jude sehr unterscheiden, daß bei jedem von ihnen der Charakter der Nationalität, unter der er wohnt. sehr deutlich heraustritt. Der Rasicnunterschied zwischen den deutschen Juden und den anderen Deutschen ist jedenfalls sehr geringfügig. Hartmann iveist auf die zwischen den „niederen Bolk». schichten beider Theile herrschende Antipathie" hin. Diese Antipathie ist thatsächlich nicht so stark, als man i» judenfni,blichen Kreisen annimm», und würde vollend» schwinden, wen» sie nicht gerade in unsern Tagen von den Höhrrgedtldcten genährt würde. Fast überall, wo ein Judenkrawall verkam, war eS irgend rin Herr in eleganter GesellschaftS. lleidung, der die BolkSmaffen aufgereizt hatte und dann verschwand. Der ..erschreckende Rückgang der Bildung in den höh.ren Standen", den Hartman» so sehr beklagt, erklärt eS vollauf, wie viele Kreise, die früher Kraft ihrer liberalen Gesinnung die Judrncmancipation gefordert und gefördert haben, jetzt ihr feindlich sind. Daß aber da» Bolk nicht ganz den Judenhaß vergessen hat. der ihm Jahrhunderte hindurch von alle» Kanzeln gepredigt worden ist. und daß eS sonach für die Apostel de» Antisemitismus ein empfängliches Ohr hat, ist auch ohne Rassrnabneigung selbstverständlich. Die Schilderung, die v. Hartmann von de» Juden ent» mrft. ist höchst schmeichelhaft. Er rühmt unsrre Wohl» thätigkeit in einer Weise, daß er das praktische Judenthum hoch über da» plastische Ehristenthum stellt; erwähnt, daß wohl bei keinem Stamme der Well schon vo» altersher Bildung und Gelehrsamkeit in solchem Ansehen gestanden haben, als bei den Juden, sagt, daß gleich dein Wissen auch dir A r b e i t in hoher Ehre bei den Juden stehe und daz nicht» verachteter sei als der Müßigang und da» Leben ans Koste» Anderer, preist de» Familiensinn, die Keuschheit, da» „Gefühl der Mannes für seine sociale Pflicht eine Familie zu gründen" und findet in alledem noch eine Benvandschaft zwischen dem jüdischen und dem deutschen llharaktrr. Aber wenn der Jude voller Freude diese glänzende Anerkennung liest und eigentlich den Schluß erwarten dürfte, daß sich die Deutschen füglich noch zu solchen Mitbürgern aratuliren könnten, wird er bitter enttäuscht durch den ihm für den ersten Augenblick ganz u»faßbare» Bvrwurf, daß unsrre lugenden nicht im Dienste der deutschen, sondern der jüdischen Nealc stehe». Ueber diese jüdischen Ideale äußert sich der «erfasser »> de» folgende» Kapiteln. Zuvörderst wird der Gegensatz der Religion besprochen. giebt zu, daß e» für einen gebildeten Jude» unmöglich m. sich zu den Dogmen de» ChristenthumS zu bekennen, daß >üso auf d>rsrm Wege die Kluft nicht zu Überdrücken ist, und halt e» für da» Angemessenste. daß die Juden au« dem audenthum auStrrten um da»» da» Material für die smmaucnz-Rrligio» der Zukunft zu bilde», deren Prophet »duard v. Hartman n ist. Jndeß in einer Zeit, wo das kirchliche Lebe» noch so «achiig jsi und einen so großen Einfluß auf die Politik ausudi. scheint ihm dieser Au«wrg nicht sehr praktisch. I» «ttcm Kapitel begegnen wir einen» Satze, der al« dialektische» K“»[tf,üd der höchsten Beachtung würdig ist. Hartmann „ich hin weit entfernt, denjrnigen zu tadeln, der sich (um Glaubenswechsrl entschließt; ich kann sogar die Stärke ""t* PatriotiSmu« und e»ne« Familiensinn» bewundern, ein persönliche«, moralische« Marchrium auf sich nchmen, um di« Kluft zwischen den deutschen Staatsbürgern jüdischer und deutscher Abkunft tilgen zu helfen und für die Nachkommen die Schranke konfessioneller Verschiedenheiten niederzureißen." Man traut seinen Augen kaum, wenn man diesen Satz liest. E» treibt einer seinen Spott mit den heiligsten Dingen und spricht feierlich rin Bekenntniß an», da« er innerlich verwirft, und dadurch erlangt er Ehren und Armtcr, die ihm sonst verschlossen geblieben wären, er tritt von den Verfolgten zu den Herrschenden über, und da« nennt Eduard v. Hartmann ein ..persönliche«, moralische» Martyrium," das er bewundert. Nun ja. ein gewisse» Martyrium ist ja dabei, denn sein Gewiflen wird ihm Borwürfe machen, daß er um weltlicher Bortheile willen die Lüge zur Richtschnur seine« Leben« genommen hat; aber dieses Martyrium erduldet auch der Meineidige, der durch den falschen Schwur sich Geld und Gut verschafft. Der Patriotismus kann solche Berlogenheit nicht verdecken, und ..wenn da» deutsche Bolk. dem jüdischen Proselyten mit instinttivem Mißtrauen begegnet", so hat dies kaum, wie Hartmann meint, seinen Grunv darin, daß sie für „stille Kompagnon»" der Juden angesehen werden, denn daß sind die Apostaten, die gern ihre Abstammung in Bergessenheit bringe» möchten, in den seltensten Fällen, sondern das B>ll hält ihren Uebertritt für Heuchelei zur Erreichung weltlicher Bortheile und verabscheut die Lügner. Daß der Autor bei dieser Konnivenz gegen die religiöse Lüge e« bedauert, wen» jetzt nicht mehr wie sonst gebildete Juden, die selbst keine Lust zum ProselytiSmuS haben, ihre neugeborene» Kinder einsach laufen lasse», kann uns nicht Wunder nehme». Hartmann vergißt hinznzufügen, daß solche Komödien nur in Familien möglich sind, die innerlich der Religio» entfremdet sind und ihre Formen nur au» Anstandsrücksichten mitmachen. _ (Fortsetzung folgt.) (Sitte Ehrenpflicht. In seinem jüngste» Buche hat der „Philosoph de« Unbewußten". Eduard von Hartmann, ei» merkwürdige» Wort geäußert, da» mitten unter den 'gehäuften Anklagen, die er gegen da» moderne Judenthum schleudert, sich etwa wie der unfreiwillige Segen Bileam« auSiiimml. Er sagt nämlich, daß der jüdisch« WohlthStigkeitSsinn in seiner eminent praktischen Richtung geradezu musterhaft und da» Ideal für alle anderen Consessionen sein könnte. In ihrer Bethätigung stehe die jüdische Wohlthätigkcit hoch über de» anderen Religionen, die oft gänzlich unpraktische Ziele verfolgen. An diese« Philosophenwort möchte ich anknüpfen, indem ich den Wohlthätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen für eine Sammlung zu interrssiren versuchen will, die diese» Interesse« in hohem Grade würdig, leider aber auch bedürftig ist. B>rl und für vielerlei wird in Israel „gesammelt". Jede einzelne Sammlung aber wendet sich an verschiedene Kreise und findet zum Glück ihre Liebhaber; alle aber be- Scgnen offenen Herzen und wa« noch mehr ist — offenen 'aschen. Keine Sammlung aber wendet sich mit solcher Berechtigung an da« „ganze Hau« Israel", wie dir de« „Deutsch, israelitischen Gemeindebunde«" zum Besten der „Friedrich»Wilhelm»Biktoriastiftung" , einer Central-Bersichrrung«- und Pensionskaffe für jüdische Äemeindrbcamte in Deutschland". In diesen Tagen gehen die Sammellisten an alle jüdische» Gemeinde» Deutschland«, und da verlohnt e« sich wohl der Mühe, ihnen rin Begleitworl mit auf den Weg zu geben, daß sie überall freundliche Aufnahme finden. Nicht leicht dürste unter den „Enterbten der Gesellschaft" einer Menscheuklaffe rin härtere» Loo» beschirden sein, al« jüdischen Gemeinhebeamten. „Der Bauer al« Millionär" kommt wenigsten« im Märchen vor; der jüdische Beamte auck' nicht einmal dort. Daß die Götter de», welchen sie h'ssen, zum Lehrer machen, sagt schon da« griechisch« Sprüchwor».